42 Deutsche kamen beim Unglück ums Leben: Leichen im Tunnel sind vollkommen verbrannt - Bergung äußerst schwierig

42 Deutsche kamen beim Unglück ums Leben : Leichen im Tunnel sind vollkommen verbrannt - Bergung äußerst schwierig

Kaprun (dpa). Alle Opfer der Seilbahn-Katastrophe im österreichischen Kaprun sind offenbar bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. "Die Bergung ist äußerst schwierig", sagte der Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger am Sonntagabend in Kaprun. Eine Identifizierung der bisher festgestellten mindestens 155 Toten in der Gletscherbahn sei "auf herkömmliche Art nicht möglich". Die Bergungsarbeiten sollen auch in der Nacht fortgesetzt werden.

Schausberger betonte, 100-prozentige Klarheit über die Identität der verbrannten Menschen könne ausschließlich eine DNA-Analyse durch Gerichtsmediziner liefern. Dazu werden die Überreste der aus dem Tunnel vom Montag an in das gerichtsmedizinische Institut nach Salzburg gebracht. Das bisherige Wissen über die Passagiere der Unglücks-Gletscherbahn stamme vor allem aus Vermisstenmeldungen.

Der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) sagte bei der Pressekonferenz: "Ganz Österreich trauert." Er dankte den Rettungs- und Bergungskräften und sprach den Angehörigen der bei dem Tunnelbrand am Samstag getöteten Menschen seine Anteilnahme und sein Beileid aus.

Die Toten seien "neben, in und unter der Zuggarnitur" gefunden worden, sagte ein Helfer sichtlich bewegt. Die Bergungsteams müssen nach Angaben von Schausberger immer wieder abgelöst werden, "weil ihre Arbeit besonders schrecklich ist".

Viele Angehörige hätten am Sonntagnachmittag an einer ökumenischen Trauerfeier vor dem Tunneleingang teilgenommen. Dabei hätten sich "dramatische Szenen abgespielt", sagte Schausberger.

Die Bergungsmannschaften wollten sich von oben durch den 3,2 Kilometer langen Tunnel zu dem zerstörten Wagen im unteren Teil vorarbeiten, in dem am Samstagmorgen kurz nach 09.00 Uhr das Feuer ausgebrochen war. Bis dahin hatte der vollbesetzte Zug zum Gletscher gerade 600 Meter im Tunnel zurückgelegt. Das Feuer im hinteren Teil des Wagens breitete sich rasend schnell aus. Der Fahrer konnte gerade noch den Brand melden, dann brach der Kontakt ab. Den giftigen Rauchschwaden fielen sogar in der drei Kilometer entfernten Bergstation drei Menschen zum Opfer. Die Überlebenden der Katastrophe sind offenbar geistesgegenwärtig in Richtung Tal gerannt, während viele Opfer weg von den Flammen nach oben wollten. Allein 27 Opfer wurden in Bayern beklagt, sieben tote Kinder im Alter von etwa 10 Jahren stammten aus Chiemgau.

Die Ursache der Katastrophe gab den Experten Rätsel auf. 26 Jahre lang fuhr die Standseilbahn ohne Unfälle rund 13 Millionen Wintersportler in das beliebte ganzjährige Ski-Gebiet etwa 100 Kilometer südwestlich von Salzburg. Die erst 1994 in Dienst gestellten Züge in futuristischem Design bestehen selbst aus nicht brennbaren Materialien und haben keinen eigenen Motor, erläuterten Experten. Mittransportierten Treibstoff schlossen sie als Auslöser des Feuers aus. Es gab Spekulationen, wonach Passagiere Feuerwerkskörper zu einem auf dem Gletscher geplanten Snowboard-Fest mitgenommen haben könnten. Fachleute der Österreichischen Eisenbahnen (ÖBB) wollen nun das Unglück rekonstruieren.

Der österreichische Maschinenbau-Ingenieur Klaus Eisenkolb, der die Unglücksbahn vor der Katastrophe wiederholt untersucht hat, spekulierte, dass möglicherweise zwei nicht verschlossene Tore am Anfang und am Ende des Bahntunnels die Ausbreitung des Feuers begünstigten. Durch die offenen Tore habe sich ein "Kamineffekt" ergeben, der eine regelrechte Feuerwalze ausgelöst habe. Die Bahn war zuletzt 1997 gründlich inspiziert worden.

Für besorgte Angehörige von Winterurlaubern wurden in Österreich und Deutschland Notrufnummern eingerichtet, die pausenlos belegt waren. Der österreichische Fernsehsender ORF stellte unter der Adresse www.orf.at eine Liste der Urlauber ins Internet, die gesund in ihre Unterkünfte zurückkehrten. Den Angehörigen vor Ort versuchten Psychologen zu helfen, mit dem Unfassbaren fertig zu werden.

Aus aller Welt trafen Beileidsbekundungen in Österreich ein. Darunter waren Telegramme von Russlands Präsident Wladimir Putin, des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und des EU- Kommissionspräsidenten Romano Prodi. Bereits am Samstag hatten Bundespräsident Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) ihr Entsetzen über das Unglück ausgedrückt. Österreich ordnete eine zweitägige Staatstrauer an. Das Ganzjahres-Skigebiet am Kitzsteinhorn im Salzburger Land soll mindestens bis Freitag geschlossen bleiben.

Die 1974 in Betrieb genommene Standseilbahn führt über eine 3,8 Kilometer lange und überwiegend untertunnelte Strecke. Der Tunnel hat nur einen Durchmesser von 3,6 Metern und führt von der Talstation in 911 Metern Höhe recht steil zur Bergstation auf 2 452 Metern Höhe. Parallel zu den Schienen verläuft eine Treppe. Die Gletscherbahn wird über ein fünf Zentimeter dickes Stahlseil gezogen. Die Züge brauchen nur achteinhalb Minuten zur Bergstation.

Im Internet: Liste der Überlebenden: http://www.land-sbg.gv.at

(RPO Archiv)
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