Serie "Silvesterbräuche": Polen - Fest der Reichen

Serie "Silvesterbräuche" : Polen - Fest der Reichen

Warschau (RP). An dieser Stelle möchten wir Ihnen bis Samstag die Silvesterbräuche unserer Nachbarn in Europa vorstellen. Heute ist Polen an der Reihe. Die Kundin am anderen Ende der Leitung ist ganz aufgeregt. "Ist das Kleid noch da? Das dunkelgrüne", fragt sie. Die Verkäuferin beruhigt sie: "Haben wir vorrätig." Sie kennt das schon.

Gerade ist die neue polnische "Elle" mit einem Ballkleid von Julia Kwaszkiewicz erschienen, schon geht es rund im Studio der Warschauer Top-Designerin. Zum Jahreswechsel stürmen die Damen der polnischen Society die Läden mit exklusiver Abendmode. Denn die klassische Art, in Polen Silvester zu feiern, heißt: Ball, Ball, Ball. Zumindest für alle, die es sich leisten können.

"Silvester ist bei uns ein Fest der Reichen", sagt die Polonistin Anna Konstanczuk, "die Armen legen sich einfach ins Bett." In dem tief katholischen Land ist Weihnachten das wichtigste Familienfest. Ein Schlemmerspektakel, bei dem 13 verschiedene Speisen aufgetragen werden, Heu auf dem Tisch liegt (in Erinnerung an den Stall von Bethlehem) und ein Platz an der Tafel immer frei bleiben muss - für den unangekündigten Gast.

Schulterfreie Kleider

Ähnliche Traditionen gibt es für Silvester nicht. Auf dem Land wird die Jahreswende kaum gefeiert. Dafür amüsieren sich die Eliten in den großen Städten auf dem Parkett. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg waren rauschende Silvesterbälle der alljährliche Höhepunkt im Leben jeder Offiziers-Gattin. In der kommunistischen Zeit wurde versucht, Betriebspartys als eine Art Volksvariante populär zu machen - mit mäßigem Erfolg.

Seit der Wende sind die Bälle wieder ein Muss für alle, die zur "Smietanka" - der Crème de la crème - gegehören wollen. Auf das Geld wird da nicht geschaut. "Ich staune manchmal, was selbst ganz junge Frauen für ein Kleid ausgeben", sagt Krystyna Kwaszkiewicz, Mutter und Managerin von Designerin Julia Kwaszkiewicz. Für die Modelle aus ihrer Kollektion "Ego" müssen die Kundinnen umgerechnet 500 bis 600 Euro berappen - keine Kleinigkeit in Polen, wo der Durchschnittslohn bei 610 Euro liegt. Dafür ist das Prunkstück dann aber aus reiner Seide. Besonders beliebt für die Silvesterbälle in diesem Jahr: der "griechische Stil" - schulterfreie Kleider aus fließendem Stoff, der den Körper locker umspielt.

Die selbstbewusste Polin kauft sich ihr Ballkleid selbst. Der Kavalier mit dem Portemonnaie hat ausgesorgt - zumindest beim Kleiderkauf. Denn mit der richtigen Garderobe und dem obligatorischen Besuch beim Friseur und im "Salon Pieknosci" (Schönheitssalon) ist es noch nicht getan. Auch die Eintrittskarten für die Silvesterbälle sind ein ziemlicher Schlag ins Kontor. 250 Euro pro Person kosten die Tickets für den "Wiener Ball" im feinen Warschauer Sheraton Hotel. Die Edel-Parties liegen im Trend. "Wir haben schon 600 Reservierungen - mehr als im vergangenen Jahr", sagt Food Director Wojciech Fronczak. Im Interconti-Hotel gibt es an Silvester gleich drei verschiedene Themen-Bälle: "Las Vegas", "Mexiko" und "Südliche Hemisphäre" sind die Mottos.

Nicht alle feiern so teuer und gediegen. "Wir gehen auf eine Underground Party", erzählen Schauspieler Cezary Kosinski (32) und seine Frau Anna. Auch davon gibt es in der Warschauer Szene ein großes Angebot, beispielsweise in der "Piekarnia", einer alten Großbäckerei.

Auf dem Land aber bleiben die meisten Polen an Silvester zu Hause, oder sie feiern im kleinen Kreis mit ein paar Freunden. "Ohne Sekt läuft nichts", sagt Anna Konstanczuk. Am liebsten mögen die Polen "Sovetskoje Igristoje" - eine polnische Lizenzproduktion russischen Schaumweins, dessen süßlicher Geschmack geeignet ist, die meisten Westeuropäer in die Flucht zu schlagen. Doch "szampan" muss sein: Wer an Silvester keinen Alkohol trinkt, wird schnell zum "Abstinent" gestempelt. Und dieses Wort sprechen die Polen mit einem Gesichtausdruck aus, als liege seine Bedeutung irgendwo zwischen "unheilbar krank" und "pervers".

(Rheinische Post)
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