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Kleiderbügel-Trend auf TikTok: Was er mit Abtreibung zu tun hat

Einschätzung eines Frauenarztes : Wie Kleiderbügel-Videos auf Tiktok teils eine riskante Abtreibungsmethode verharmlosen

Fast täglich entstehen im sozialen Netzwerk Tiktok neue Videotrends. Die meisten davon sind harmlos, witzig oder inspirierend und schön. So könnte man es auf den ersten Blick auch von den Kleiderbügel-Videos denken, die seit einiger Zeit kursieren. Dabei steckt dahinter ein sehr ernsthaftes Thema.

Der Kleiderbügel ist schon seit langem ein Symbol der Abtreibung. Früher haben viele Frauen mit ihm eine ungewollte Schwangerschaft beendet. Und auch heute passiert das noch – dort, wo Gesetze eines Landes sichere Schwangerschaftsabbrüche nicht erlauben. Doch die Verletzungsgefahr für die Frauen ist hoch. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation finden jährlich 25 Millionen Abtreibungen im Verborgenen statt, das heißt, das Schwangere selbst abtreiben – zum Beispiel mit einem Kleiderbügel. Jedes Jahr sterben dabei zwischen 4,7 Prozent und 13,2 Prozent der Schwangeren.

Als Ende Juni das Oberste Gericht in den Vereinigten Staaten von Amerika entschied, das landesweite Recht auf Abtreibung zu kippen, war der Aufschrei deshalb groß. Die Richter entschieden sich gegen ein 50 Jahre altes Grundsatzurteil, das 1973 vom Surpreme Court im Fall „Roe vs. Wade“ entschieden wurde. Es ermöglichte die Abtreibung bis zur 24. Schwangerschaftswoche – also bis zu dem Zeitpunkt, ab dem ein Fötus lebensfähig ist. Ein Recht auf Abtreibung gibt es seit dem neuen Urteil nicht mehr. Die Bundesstaaten können Schwangerschaftsabbrüche einschränken. Menschen gingen in der Folge mit Plakaten, auf denen unter anderem Kleiderbügel aufgedruckt waren, auf die Straße und protestierten.

Im sozialen Netzwerk Tiktok luden kurz darauf Nutzerinnen und Nutzer erste Videos hoch, die so zum Trend wurden – dem „My body, my choice“-Trend, benannt nach dem dazu ausgewählten Song von Billie Eilish.

Die Videos laufen alle ähnlich ab: Die Personen filmen sich, wie sie einen Kleiderbügel in der Hand halten und gemütliche Klamotten tragen, zum Beispiel eine Jogginghose und ein Schlabbershirt. Währenddessen läuft das Lied „My body, my choice“. Dann tauschen die Tiktoker ihre Klamotten und sitzen plötzlich in Abendkleid, geschminkt und mit gestylten Haaren vor der Kamera.

Die Videos beziehen sich mit dem Kleiderbügel eigentlich auf Schwangerschaftsabbrüche, doch in vielen Clips ist der Bezug zu diesem harten Thema gar nicht zu erkennen. So kritisiert eien Nutzerin in ihrem Video: „Es geht nicht um das schöne Kleid, sondern das Statement!“ Das habe sie bei anderen nicht erkennen können. Und die Tiktokerin vikykid kritisiert in ihrem Beitrag: „Dieser Trend ist disgusting“ und fordert andere dazu auf, sich besser zu informieren, bevor sie selbst auf den Video-Trend aufspringen.

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Wofür der Kleiderbügel eigentlich steht

Der Frauenarzt und Präsident des Frauenärzte-Berufsverbandes, Dr. Klaus Doubek aus Wiesbaden, sagt über den Kleiderbügel: „Dieser an sich harmlose Alltagsgegenstand steht für unsichere, lebensgefährliche Methoden, zu denen Frauen und Mädchen in Ländern mit einer niedrigen Toleranz gegenüber Abtreibungen gezwungen sind. Der Kleiderbügel soll ermahnend auf riskante, improvisierte Abtreibungsmethoden hinweisen, die Folgen einer restriktiven Gesetzeslage sein können.“

Damit eine Schwangerschaft zu beenden, sei sehr gefährlich. Der Kleiderbügel sei keinesfalls dazu geeignet, abzutreiben, meint Doubek. „Frauen und Mädchen setzen bei dem Versuch, eine ungewollte Schwangerschaft ohne medizinische Beratung und Betreuung zu beenden, ihre Fruchtbarkeit und ihr Leben aufs Spiel. Ein Schwangerschaftsabbruch bringt große körperliche sowie psychische Risiken mit sich, sobald er ohne die erforderlichen medizinischen Kenntnisse durchgeführt wird oder er in einem Umfeld erfolgt, das medizinische Mindeststandards nicht erfüllt“.

Hinzu kommt: Die selbstdurchgeführte Abtreibung per Kleiderbügel ist nicht nur sehr gefährlich, sondern auch strafbar. Schließlich ist im Grundsatz jeder Schwangerschaftsabbruch in Deutschland strafbar. Ausnahmen gibt es etwa in medizinisch bedingten Fällen, nach einer Vergewaltigung, oder nach einer Beratung.

Wo es Hilfe für ungewollte Schwangerschaften gibt

Wer ungewollt schwanger geworden ist, für den gibt es Angebot bei der Familienplanung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Dort gibt es eine Datenbank, in denen Schwangere und Angehörige Unterstützung in ihrer Nähe finden können, indem sie nach einer Postleitzahl suchen. Darunter sind unter anderem Hilfsangebote der Awo, Caritas und Pro Familia. Psychische Unterstützung gibt es zusätzlich bei „Beratung & Geburt vertraulich“, die ein Hilfetelefon unter 0800 40 40 020 anbieten, sowie Online-Beratungschats und Unterstützung per E-Mail.

Bundestag beschließt Aufhebung von Werbeverbot für Abtreibung

Außerdem ist die Bundesärztekammer dazu verpflichtet, eine Liste von Ärzten, Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen zu veröffentlichen. Diese kann dabei helfen, eine Anlaufstelle zu finden, die den Schwangerschaftsabbruch sicher durchführt. Hier gilt allerdings: Wer in Deutschland straffrei abtreiben will, muss sich mindestens drei Tage vorher beraten lassen und darf nicht länger als zwölf Wochen schwanger sein.

Wenn der Trend anders aufgegriffen wird

Viele der Tiktok-Videos mit dem Kleiderbügel lassen die Zuschauerinnen und Zuschauer im Unklaren über die Hintergründe des Trends. Einige Tiktoker haben jedoch einen Mittelweg gewählt: Sie klären mit dem Kleiderbügel in der Hand über die unsichere Abtreibungsmethode und ihre Hintergründe auf – so wie die deutsche Influencerin Diana zu Löwen.

Sie sagt in ihrem Video: „Was hat der Kleiderbügel mit Menschenrechten zu tun? Dieser wurde und wird genutzt, um eigenständig Schwangerschaften abzubrechen, wenn die Regierung es verbietet.“ Auch sie tauscht die Kleidung im Video, in der Beschreibung ihres Clips sagt sie dazu: „Mein Outfit ist auch von der Zeit vor 50 Jahren inspiriert.“ Vor 50 Jahren hatten Kostenpflichtiger Inhalt sich 374 Frauen im Stern-Magazin dazu bekannt, abgetrieben zu haben.