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Der große Jahresrückblick: Haiti — das Jahr des Grauens

Der große Jahresrückblick : Haiti — das Jahr des Grauens

Düsseldorf (RP). 2010 war für den armen Karibik-Staat Haiti ein besonders furchtbares Jahr: Ein schweres Beben suchte die Halbinsel heim: Überflutungen, Wirbelstürme und jetzt die Seuche Cholera zerstören das heruntergekommene Land zusätzlich. Gemessen an den Opferzahlen war die Katastrophe am 12. Januar das weltweit verheerendste Erdbeben des 21. Jahrhunderts. Gibt es fast ein Jahr nach dem Unglück Hoffnung? "Ja!", so die eindeutige Antwort unseres Autors.

Nach Schätzung der UN-Mission in Haiti beträgt die Zahl der Toten zwischen 250.000 und 300 000. Die Katholische Kirche Haitis geht von bis zu 500.000 Todesopfern aus. Verletzt wurden bei dem Beben rund 311.000 Menschen; 1,3 Millionen Einwohner leben seitdem in Notunterkünften. Der Wiederaufbau kostet vermutlich 11,5 Milliarden US-Dollar (8,4 Milliarden Euro).

Wie ist die aktuelle Situation?

Auch elf Monate nach dem Erdbeben stufen die internationalen Hilfsorganisationen die Lage als kritisch bis sehr kritisch ein. Sie sehen sich weiterhin in einem Balanceakt zwischen Soforthilfe und Wiederaufbau. Maximal fünf Prozent der Trümmerflächen sind geräumt; noch immer ist die Unterbringung der unzähligen Obdachlosen das größte Problem. "Wir sind extrem frustriert über die Gesamtsituation. Wir wollen uns die Realität nicht schön reden: Es tut sich nichts", beschreibt Jürgen Schübelin, Referatsleiter für Lateinamerika und Karibik der Duisburger Kindernothilfe, das breite Versagen der Regierungsstellen im Land.

Die Hilfsorganisationen befürchten, dass die tristen Zeltstädte zur Dauerwohnung für Hunderttausende werden. Die Lager seien aber für die Regen- und Hurrikanzeit oft nicht ausreichend gerüstet, sagt die Geschäftsführerin der Aktion "Deutschland hilft", Manuela Roßbach. "Die meisten Lager haben keine Drainage. Regnet es, steht das Wasser in den Zelten." Deshalb müsse der Bau von Übergangshäusern vorangetrieben werden, rund 125.000 würden benötigt. In den Häfen und am Airport stapeln sich Beobachtern zufolge die Hilfsgüter — offenbar verzögern korrupte Zollbehörden die Auslieferung.

Warum wird Haiti so hart getroffen?

Das Land liegt im Bereich tropischer Wirbelstürme und wird fast jedes Jahr von schweren Hurrikanen heimgesucht. Geologisch liegt die Insel Hispaniola, die sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen, genau über der Grenze zwischen der Karibischen und der Nordamerikanischen Platte . Deren starke Spannungen sorgen für häufige seismische Aktivitäten. 1751, 1842, 1860 und zuletzt 2010 wurde Haiti von besonders schweren Erdbeben getroffen. Weitere Beben sind wahrscheinlich.

Die Katastrophe vom Januar forderte deshalb so viele Opfer, weil es ausgerechnet den Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince traf. Stadtplanung ist dort ein Fremdwort; viele Häuser sind ohne jede Statik-Berechnung aus billigem Muschelkalk errichtet, der Erschütterungen anders als Stahlbeton nicht standhalten kann. Experten des deutschen Technischen Hilfswerks stufen 60 Prozent der Häuser in Port-au-Prince als vollständig zerstört ein und empfehlen dringend den Abriss der instabilen teilbeschädigten Gebäude. Sie könnten jederzeit einstürzen.

Warum ist so fahrlässig gebaut worden?

Es gibt eine schlichte Antwort: Geldmangel. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Erde. "Es wird so gut wie nichts produziert", sagt Marc Auguste, zeitweise in Mönchengladbach lebender Dozent der Universität von Haiti. Die Bevölkerung sei bereits vor dem Beben vom Land in die Stadt geflüchtet und habe sich dort in Slums eingerichtet. "Am Tropf internationaler Hilfe hängend sind die Menschen regelrecht zur Faulheit erzogen worden."

Makabrer Randaspekt dieser Armut: Der Versicherungsschaden ist beim tödlichsten Beben der Neuzeit mit rund 119 Millionen Euro geradezu lächerlich gering gewesen, wenn man das kurz darauf folgende Beben in Chile zum Vergleich heranzieht. Dort mussten die Versicherungen 635 Milliarden Euro auszahlen. In Haiti hatte dagegen fast kein Gebäude Versicherungsschutz.

