Esther Betz zum 100. Geburtstag Die Jahrhundertfrau

Düsseldorf · Ihrem wachen Blick bleibt wenig verborgen: Esther Betz, Ehrenherausgeberin der Rheinischen Post und Ehrensenatorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wird am 17. Februar 100 Jahre alt. Eine Würdigung.

Horst Thoren
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Esther Betz, Ehrenherausgeberin der Rheinischen Post.

Esther Betz, Ehrenherausgeberin der Rheinischen Post.

Foto: Anne Orthen

Ihr Weltbild ist klar, christlich geprägt, von rheinischer Toleranz und Offenheit bestimmt. Esther Betz, Ehrenherausgeberin der Rheinischen Post und Ehrensenatorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wird am 17. Februar 100 Jahre alt. Bei guter Gesundheit nimmt die promovierte Literatur- und Zeitungswissenschaftlerin engagiert am Kulturleben der Landeshauptstadt teil und begleitet weiterhin die Entwicklung der Zeitung, der sie seit der Gründung 1946 eng verbunden ist.

Ihrem wachen Blick, ihrer feinfühligen Aufmerksamkeit, ihrer kritischen Beobachtungsgabe bleibt wenig verborgen. Die mitunter unübersichtliche Gegenwart vermag sie in das Wissen und die Erfahrung eines Jahrhunderts einzuordnen und mit klugen Worten auszudrücken. Die Reflexion betrifft das Hochpolitische ebenso wie das ganz Persönliche, bezieht sich auf Krieg und Krisen, Kirche und Kultur, Klimawandel, auf das sich wandelnde Themenspektrum der Zeit, vor allem aber auf das Mitmenschliche. Esther Betz gibt dem Gegenüber das gute Gefühl, willkommen zu sein, ihr (ganz) wichtig zu sein – mit Sichtweise und Persönlichkeit. Diese Fähigkeit der ernsthaften Zuwendung machte sie schon früh zu einer mitfühlenden Wegbegleiterin, ermöglichte ihr bald, nicht nur Fürsprecherin und gesuchten Ratgeberin zu sein, sondern selbst aus eigener Verantwortung zu leiten und zu gestalten.

Als Herausgeberin der Rheinischen Post, bereits 1956 ins inhaltlich verantwortliche Amt berufen, wusste Esther Betz sehr wohl um ihre publizistischen Stärken. Doch waren ihr stets die Eigenverantwortlichkeit der Redaktion und der konstruktive Diskurs wichtiger. Im Verlag, lange Jahre war sie stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates, hat sie die Entwicklung der Zeitung zur breit aufgestellten Mediengruppe befördert. Dabei sah sie stets den inhaltlichen Anspruch als Maxime, den Menschen in Stadt und Land verlässliche Information zu bieten und den Wandel zu begleiten.

Das verbindet der Vorstand mit der Anton-Betz-Stiftung
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Foto: ANDREAS ENDERMANN

Die Besuche in der Redaktion sind zwar seltener geworden, doch der Austausch, insbesondere mit Autorinnen und Autoren aus dem Kulturressort, ist geblieben. Der kenntnisreiche Dialog und das nachhaltige Interesse an allen Themenfeldern der gedruckten Zeitung und ihrer digitalen Kanäle bestimmt den Tagesablauf einer disziplinierten Frau, die morgens zunächst den Computer anschaltet, Mails beantwortet, dann die Zeitung liest und sich schließlich fit macht für Besuche und Termine. Esther Betz hält Kontakt – zu Einrichtungen und Institutionen, zur Universität, vor allem zu Menschen, die ihr wichtig und besonders nahe sind. Ihre Aufgabe als Vorsitzende der Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post, die den Namen ihres Vaters, des Gründungsverlegers der Zeitung, trägt (und die Wissenschaft fördert), ist ihr bis heute Herzensanliegen. Weit über 700 Projekte hat die Stiftung allein an der Heinrich-Heine-Universität gefördert. Nicht zuletzt deshalb trägt einer der Hörsäle der Universität den Namen Dr. Esther Betz – als Zeichen besonderer Wertschätzung für eine Freundin und Fördererin der Wissenschaften.

