1. Panorama
  2. Leute

Jetset in den 60er Jahren: Maßlosigkeit und Müßiggang

Jetset in den 60er Jahren : Maßlosigkeit und Müßiggang

Düsseldorf (RP). Sie waren reich und bestachen in den Disziplinen Maßlosigkeit und Müßiggang. Der Jetset der 60er Jahre leistete sich Extravaganzen - und das ganz ohne die Peinlichkeiten der heutigen Zeit.

Wer den Schauspieler Curd Jürgens auf dessen Anwesen in Cap Ferrat an der Côte d'Azur besuchte, der mochte schon an der Einlasspforte am Geisteszustand des Hausbesitzers zweifeln: Am Eingang saßen auf zwei hohen Säulen zwei kreischende Affen, daneben auf Schaukeln mehrere Papageien. Und dann zog noch ein Esel, mit einer Glocke um den Hals, einen kleinen Barwagen übers Grundstück. Champagner, bitte!

Solch einen kleinen Spleen verzieh man gern, schließlich brachte er Abwechslung in das Einerlei der Luxusvillen, teuren Autos und edlen Schmuckstücke. Originell wollte man sein, und vielleicht hat der Esel seinen Besitzer Curd Jürgens auch nur daran erinnert, in welchem seiner Häuser er sich gerade befand. In Gstaad? Auf den Bahamas? In Wien? Oder in Cap Ferrat? Das klingelnde Glöckchen gab Orientierung.

Eine feste Clique von Milliardären

Curd Jürgens, der deutsche Star in Hollywood, sammelte Häuser, Autos — und Meilen, bevor Luftfahrtgesellschaften auf diese Idee kamen. "Man muss im Jahr mindestens 20.000 Meilen geflogen sein, um dazuzugehören. So ist es." Dazu, das heißt, zum Jetset, einer festen Clique von Milliardären, reichen Erben, schönen Schauspielerinnen, bedeutungslosem Adel und aufstrebenden Künstlern, die sich dem Nichtstun auf hohem Niveau hingaben und in Porsches oder Maseratis von St. Tropez nach Cannes düsten oder von Paris nach New York jetteten. Der Kreis war immer in Bewegung. War die Party vorbei, zog die Karawane weiter.

Eine wichtige Rolle in diesem Gefüge spielte der Playboy. Damals, Jahre bevor Hugh Hefner den Begriff mit seinem Magazin samt Nacktaufnahmen und tollen Interviews für sich vereinnahmte, stand der Playboy noch für einen Gentleman. "Das war damals in der internationalen Gesellschaft ein gut aussehender, beliebter junger Mann", sagte Gunter Sachs dem Magazin "Stern". "Eine Spezies, die es heute nicht mehr gibt: Weltenbummler, die Sprachen beherrschten, die wussten, wie man Feste feiert und meistens sehr sportlich und elegant waren — und vor allem mit schönen Frauen parlieren konnten."

Sie liebten die Freiheit und die Ungebundenheit

Gunter Sachs, Urenkel Adam Opels und überaus vermögend, wusste, was Frauen hören wollen. "Wir sind ein exklusiver Club: zwei Tropezianer, die sich nicht kennen", soll er 1966 im Epizentrum des europäischen Jetsets zu Brigitte Bardot gesagt haben. Hartnäckig hält sich die Geschichte des Heiratsantrags: Von einem Helikopter habe er ein Meer roter Rosen auf Bardots Villa in St. Tropez regnen lassen. In Wahrheit sei es nur eine gewesen. Die Bardot fand's trotzdem romantisch und sagte "Ja" zum Playboy. Im Juli 1966 heirateten sie in Las Vegas, verbrachten die Hochzeitsnacht auf der Couch des Friedensrichters, der sie traute. Die Liebe hielt nur wenige Monate, die Ehe auf dem Papier drei Jahre.

Vielleicht waren die Ehe und sogar die Liebe zu bürgerlich für diese Gesellschaftsgruppe, die die Freiheit und das Ungebundensein schätzte. "Liebe ist etwas für Dienstmädchen", sagte ein anderer Playboy, Gianni Agnelli, auch er ein Automobilerbe (Fiat). Er pendelte mit Luxusyachten, Helikoptern und Flugzeugen zwischen den Orten des Jetset, die Führung des Familienimperiums im meist nebligen Turin überließ er anderen. "Mein ganzes Leben hat mir alles gefallen, was schön ist." Trug er eine Krawatte über dem Kaschmirpullover oder die Uhr über dem Hemd, taten es ihm Tage und Wochen später Tausende gleich. Playboys wie er waren Vorbild: ein it-man als Vorläufer des it-girls, ein Menschenschlag, der sich um nichts anderes kümmern musste als um die Perfektion seines persönlichen Auftritts.

Ein rastloser Kosmos

Wem solch ein galanter Auftritt dank seines eigenen Äußeren nicht gegeben war, der umgab sich mit schönen Frauen. Tankerkönig Aristoteles Onassis, in den 60er Jahren reichster Mensch der Welt, verbrachte viele Jahre an der Seite der Opern-Sängerin Maria Callas. 1968 heiratete er Jackie Kennedy, die Witwe des amerikanischen Präsidenten. Onassis, damals der Mittelpunkt des Jetset, etablierte zwei Statussymbole der Superreichen: die eigene Insel und die Superyacht. Die meiste Zeit verbrachte er auf seiner Privatinsel Skorpios (die heute dem Modedesigner Giorgio Armani gehört) oder auf seinem 100-Meter-Boot "Christina O", auf der "das größte anzunehmende Ausmaß an Luxus" herrschte, wie sich Besucher erinnern. Auf seinem Schiff fanden zum Beispiel die Hochzeitsfeierlichkeiten von Monacos Fürst Rainier III. und Grace Kelly statt. "Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld", hat Aristoteles Onassis gesagt — und das trifft auf sein Privatleben zu. Sein Sohn Alexander starb 1973 bei einem Flugzeugabsturz, Die Ehe mit der Präsidentenwitwe, die auf Skorpios und in Paris lebte, war nicht glücklich: Sie verbrachten wenig Zeit miteinander. Er arbeitete, sie reiste und gab sein Geld aus. "Supertanker" nannte er sie, weil sie ihn so viel kostete wie ein neues Schiff.

Der Jetset war ein rastloser Kosmos, der durch seine Anwesenheit aus kleinen unbedeutenden Orten die Heimat des Mondänen machte. St. Tropez war ein kleines, noch ziemlich unbedeutendes Fischerdorf, ehe der Jetset es Mitte der 50er Jahre für sich entdeckte. Ein Konsortium unter der Führung des reichen Ismaelitenführers Karim Aga Khan baute einen kargen Küstenstrich auf Sardinien zur elitären Costa Smeralda mit dem Fixpunkt Porto Cervo aus. Und Alfonso von Hohenlohe machte aus dem andalusischen Kaff Marbella ebenfalls einen Treff des Jetset. Als schon teure Wagen am "Marbella Club Hotel" vorfuhren, wurden die Vorräte für die Küche noch auf dem Rücken von Eseln transportiert — und zwar gewiss ohne Glöckchen.

(RP)