Ehemaliger US-Außenminister Henry Kissinger im Alter von 100 Jahren gestorben

Washington · Der in Deutschland geborene ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger ist tot. Der umstrittene Friedensnobelpreisträger und Diplomat starb am Mittwoch im Alter von 100 Jahren.

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger während eines Interviews im Juni 2015 (Archivfoto).

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger während eines Interviews im Juni 2015 (Archivfoto).

Foto: AP/Richard Drew

Der „angesehene amerikanische Gelehrte und Staatsmann“ Kissinger sei am Mittwoch in seinem Haus im US-Bundesstaat Connecticut gestorben, erklärte dessen Beratungsfirma Kissinger Associates. Kissinger wurde 100 Jahre alt. Der ehemalige US-Außenminister war eine kontroverse Figur. Lobten ihn die einen als brillanten Realpolitiker mit Verhandlungsgeschick, sahen ihn andere als skrupellosen Machtmenschen - ja gar als Kriegsverbrecher.

Kissinger war von 1973 bis 1977 Außenminister der Vereinigten Staaten. Als Sicherheitsberater und Außenminister der US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford prägte der Republikaner maßgeblich die US-Außenpolitik. Die Bemühungen des in Deutschland geborenen jüdischen Flüchtlings führten zur diplomatischen Öffnung Chinas, zu Rüstungskontrollverhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion, zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn und zum Pariser Friedensabkommen mit Nordvietnam.

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Foto: dpa/Gert Eggenberger

Ford nannte Kissinger einen „Super-Außenminister“, wies aber auch auf dessen Schärfe und Selbstsicherheit hin, die Kritiker eher als Paranoia und Egoismus bezeichneten. Ford sagte: "Henry hat nie einen Fehler in seinem Kopf gemacht.“

Während viele seine Brillanz lobten, kritisierten andere Kissinger für seine Unterstützung antikommunistischer Diktaturen, vor allem in Lateinamerika. Trotz aller Proteste erhielt er 1973 den Friedensnobelpreis für seinen Beitrag zum Friedensvertrag mit Vietnam - obwohl der Krieg noch bis 1975 weiterging. Kissinger nahm den Preis an, der nordvietnamesische Unterhändler Le Duc Tho nicht.

 Protest gegen Henry Kissinger während einer Anhörung in einem Ausschuss des US-Senats im Januar 2015 in Washington (Archivfoto).

Protest gegen Henry Kissinger während einer Anhörung in einem Ausschuss des US-Senats im Januar 2015 in Washington (Archivfoto).

Foto: AFP/WIN MCNAMEE

Heftig kritisiert wurde Kissinger für seine Rolle bei der geheimen Bombardierung Kambodschas während des Vietnamkriegs. Er soll die Bombardierungen genehmigt und vor der Öffentlichkeit geheim gehalten haben. Die Angriffe haben Schätzungen zufolge mindestens 150 000 Menschen das Leben gekostet. Gegner werfen ihm auch vor, dass die Folgen seines Vorgehens das Land destabilisiert haben und den Roten Khmer in dem Land in Südostasien zur Macht verholfen haben.

Auch die Unterstützung der Invasion Indonesiens in Osttimor 1975 ist ein dunkler Fleck in Kissingers außenpolitischer Karriere. Zusammen mit dem US-Geheimdienst CIA soll Kissinger 1973 außerdem in den blutigen Putsch von General Augusto Pinochet gegen Chiles gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende verstrickt gewesen sein. Kissinger erhielt Vorladungen von Gerichten in verschiedenen Ländern, erschien aber nie. Die Vorwürfe gegen ihn hat er stets zurückgewiesen - zumindest öffentlich war er sich keiner Schuld bewusst. Die jüngere Generation, die ihn verurteile, stellte er in einem TV-Interview zu seinem 100. Geburtstag als ignorant dar.

Kissinger blieb auch nach seinem 100. Geburtstag aktiv, nahm an Sitzungen im Weißen Haus teil, veröffentlichte ein Buch über Führungsstile und sagte vor einem Senatsausschuss über die nukleare Bedrohung durch Nordkorea aus. Im Juli 2023 besuchte er überraschend den chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

Kissinger werde bei einer privaten Feier im Familienkreis beigesetzt, hieß es in der Erklärung von Kissingers Beratungsfirma. Eine Gedenkfeier solle zu einem späteren Zeitpunkt in New York stattfinden.

(peng/AFP/Reuters/dpa)
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