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Globetrotter Graham Hughes über Pandemie, Weltreisen und Umweltschutz

Globetrotter Graham Hughes : „Zuhause bleiben ist für mich leicht und unheimlich schwer zugleich“

Der Abenteurer Graham Hughes hat alle Länder der Erde bereist ohne zu fliegen. Nun sitzt er seit mehr als einem Jahr in seiner englischen Heimat fest – und träumt von einer Menschheit, die mehr reist, aber der Umwelt dabei weniger schadet.

„Ohh, das ist eine gute Frage!“, ruft Graham Hughes in seine Webcam und reibt sich die Hände. Der jungenhafte 42-Jährige sieht den Sinn des Lebens im Reisen, besitzt kaum etwas außer einem Laptop und einem Stückchen der Berliner Mauer, und hat alle Länder der Erde bereist, ohne dabei ein Flugzeug zu benutzen. Die Frage, die ihn so ins Grübeln bringt, ist, wo er am wenigsten gern festgesteckt hätte, wenn die Pandemie während seiner Reise von 2009 bis 2012 ausgebrochen wäre.

Laut überlegt er hin und her: Tendenziell sei es überall schwierig, wo man die Landessprache und womöglich nicht einmal die Schrift könne und keine Bekannten habe. In der Mongolei etwa hätte er sich schwergetan, vermute er, und die glitzernde Glücksspielmetropole Las Vegas sei ihm ganz grundsätzlich zuwider. „Aber: So etwas könnte auch ein tolles Abenteuer werden, ganz egal wo!“ Die schlimmsten Orte für ihn persönlich, sagt er schließlich, seien Scunthorpe, Kent oder Sunderland – Hochburgen der Brexit-­Befürworter.

Das kann man als Koketterie abtun oder als Marketing-Gag für die politischen Ambitionen des studierten Historikers und überzeugten Kosmopoliten, der einst mit seinen Eltern in ganz Europa zeltete und nun vehement für den Wiedereintritt Großbritanniens in die EU wirbt. Doch er ist überzeugt, dass der Brexit auf falschen Annahmen basiere. Die großen Herausforderungen seien nur gemeinsam lösbar. Und wer freundlich sei, flexibel, aufgeschlossen und anderen auf Augenhöhe begegne, habe auch in der Fremde unter Fremden überhaupt nichts zu befürchten. Man könnte das für eine naive Annahme halten, aber seine Theorie hat den Praxistest mit Bravour bestanden.

Hughes ist sozusagen ein umgekehrter Karl May: Wo der Bestseller-Autor von seinem sächsischen Sessel aus die Schrecken der vor Schurken nur so wimmelnden Prärien, Berge und Basare beschrieb, die er nie gesehen hatte, wagte Hughes ein buchstäblich einzigartiges Abenteuer. Mehr als 6000 Menschen waren auf dem Mount Everest, immerhin zwölf auf dem Mond. Nur ein einziger Mensch aber hat alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen besucht, ohne dabei je ein Flugzeug, einen Helikopter oder Heißluftballon zu benutzen. Und weil er schon mal dabei war, besuchte er auch „Halb-Staaten“ wie Palästina, den Vatikan und Westsahara, die Färöer-Inseln und Amerikanisch-Samoa. 218 Länder und Territorien waren es am Ende, nach 1493 Tagen und 254.035 Kilometern mit Bus und Bahn, zu Fuß, per Kanu, Fischerboot und auf zwölf verschiedenen Containerschiffen.

Auf die Seychellen schafft er es damals weder aus Madagaskar noch aus Kenia noch aus dem Oman, sondern erst beim vierten Versuch via Indien. Halblegal betritt er von Estland aus russischen Boden, sodass er nach dem eigentlichen Ende der Reise erneut dorthin muss. In Kuwait wartet er sechs Wochen lang auf eine Fähre nach Bahrain, die nie kommt. Nordkoreanischen Boden betritt er nur für wenige Sekunden, als er den Tisch umrundet, der im Begegnungszentrum auf der Grenze zwischen den Koreas steht. Erstens, weil die Uhr tickt, und zweitens, weil er das Regime nicht mit Devisen stabilisieren will. Seine Fans ruft er zwar zu Spenden auf, aber nicht für sein Projekt, sondern für die Organisation Water Aid, die in aller Welt Brunnen bohrt.

