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Details aus der Gefangenschaft: Natascha im TV-Interview: "Ich finde ja, dass ich stärker war als er"

Details aus der Gefangenschaft : Natascha im TV-Interview: "Ich finde ja, dass ich stärker war als er"

Wien (rpo). In ihrem ersten Fernsehinterview hat die 18 Jahre alte Natascha mit bewegenden Worten Einzelheiten von der Entführung und aus ihrer Gefangenschaft erzählt. Als ihr Entführer sie packte, verspürte sie keine Angst. Sie dachte vielmehr, dass ihr Entführer sie sowieso umbringen werde. Später sagte sie über Wolfgang P.: "Ich finde ja, dass ich stärker war als er."

Mit leichtem Zittern in der Stimme berichtet Natascha Kampusch im Österreichischen Rundfunk (ORF2) von dem Tag, an dem sie von ihrem Entführer Wolfgang P. verschleppt wurde. Schon aus einigen Metern Entfernung habe sie ihn gesehen und gleich ein unangenehmes Gefühl gehabt. "Ich wollte die Straßenseite wechseln, das war so ein Bauchgefühl. Ich habe das Gefühl aber meiner emotional aufgewühlten Situation zugeschrieben", so Natascha, die am Tag ihrer Entführung einen Streit mit ihrer Mutter hatte. "Ich dachte, der wird mich schon nicht beißen."

Sie sei verzweifelt und wütend gewesen, als ihr Entführer sie im Auto mitgenommen und in das dunkle Kellerverlies gesteckt habe. Doch Angst habe sie nicht gehabt, sagt Natascha. "Ich dachte mir, der bringt dich sowieso um. Also kannst du deine letzten Stunden und Minuten wenigstens noch gezielt nutzen", so Kampusch.

Mehrmals greift Natascha während des Interviews zu einem Taschentuch, wischt sich Tränen aus den Augen. Doch insgesamt wirkt die junge Frau gefasst, hin und wieder scherzt sie mit Christoph Feurstein, der das Gespräch führt. Sie trägt eine violette Bluse, ein Haartuch und Jeans, ist leicht geschminkt. Weil sie stark lichtempfindlich ist, schließt sie immer wieder die Augen. Natascha, die jahrelang von der Außenwelt abgeschnitten war, hat sich nach ihrer Befreiung eine Erkältung geholt. Sie hustet.

Eindrücklich schildert Natascha die ersten Tage in ihrem Kellerverlies, berichtet von "klaustrophobischen Zuständen". Manchmal habe sie mit Mineralwasserflaschen und Fäusten an die Wände geschlagen, in der Hoffnung, dass sie jemand hören könne. "Wenn er mich nicht irgendwann mal rauf genommen hätte ins Haus, ich weiß nicht, ob ich dann nicht wahnsinnig geworden wäre", sagt sie.

In ihrer Gefangenschaft habe sie "auch sehr oft gehungert". Die 18-Jährige berichtete von Kreislaufbeschwerden und Konzentrationsstörungen: "Man ist nur noch zu primitiven Gedanken fähig."

Gemeinsam mit ihrem Entführer feierte Natascha Geburtstage, Weihnachten und Ostern. "Ich habe ihn dazu genötigt, das mit mir zu feiern. Er hat mir viele Sachen geschenkt, Ostereier, Weihnachtsgeschenke und so", erinnert sich Natascha.

"Ihm fehlte Selbstbewusstsein"

Ihren Peiniger beschreibt die junge Frau als labile Persönlichkeit. "Ich finde ja, dass ich stärker war als er", sagte sie. "Ich hatte ein stabiles soziales Umfeld. Er hatte sowas nicht, ihm fehlte Selbstbewusstsein und Geborgenheit." Wolfgang P. habe "immer alles kontrolliert und untersucht", damit sie keine Botschaften schreibe. Über den Tag ihrer Flucht sagte Kampusch: "Ich wusste in dem Moment, wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie mehr wieder."

Besonders quälend waren für Natascha Begegnungen mit anderen Menschen. Gemeinsam mit ihrem Entführer durfte sie hin und wieder das Haus verlassen. Doch nie hatte sie Gelegenheit, jemanden um Hilfe zu bitten.

Wieder in Freiheit sei sie in den vergangenen Tagen "inkognito" mit Sonnenbrille und Kopftuch Eis essen gewesen. "Es war toll die Menschen alle anzulächeln und keiner hat mich erkannt", betont sie.

Natascha Kampusch denkt darüber nach, ein Buch über ihre Erlebnisse zu schreiben. "Ich möchte auf keinen Fall, dass sich jemand anderes als Experte über mich ausgibt." Doch zunächst möchte die 18-Jährige ihre Schulbildung nachholen, vielleicht studieren - "aber ich weiß noch nicht, was". Gerne wäre sie Schauspielerin, sagt Natascha.

Nach ihrem Abitur würde Natascha gern eine Reise machen. "Eine Matura-Reise, aber nicht mit Alkohol und so, sondern schön." Außerdem habe sie bereits geplant, mit ihrer Schwester mit dem Zug nach Berlin zu fahren.

(afp2)