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Alfred Biolek wird 80: "Ich habe keine Pläne mehr"

Alfred Biolek wird 80 : "Ich habe keine Pläne mehr"

Alfred Biolek kocht nicht mehr selbst, er assistiert nur noch in der Küche. Seit einem schweren Sturz muss er kürzer treten. Dass er seinen 80. Geburtstag in halbwegs guter Verfassung feiern kann, ist schon ein Erfolg.

Alfred Biolek ist nicht mehr der Alte. Er tastet sich behutsam vorwärts, seine Stimme ist brüchig geworden. Das Agile, das ihn immer gekennzeichnet hat, ist verschwunden. Am Donnerstag (10.Juli) wird der Talk- und Kochshow-Pionier 80 Jahre alt.

Ein Unfall vor vier Jahren hat sein Leben verändert. Es war 2010 nach einem Essen in Köln, als er auf der Treppe stürzte und mit dem Kopf aufschlug. Er fiel ins Koma, lag lange im Krankenhaus, hatte Erinnerungslücken, kam in die Reha. Es war damals ungewiss, ob er sich überhaupt noch einmal erholen würde. Im selben Jahr 2010 zerbrach auch die Beziehung zu seinem Freund Constantin. Doch Familienmitglieder und alte Freunde sprangen ein und kümmerten sich um ihn. An erster Stelle der Schotte Scott Ritchie. Ohne seine Hilfe hätte er es wohl nicht geschafft, meint er im Rückblick: "Alleine steht man so etwas nicht durch."

Der Wohlfühl-Talker

Es ist ruhig geworden um den Fernsehstar, der vor der Kamera kein Freund der lauten Töne war. Wenn Alfred Biolek seine Gäste bei "Boulevard Bio" begrüßte, mussten sie keine spitzen Fragen befürchten. Biolek hatte andere Mittel, ihnen Geheimnisse zu entlocken. Vor einem Millionenpublikum schuf er eine private Gesprächsatmosphäre, die manchen Prominenten zum Plaudern verleitete.

Das ist lange her - vor elf Jahren wurde "Boulevard Bio" letztmals ausgestrahlt, und Biolek ist längst eine TV-Legende. Mehr als drei Jahrzehnte prägte Biolek die deutsche Fernsehlandschaft mit. Die ARD-Talksendung "Boulevard Bio" war nur eine der vielen Stationen seiner Fernsehkarriere, die 2006 mit der letzten Ausgabe seiner ARD-Kochshow "Alfredissimo" endete.

Heute würde ihn im Fernsehen "keiner mehr nehmen", bekannte der Talkmaster und Produzent vor eineinhalb Jahren in einem nachdenklichen Gespräch mit der "Bild"-Zeitung. "Meine Art, Fernsehen zu machen, war viel zu ruhig, ohne Knalleffekte. Ich habe nie harte Interviews geführt, sondern mich gut unterhalten." Die Unterhaltung wurde früh das Metier des Anwaltssohnes, der am 10. Juli 1934 im tschechischen Freistadt geboren wurde.

1963 wurde Biolek, unterdessen promovierter Jurist, Justiziar beim ZDF. Doch schon nach kurzer Zeit wechselte er in die Unterhaltungs- und Informationssparte des Mainzer Senders: Er arbeitete in der Redaktion des ZDF-Magazins "Drehscheibe" und moderierte Sendungen wie "Tipps für Autofahrer" und "Urlaub nach Maß". Schnell wurde Biolek zum stellvertretenden ZDF-Unterhaltungschef.

1970 wechselte Biolek als Produzent zur "Bavaria Film" nach München, wo er später die ARD-Samstagabendshow "Am laufenden Band" mit Moderator Rudi Carrell produzierte. Seinen eigenen Durchbruch als Moderator schaffte Biolek ab 1976 in der WDR-Talkreihe "Kölner Treff". Danach war Biolek regelmäßiger Gast auf dem Bildschirm: Nach Sendungen wie "Bio's Bahnhof", "Bei Bio", "Show-Bühne" und der Spielshow "Mensch Meier" ging schließlich 1991 "Boulevard Bio" auf Sendung.