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Im Kongo und auf den Kapverdischen Inseln wird er als angeblicher Schmuggler oder Spion verhaftet. An beiden Vorfällen gibt er sich im Nachhinein selbst die Schuld. Sein Fazit ist absolut positiv: „Auf der gesamten Reise wurde ich nicht ein Mal ausgeraubt oder angegriffen. Zu keinem Zeitpunkt war ich in akuter Not. Weder in Somalia noch im Irak oder in Afghanistan.“ Relativ gefährlich sei ihm nur Papua-Neuguinea vorgekommen: „Ich war nur ein paar Wochen da, aber in dieser Zeit gab es dort ein Massaker, einen Flugzeugabsturz, einen Aufruhr, ein Erdbeben und eine Tsunami-Warnung.“ Dort habe er auch Menschen im Lendenschurz gesehen – eine Machete in der einen, das Smartphone in der anderen Hand. Zugleich aber hätten ihn dort gleich zwei Stämme als Ehrengast aufgenommen.

Auch krank sei er nicht ein einziges Mal geworden, schwört Hughes, der die großen Reisenden Odysseus, Phileas Fogg und den Hobbit Bilbo Beutlin zu seinen Vorbildern zählt. „Vielleicht liegt das an den vielen matschigen Musikfestivals und fragwürdigen Dönern in den Jahren davor.“

Apropos Essen: In einem Fernbus im Iran hielt ihm eine alte Dame mit auffordernden Gesten ihr Handy hin. Am anderen Ende der Leitung: ihr Enkel Hossein, Englischlehrer, der Hughes erklärte, seine Oma sorge sich um ihn. „Warum das denn?“, habe er gefragt. Die Antwort: Die gute Frau zweifelte daran, dass der blasse Junge aus dem Westen am frühen Morgen ein vernünftiges Frühstück bekäme. Also bewirtete sie ihn daheim. Ohnehin wurde er häufiger eingeladen, als er zählen konnte. Mehr als 1000 Nächte hat er bei Privatleuten verbracht, im Tausch gegen ein paar Geschichten – dem bei Rucksackreisenden sehr beliebten „Couchsurfing“-Netzwerk sei Dank.

Ende 2012 erreicht Hughes den neugegründeten Staat Südsudan und damit sein Ziel, wenige Wochen später ist er zurück in seiner Heimat. Die Weltrekord-Wächter von Guinness nehmen sich mehr als ein Jahr Zeit, um seine Reiseunterlagen und Videos, Stempel und GPS-Daten zu prüfen. Schließlich hat er es schriftlich: Das Unmögliche ist geschafft. Allen Krisen und Kriegen, Launen der Natur und launischen Despoten, Kriminellen und Terroristen zum Trotz. Seine Botschaft ist dieselbe, die schon Herbert Grönemeyer über Bochum verbreitete: Die Welt da draußen ist besser, viel besser, als man glaubt: „Probleme macht dir viel wahrscheinlicher deine Ex als irgendjemand, den du in Kambodscha nach dem Weg fragst.“

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Kaum ist das große Abenteuer beendet, stürzt sich Hughes ins nächste: eine TV-Survival-Show namens „SOS Island“. Sein Bewerbungsschreiben für die Show ist so dreist wie genial: „Ich bin Graham Hughes“, habe er schlicht geschrieben: „Googelt mich.“ Er wird als Kandidat ausgewählt, gewinnt die Show – und damit seine private, 90.000 Quadratmeter große Insel in Panama. Drei Jahre lang lebt er dort – und genießt es, statt Gast zur Abwechslung Gastgeber zu sein: Rund 250 Reisende aus aller Welt beherbergt er.