Esther Betz ist als Zeitzeugin im wahrsten Sinne des Wortes eine Jahrhundertfrau. Sie ist – gerade auf die Rheinische Post bezogen – aber weit mehr als eine journalistische Beobachterin, die aus eigener Kenntnis Ereignisse, Entscheidungen und Entwicklungen schildern kann. Esther Betz hat die Geschichte der Zeitung an entscheidenden Stellen mitgeschrieben und auch selbst für die Zeitung geschrieben. Sie war über zwei Jahrzehnte Autorin im Feuilleton. Sie berichtete als Sonderkorrespondentin vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1963 bis 1965), traf dort den späteren Kardinal Karl Lehmann, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft und einen intensiven theologischen Austausch verband. Den damaligen Kaplan Joseph Ratzinger lernte sie während ihrer Studienjahre in München kennen. Der Kontakt hielt über die Jahrzehnte, blieb auch erhalten, als Ratzinger nach Rom ging, zunächst Präfekt der Glaubenskongregation und später Papst wurde. Als Benedikt XVI. empfing er sie 2006 zur Privataudienz. Ihre Sicht auf die katholische Kirche ist analytisch-differenziert. Esther Betz wünscht sich mehr Offenheit.

Wenn ihr etwas Sorgen macht, dann ist es die Spaltung der Gesellschaft. Die Proteste gegen rechtsextreme Tendenzen machen ihr Mut. In diesen Tagen fühlt sich Esther Betz zurückversetzt in die Kämpfe ihrer Jugend, als es zunächst darum ging, Krieg und Gewaltherrschaft zu überleben, um danach das Streben um Frieden und Freiheit zum höchsten Ziel zu erheben. Das „Nie wieder“, Grundlage auch für die Gründung der Rheinischen Post als „Zeitung für Politik und christliche Kultur“, ist ihr Antrieb bis heute. Sie hat dazu in Beiträgen zur Gründungsgeschichte der Zeitung ihren Vater Anton Betz zitiert: „Wir waren auch deshalb gegen den Nationalsozialismus, weil wir gute Deutsche waren.“ In der ersten Ausgabe der Rheinischen Post vom 2. März 1946 schrieb Anton Betz: „Die Zeitung kann weder Brot noch Wohnungen schaffen, aber sie kann helfen, die Bereitschaft herbeizuführen, die für jede aufbauende Arbeit unerlässlich ist.“ Den Auftrag, den Esther Betz selbst als Verpflichtung vom Vater übernahm, hat sie an Florian Merz-Betz weitergegeben. Er trägt nun als Herausgeber der Rheinischen Post und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates diese besondere Verantwortung in der Tradition seiner Familie seit nahezu 80 Jahren. Das Zusammenwirken zwischen den Gesellschaftergruppen Betz, Wenderoth und Droste sowie Girardet und mit den weiteren Herausgebern Martin Ebel und Tilman Droste ist dabei grundlegend für den Erfolg der Zeitung und den Weg der Digitalisierung in einer sich wandelnden Gesellschaft.

Für Esther Betz ist das christliche Menschenbild, wie es die Gründer der Rheinischen Post als Leitlinie hinterlegten, der Gegenentwurf zu Terror und Gewalt, wie es die Nazi-Diktatur ­­verkörpert hatte. Ihr Erleben der Kriegsjahre mit Bombennächten in Düsseldorf, mit Einsatz im Lazarett und in der Munitionsfabrik, mit Angst vor Tod und Verfolgung (ihr Vater wurde inhaftiert und mit Berufsverbot belegt) wirken bis heute nach. Wesentlicher aber sind wohl ihre Erfahrungen des Neubeginns, eines Wiederaufbaus, der nicht nur den Schutt beseitigte und neue Bauten brachte, sondern das Land vor allem ethisch-moralisch aufrichtete. Die ­­Erfolgsgeschichte der Zeitung, die auch ihre eigene spiegelt, ist also mehr als ein Wirtschaftswunder. Sie dokumentiert die Rolle der freien Presse in Deutschland nach 1945. Ihren ­­Deutschlandstipendiaten, jungen Studierenden, die sie fördert, hat sie, die mit einem langen, bewegten und disziplinierten Leben Gesegnete, auf den Weg gegeben, was ebenso für Redaktion und Mediengruppe, Politik und Gesellschaft gelten sollte: „Bleibt hungrig nach immer besseren Antworten – in fachlichen, aber auch allgemeinen Fragen des Lebens. Geht als weltoffene, tolerante und bescheiden-dankbare Menschen durch das globalisierte, chancenreiche Leben und vergesst dabei nie das Allgemeinwohl!“

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