Lebenslang für Mafia-Morde

Lebenslang für Mafia-Morde

Giovanni Strangio, Haupttäter der Mafia-Morde von Duisburg, ist gestern zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sechs Männer waren 2007 hingerichtet worden. Sie gelten als Opfer einer Fehde zwischen rivalisierenden Clans.

Locri Fast vier Jahre nach den sechsfachen Mafia-Morden von Duisburg war gestern für den Leitenden Staatsanwalt Nicola Gratteri ein "wichtiger Tag". Italiens bekanntester Mafia-Jäger sagte das nüchtern. "Meine Kollegen und ich haben gute Arbeit gemacht." Gute Arbeit – für Giovanni Strangio, der als Drahtzieher und Schütze der Mafia-Morde angeklagt war, bedeutet das lebenslänglich.

Gestern verurteilte das Geschworenengericht in Locri den 32 Jahre alten Mann aus der Nähe des süditalienischen San Luca zu lebenslanger Haft. Die Richter folgten dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Das Gericht hält Strangio für schuldig, als einer der Haupttäter die Bluttat geplant und dann ausgeführt zu haben. Die Verteidiger des in einem römischen Gefängnis einsitzenden Strangio plädierten auf Freispruch. Ihr Mandant, der beim Prozess per Video zugeschaltet war, habe mehrere Jahre regulär in Deutschland gearbeitet und mit dem Verbrechen vom 15. August 2007 nichts zu tun, sagte der Staranwalt Carlo Taormina. Er sei das Opfer eines Komplotts geworden.

Das Urteil ist das Ergebnis fast vier Jahre langer Ermittlungen, die Staatsanwalt Gratteri in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Polizei und besonders den Ermittlern in Duisburg führte.

Der 15. August 2007 war der Tag, an dem viele Deutsche zum ersten Mal begriffen, wie aktiv die Mafia auch in Deutschland ist. Plötzlich waren sechs Männer tot, die brutale Tat glich einer Hinrichtung. Die Leichen lagen vor der Pizzeria "Da Bruno" in Duisburg. Die italienischen Männer im Alter zwischen 16 und 39 Jahren waren auf offener Straße erschossen worden.

Die Morde waren der bislang blutigste Höhepunkt einer Fehde zweier Clans der kalabrischen 'Ndrangheta. Deren Hochburg liegt in dem kleinen Dörfchen San Luca am Aspromante. Der Streit dauert bereits Jahrzehnte. Aus "tief verwurzeltem Hass, der sich über die Jahre immer vergrößert hat" – so beschreibt es die italienische Staatsanwaltschaft – bekriegen sich die Familien Nirta-Strangio und Pelle-Votari seit 1991.

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Ganz am Anfang sollen ein paar Jugendliche des einen Clans die der anderen Familie mit Orangen oder mit Eiern beworfen haben. In Duisburg wurde längst nicht mehr mit Eiern geworfen. Schon vor der Bluttat hatte es Tote gegeben. Zuletzt war die Cousine Giovanni Strangios, Maria Strangio, an Weihnachten 2006 erschossen worden. Heute weiß man, dass es wahrscheinlich ein Versehen war und eigentlich ihr Mann hätte sterben sollen.

Die Tat von Duisburg soll die Rache für den Mord an dieser Frau gewesen sein. Die Täter flüchteten damals. Der nun verurteilte Strangio galt schon lange als Haupttäter. Vor der Tat betrieb er eine Pizzabäckerei in Kaarst. Aber seine Familie lebt nach wie vor in San Luca. Fünf der sechs Opfer kamen aus der Stadt. Seit April wird Strangio der Prozess gemacht. Die Mutter Giovanni Strangios und eine seiner Schwestern hatten stets seine Unschuld beteuert. Dies sei ein politischer Prozess, sagten sie. Zwei weitere Schwestern Strangios wurden im Mai verurteilt, wegen Mafia-Zugehörigkeit.

Im Gerichtssaal spielten sich nach dem Urteil Szenen der Verzweiflung ab. Wie die Zeitung "La Republica" berichtet, hätten weibliche Familienangehörige geschrien, "nein, nicht eine lebenslange Haftstrafe". Viele der Anwesenden seien nach dem Schuldspruch nervös gewesen, berichtete Staatsanwalt Gratteri. Der Prozess gegen Giovanni Strangio war nur Teil eines großen Mafia-Prozesses gegen insgesamt 14 Mitglieder der ´Ndrangheta. Sieben von ihnen wurden ebenfalls zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt. Unter den Verurteilten war auch Giovanni Luca Nirta. Er soll der Auftraggeber der Duisburger Morde gewesen sein. Den anderen mutmaßlichen Tätern wird noch gesondert der Prozess gemacht.

San Luca ist die Hochburg der 'Ndrangheta, der derzeit reichsten Mafiaorganisation, die schon seit mehr als zehn Jahren das Kokaingeschäft in Europa kontrolliert und dabei Milliarden umsetzt. Nicola Gratteri, der Mafia-Jäger, der schon seit Jahren nicht mehr ohne Personenschützer auskommt, sagte gestern noch einen Satz: "San Luca ist wie ein Vulkan. Er kann jederzeit ausbrechen."

(RP)
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