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Der große Jahresrückblick: Vom Abstiegs- zum Medaillenkandidaten

Der große Jahresrückblick : Vom Abstiegs- zum Medaillenkandidaten

Düsseldorf (RPO). Freunde des Eishockeysports beanspruchen zwei Attribute für sich: Sie feiern viel und friedlich und sind dabei außergewöhnlich trinkfest. Eishockey-Fans sind aber auch von Natur aus Grantler, die auf der Suche nach einem Haar in der Suppe fündig werden. So geschehen auch vor der WM (7. bis 23. Mai) in Deutschland.

"Die Weltmeisterschaft im eigenen Land wird nicht angenommen", hieß es oftmals.

Eine promit-Umfrage zwei Wochen vor dem Turnier, bei der nur 13,9 Prozent der Befragten angaben, von der Eishockey-WM im eigenen Land zu wissen, schien dieses Vorurteil zu bestätigen. Deutschland ist eben nur bedingt eine Hockey-Nation. Den Veranstaltern wurden die nicht gerade preiswerten Tickets für die Partien in Köln und Mannheim auch nicht aus den Händen gerissen.

Jedoch war die Nachfrage für den Weltrekordversuch in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen mit weit über 70.000 Zuschauern überwältigend. Schon nach wenigen Tagen war die erste große Ticket-Ladung für das Eröffnungsspiel der deutschen Mannschaft vergriffen, und das obwohl der Gegner USA noch nicht einmal feststand. Im Endeffekt fanden der Großteil der Partien in der Kölner Lanxess-Arena sowie die Topspiele in Mannheim doch vor gut gefüllten Rängen statt.

77.803 jubeln "auf Schalke"

"Ein Weltrekordversuch beim Eröffnungsspiel", meckerten die nächsten, "ist zwar schön und gut, aber in einem Fußballstadion ist man so weit von der Eisfläche weg".

Das blieb bei der Anzahl von Zuschauern natürlich nicht aus. Dennoch wurde es für die aus allen Ecken Deutschlands angereisten 77.803 Anwesenden sowie für die Akteure beider Nationen ein Gänsehauterlebnis, welches sie vermutlich im Leben nicht mehr vergessen werden. Noch nie hat eine derart große Menschenmenge ein Eishockeyspiel vor Ort verfolgt. Die alte Bestmarke von 74.554 Besuchern stammte aus einem Open-Air-College-Spiel im US-Bundesstaat Michigan im Oktober 2001.

Für Missstimmung sorgten aber die Sitzplätze im Innenraum. Vor allem auf der Seite der Mannschaftsbänke war die Sicht derart eingeschränkt, dass die Zuschauer dort lediglich über den Videowürfel das Geschehen auf dem Eis verfolgen konnten. Getröstet wurden sie von einer jungen, deutschen Mannschaft, die sich gegen die USA buchstäblich zerriss und sensationell mit 2:1 nach Verlängerung gewann.

DEB-Auswahl wächst über sich hinaus

Ein Paukenschlag zu Turnierbeginn, denn "Gastgeber hin oder her", wurde geunkt, "Deutschland wird bei der WM von vornherein gegen den Abstieg spielen".

Das desaströse Abschneiden bei den Olympischen Spielen sowie die durchwachsene Vorbereitung und die schwere Vorrunden-Gruppe mit den USA, Finnland und Dänemark untermauerten die These. Doch schon im Eröffnungsspiel schien es fast so, als ob ein bestimmter Geist, der auch schon die Fußballer und Handballer bei ihren Heimturnieren in den Vorjahren ganz weit getragen hat, in die Mannschaft von Bundestrainer Uwe Krupp eingetreten war.

Nach einer knappen 0:1-Niederlage gegen Finnland buchte der Gastgeber durch einen 3:1-Erfolg über Dänemark das Ticket für die Zwischenrunde. Nach Marcel Goc (Nashville Predators) stieß in Christian Ehrhoff (Vancouver Canucks) ein zweiter gestandener NHL-Spieler zur fast namenlosen Mannschaft, der den mit Stars gespickten Rekordweltmeister Russland (2:3) mit seinem Tor zum 1:2 und seiner enormen Präsenz auf dem Eis an den Rand einer Niederlage brachte. Für volle Hallen und eine stetig anwachsende russische Fankolonie sorgte dabei Alexander Owetschkin, der aktuell wohl talentierteste Kufen-Crack des Planeten.

Die schwache Vorstellung beim 1:2 nach Verlängerung gegen Weißrussland war ein Dämpfer zum richtigen Zeitpunkt, mit einem 2:1 gegen die Slowakei zitterte sich die DEB-Auswahl ins Viertelfinale gegen Angstgegner Schweiz in Mannheim.

Endras entnervt Eidgenossen

In dieser denkwürdigen Partie sollte der Stern von Dennis Endras endgültig aufgehen. Der zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alte Schlussmann, der zuvor Außenseiter Augsburg in der DEL zur Vizemeisterschaft geführt und schon in den vorangehenden WM-Spielen überzeugt hatte, brachte die Stürmer der Eidgenossen mit seinen scheinbar 1000 Händen und 41 Paraden zur Verzweiflung. Philipp Gogulla (heute Kölner Haie) erzielte schließlich das Goldene Tor zum 1:0, welches den Halbfinaleinzug perfekt machte.

Als Belohnung für seine starke Turnierleistung wurde Endras nicht nur zum besten Goalie, sondern auch als erster Deutscher überhaupt zum besten Eishockey-Spieler des Turniers gewählt. In der kommenden Spielzeit wird er für die Minnesota Wild in der NHL aufs Eis gehen. Korbinian Holzer (ehemals Düsseldorf) und Marcel Müller (ehemals Köln) gelang der Sprung über den großen Teich schon zur laufenden Saison.

Aus dem Traum vom ersten deutschen WM-Edelmetall seit 1953 wurde dann doch nichts. Bei der Revanche gegen Topfavorit Russland (1:2) schnupperte man im Halbfinale lange an der Verlängerung, bevor Pawel Dazjuk den Finaltraum 1:50 Minute vor Spielende jäh zertrümmerte. Beim 1:3 gegen Schweden im Spiel um Platz drei war die Luft dann allmählich draußen. Die deutschen Fans waren trotzdem stolz auf ihre Mannschaft, es gab keinen Grund mehr zu granteln.

Und wer wurde Weltmeister? Der tschechischen Rentnergang um Altmeister Jaromir Jagr gelang beim 2:1 gegen Russland wie schon bei der WM 2001 in Deutschland überraschend noch einmal der ganz große Wurf. Gefeiert wurde natürlich mit viel Flüssigbrot — und friedlich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Eishockey-WM 2010: Deutschland - USA

(bto)