Im selben Jahr wurde Biolek von dem Regisseur Rosa von Praunheim in einer RTL-Sendung öffentlich als homosexuell geoutet. Seinen "Boulevard Bio" moderierte der Grimme-Preis-Träger und Bambi-Gewinner zwölf Jahre lang - und schrieb mit seinen einfühlsamen Gesprächen ein Stück deutscher Fernsehgeschichte.

Im Dezember 2000 wurde Biolek UN-Botschafter der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, 2005 rief er die Alfred-Biolek-Stiftung ins Leben, deren Erträge Aufklärungs- und Aids-Präventionsprojekten für Jugendliche in Afrika zugute kommen. Nach seinem Abschied vom Bildschirm 2006 schloss Biolek eine Rückkehr vor die Kamera aus: "Ich habe auf dem Höhepunkt aufgehört, besser konnte ich nicht werden", sagte er Ende 2012 rückblickend in dem Zeitungsinterview.

Das heutige Leben des Alfred Biolek

Nachdem Biolek sich wieder einigermaßen erholt hatte, adoptierte er Scott. Nun hat er zwei Adoptivsöhne: Scott und seinen ersten Lebenspartner Keith aus den USA. "Keith lebt in New York, deshalb besucht er mich natürlich nicht mehr so oft", erzählt Biolek. "Wir telefonieren öfter, aber durch die Entfernung ist der Kontakt nicht mehr so eng." Bei Scott ist es anders. "Er wohnt in Köln, aber nicht bei mir. Wir sehen uns fast täglich." Scott sei nie sein Partner gewesen: "Das ist ein reines Vater-Sohn-Verhältnis."

In Sichtweite seiner Wohnung in der Kölner Innenstadt bestellt der einstige "Alfredissimo"-Moderator einen koffeinfreien Milchkaffee und plaudert über seine private Situation: "Ich habe keinen Partner, aber jetzt einen Freund, der bei mir wohnt, schon seit ein paar Monaten. Der kocht für mich, kocht für uns alle, wenn Gäste kommen. Ich helfe höchstens noch mit, beim Zwiebelschneiden oder so. Alleine kochen tu ich nicht mehr. Der Appetit lässt auch nach im Alter."

Seine Freunde finden es beruhigend, dass er nicht mehr allein in der Wohnung ist. Der Freund, der bei ihm wohnt, ist der ehemalige Partner von Scott. "Da habe ich ihn kennengelernt", sagt Biolek.

Den Fernseher schaltet er nur noch selten ein. Lieber liest er oder geht mit Freunden auswärts essen. In seinem Lieblingsrestaurant will er am 10. Juli zusammen mit Freunden auch seinen 80. Geburtstag feiern.

Die meisten Freunde, mit denen er in Köln zusammen ist, entstammen nicht mehr der TV-Welt. "Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich mit den Kollegen keinen guten Kontakt gehabt hätte. Die leben nur fast alle woanders. Und ich reise inzwischen nicht mehr so viel. Wenn man älter wird, dann werden die Kreise kleiner."

Einige seiner Kölner Freunde haben aber doch wieder mit dem Fernsehen zu tun, zum Beispiel Thomas Woitkewitsch, der einst Redakteur in Rudi Carrells Erfolgsshow "Am laufenden Band" war. In Sandra Maischbergers Film-Porträt "Mensch, Bio!" sagt Woitkewitsch, wenn er eine negative Seite an seinem alten Freund nennen müsste, dann wäre es dessen mangelnde Menschenkenntnis. Er habe Schwierigkeiten, echte und falsche Freunde auseinanderzuhalten. Das ist merkwürdig für jemanden, dessen größte berufliche Stärke es war, interessante Menschen zu finden und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Bioleks Antworten fallen heute viel kürzer aus als noch vor einigen Jahren. Ein Stück weit scheint er sich in sich selbst zurückgezogen zu haben. "Ich habe keine Pläne mehr", sagt er. "Wenn man so alt ist wie ich, dann schaut man nicht mehr so weit in die Zukunft, dann fragt man sich auch nicht mehr ständig, wie mag das wohl in 20 oder 30 Jahren sein? Das ist nicht mehr mein Thema, nicht mehr meine Welt. Wenn man 80 ist, sitzt man lieber zu Hause, denkt an die früheren Zeiten, liest was und freut sich, dass man ein ruhiges Leben führt."

(dpa)