Kostenloser Nahverkehr: In diesen Städten ist er gescheitert.

Pläne zu kostenlosem ÖPNV : In diesen Städten ist der Gratis-Nahverkehr gescheitert

Im estnischen Tallinn ist er ein Erfolgsmodell, in anderen Städten wie Templin in Brandenburg oder Hasselt in Belgien wurde der Nahverkehr zum Nulltarif wieder abgeschafft. Woran hat es gelegen? Ein Überblick.

Bus und Bahn fahren für lau? Einfach einsteigen, aussteigen, umsteigen so oft man will? Das klingt gut und könnte Autofahrer dazu anregen, ihren Wagen öfter mal stehen zu lassen. Doch die Pläne zu einem kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland, mit denen die Bundesregierung hohe Geldstrafen der EU verhindern und die Luft in vielen deutschen Städten verbessern will, sind nicht neu. Mehrere Städte haben den Nahverkehr zum Nulltarif bereits getestet - mit unterschiedlichen Ergebnissen:

In Belgien war es die Stadt Hasselt, die schon vor 20 Jahren das Busfahren für ihre rund 80.000 Einwohner kostenlos machte. "Dabei setzte man auf drei Säulen", erläutert Habib El Ouakili, für Mobilität verantwortlicher Ratsherr der Stadt, unserer Redaktion: Das Busfahren sollte gratis sein, die Busse sollten häufiger fahren, sodass die Menschen maximal 15 Minuten warten müssen, und die Bushaltestellen sollten nicht weiter als 500 Meter voneinander entfernt liegen. "Wenn man bloß auf kostenloses Fahren setzt, funktioniert das nicht, dann schafft man es nicht, die Menschen zu überzeugen", sagt El Ouakili.

Umsonst war das Busfahren seit 1997 für alle Einwohner, sie mussten dem Busfahrer beim Einsteigen den Personalausweis vorzeigen. Die Resonanz sei sehr gut gewesen, die Menschen hätten das Angebot gerne genutzt, sagt El Ouakili: "Das war wirklich ein Erfolgsmodell."

Gescheitert sei es nur am Geld: Die Gratis-Busse wurden zum Teil von der Stadt selbst finanziert; weitere Gelder kamen von der flämischen Region. Nach den Gemeindewahlen im Jahr 2012 sei die Finanzierung jedoch gekappt worden. "Hasselt musste fortan für die kompletten Kosten aufkommen, das konnten wir nicht stemmen." 2014 wurde das kostenlose Busfahren eingestellt.

Zwar versucht die Stadt, das Busfahren attraktiv zu halten: So zahlten Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sowie Menschen ab 65 weiterhin nichts. "Aber wir sehen seither, dass die Passagierzahlen stark sinken, um bis zu 10 Prozent pro Jahr", beklagt El Ouakili. "Der Bus ist keine Alternative mehr, die Leute nehmen wieder ihr Auto."

Deutscher Vorreiter in Brandenburg

Pionier in Deutschland war die brandenburgische Stadt Templin mit ihren rund 16.000 Einwohnern. 1998 führte man dort das kostenlose Busfahren ein. Hauptziele: die Mobilität der Einwohner verbessern, Lärm und Umweltbelastung reduzieren, die Kurstadt bekannter machen. Finanzieren wollte man die Gratis-Busse unter anderem durch den Wegfall von Investitionen zum Beispiel in Straßen sowie höhere Steuereinnahmen durch die Stärkung der Templiner Wirtschaft, etwa im Handel und Tourismus.

"Die Fahrgastzahlen schnellten in die Höhe", sagt ein Stadtsprecher unserer Redaktion. Nutzten 1997 rund 41.000 Fahrgäste die Templiner Busse, waren es vier Jahre später 613.000 Passagiere - fast das 15-fache. ​Doch damit begannen auch die Probleme, aufgrund der steigenden Passagierzahlen explodierten auch die Kosten, man brauchte mehr Personal, mehr Fahrzeuge, mehr Wartung.

Der Finanzierungsplan ging nicht auf, 2003 war dann Schluss mit dem Gratis-Nahverkehr. Ganz abgerückt ist die Stadt von ihrem Konzept aber nicht: Heute zahlt man für eine Jahreskarte lediglich 44 Euro. Die Stadt bezuschusst das Modell jährlich mit 130.000 Euro.

Erfolgsmodell Tallinn

Dass es auch oder gerade in einer Großstadt anders gehen kann, beweist Tallinn. In der Hauptstadt Estlands fahren die Einwohner seit 2013 umsonst mit Bus und Bahn. Bei einer Bürgerbefragung zuvor hatten 75 Prozent der Menschen für den Gratis-ÖPNV gestimmt. Wer das Angebot nutzen will, muss sich für zwei Euro eine Chipkarte kaufen. Mit dieser kann man dann unbegrenzt fahren.

Tallinn investierte kräftig in den Ausbau der Infrastruktur, wandelte Fahrstreifen in der Innenstadt in Busspuren um, programmierte die Ampeln so, dass Busse und Bahnen bevorzugt werden. Finanziert wurde das Ganze mit steigenden Steuereinnahmen. Denn das neue Angebot lockte viele Menschen aus dem Umland in die Großstadt an der Ostsee: Die Einwohnerzahl stieg von rund 420.000 vor fünf Jahren auf aktuell mehr als 445.000.

(oko)
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