Inzwischen wirbt der umtriebige Exzentriker auf allen Kanälen meinungsstark für nachhaltigeres Leben, Essen und natürlich Reisen. Flugzeuge lehnt er wegen deren Ökobilanz ab, teurer machen wollen würde er das Fliegen trotzdem nicht. Stattdessen wünscht er sich Subventionen für gesundes Essen – und Zugreisen: „Derzeit ist es für mich und eine Handvoll Kumpels günstiger, per Taxi von London nach Liverpool zu fahren, das ist doch absurd!“ Mehr als alles andere wünscht er sich Nachtzüge zurück, mit Schlafabteilen: „In Liverpool einschlafen und in Paris oder Rom, Madrid oder Berlin aufwachen! Gibt es etwas Cooleres?“ Auf diese entschleunigte Art, hofft er, könnten mehr Menschen unseren Planeten entdecken, was diesem nicht schade, wenn mit dem Pendelverkehr auch der CO2-Ausstoß gesenkt würde: „Dass das nicht nur möglich ist, sondern viele Leute sogar glücklicher macht, ist doch bewiesen.“

Seine Reise hatte er mit Erspartem finanziert sowie der Gage für eine Dokumentation seines Abenteuers, die er an die BBC, den Lonely Planet und National Geographic verkaufte. Alles in allem habe er rund 30.000 Euro ausgegeben. Das habe gereicht für alle Visa, Reisen in der Holzklasse und günstiges Essen. In Kombination mit Geduld, Glück, einer Prise Wahnsinn und den Privilegien, die der britische Pass – ähnlich wie der US-amerikanische oder auch der deutsche – seinen Besitzern verleiht.

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Seit inzwischen mehr als einem Jahr aber sitzt natürlich auch Hughes fest, im Haus seiner Freundin im englischen Durham. „Das ist für mich wohl leichter als für alle anderen – aber zugleich ist es unheimlich schwer“, sagt er. Einerseits habe er ja bereits sehr viel von der Welt sehen dürfen, andererseits wisse er dadurch auch nur zu gut, was er verpasse. Doch der Ernst der Lage ist ihm sehr bewusst, spätestens, seit das Virus im Herbst vergangenen Jahres auch ihn selbst und seine Eltern erwischte.

Zu tun hat er genug. Für seinen Lebensunterhalt programmiert er derzeit Websites, aus Lust am Erzählen produziert er je einstündige, interaktive Youtube-Videos über „seine“ Länder, von A bis Z: Afghanistan, Albanien, Algerien… „Bei der Vorbereitung habe ich immer Sorge, dass es nicht genug zu erzählen gibt“, sagt er, „aber das ist natürlich Quatsch. Jedes Land hat eine faszinierende Geschichte und Geografie, Kultur, Politik und Wirtschaft. Selbst Andorra!“

Dass wir einander nach Überwindung der Pandemie noch lange zögerlich bis skeptisch gegenüberstehen, weil sich bei uns eingebrannt hat, dass Nähe zu Fremden zunächst einmal potenziell gefährlich sei, glaubt er nicht: „Letztlich sind wir Menschen soziale Wesen.“

Nach der Antwort auf meine letzte Frage muss Hughes nicht lange suchen: Wenn er schon irgendwo festsitzen müsste, allerdings an einem Ort seiner Wahl – welcher wäre das dann?

Der Lieblingsort des Mannes, der den Sonnenaufgang vom Gipfel der Großen Pyramide in Gizeh sah, auf Panama unter Palmen lebte und in Palau mit Millionen Quallen schnorchelte, die Sahara, den Amazonas und den Himalaya erlebte, ist: Liverpool. Was hat die graue Industriestadt ohne Industrie, was der Rest der Welt nicht hat? Hughes lächelt. „Es ist meine Heimatstadt. Ich kenne es in- und auswendig, habe haufenweise Freunde dort. Es ist einfach ein fantastischer Ort.“ Man kann finden, dass das aus seinem Mund wenig aussagekräftig sei. Womöglich aber ist es genau andersherum.