Warum ist das Land so heruntergekommen?

Haiti, eine ehemalige Sklavenrepublik, ist traditionell politisch instabil. Drei Jahrzehnte terrorisierte zum Beispiel die Familie Duvalier das Land. Auf den Diktator François Duvalier, auch "Papa Doc" genannt, folgte bis 1986 sein Sohn "Baby Doc" Jean Claude Duvalier — 300.000 Morde soll das Regime verübt haben. "Die Politik spaltet alle Familien und lähmt das öffentliche Leben", sagt Marc Auguste, der selbst Angehörige durch Attentate verloren hat.

Skeptiker befürchten, dass auch die Wahl eines neuen Präsidenten daran nichts ändern wird. Drei Millionen der insgesamt zwölf Millionen Haitianer leben mangels Alternativen im Ausland. Allein 40.000 Haitianer hätten sich in der US-Armee verpflichtet, berichtet Auguste.

Was erklärt den Ausbruch der Cholera?

Es ist die Katastrophe in der Katastrophe. In Haiti sind nach Regierungsangaben bis Ende November rund 1500 Menschen an der Cholera gestorben, die Vereinten Nationen gehen sogar von mehr als 2000 Toten aus. Wieder ist es die Armut, die die Eindämmung der Krankheit, angeblich durch nepalesische Blauhelm-Soldaten eingeschleppt, so schwer macht. In den schmutzigen und verschlammten Slums gibt es kein sauberes Trinkwasser, weder Kanalisation noch Müllabfuhr funktionieren.

In den wenigen Krankenhäusern wurden die Infizierten nicht von ihren Familienmitgliedern und anderen Patienten ferngehalten. Rund die Hälfte der Erkrankten stammt aus dem Departement Artibonite nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince, wo die Cholera vor mehr als einem Monat erstmals auftrat. Der dortige gleichnamige Fluss ist Kloake und Trinkwasserreservoir zugleich, ein Hochwasser begünstigte die Verbreitung der Keime zusätzlich.

Was wird dagegen getan?

Verstärkte Hygiene-Maßnahmen und Aufklärung über die Krankheit helfen bereits viel, berichten deutsche Hilfsorganisationen übereinstimmend. "Bei unseren mobilen Kliniken melden sich die Menschen jetzt auch bei leichten Durchfall-Erkrankungen", sagt Projektbetreuerin Annika Müller vom christlichen Hilfswerk "World Vision" (Friedrichsdorf/Taunus). Seife werde den Helfern in den Notunterkünften von Port-au-Prince regelrecht aus den Händen gerissen.

Das Auswärtige Amt fördert die Soforthilfe von "World Vision" im Département Central, in La Gonave, Font Parisien und mehreren Notlagern in Port-au-Prince, insbesondere bei der Trinkwasser-Aufbereitung und den Hygienemaßnahmen. Das gemeinsame Projekt unterstützt außerdem die Vorbereitung auf eine schnelle medizinische Betreuung von infizierten Kindern, die Ärmsten der Armen und Gefährdetsten in solchen Katastrophen.

"Mit einfachen Maßnahmen ist viel zu erreichen", bestätigt die deutsche Ärztin Irmgard Harms, die in der Ortschaft Drouin in der Provinz Artibonite mit einem Team der medizinischen Hilfsorganisation "Humedica" (Kaufbeuren) Cholera-Erkrankte behandelt. Die Seuche sei an ihrem Ursprungsort deshalb soeben erfolgreich eingedämmt worden. Die Neuerkrankungen gingen deutlich zurück, berichtet Harms.

Einfache Maßnahmen wie die Ausgabe sauberen Trinkwassers, die Anleitung zu mehr Sauberkeit und die Behandlung von geschwächten Patienten mit Zucker-Salz-Lösungen hätten große Wirkung erzielt. Doch zur Entwarnung sei leider kein Anlass: "In anderen Teilen Haitis nehmen die Infektionen weiterhin deutlich zu."

Was war das größte Problem?

Das Beben am 12. Januar hatte auch die staatliche Verwaltung und die UN-Organisationen schwer getroffen. Hilfsmaßnahmen wirkten angesichts des großen Ausmaßes der Katastrophe unkoordiniert und wie bloße Nadelstiche auf eine Landkarte. So stießen Helfer erst nach einer Woche in die Gegend um das Epizentrum des Bebens in Leogane, 20 Kilometer westlich der Hauptstadt Port-au-Prince, vor. Diese Erkundung schien aber eher zufällig und allein auf Eigeninitiative deutscher Organisationen zustande gekommen zu sein.

Die großen Naturkatastrophen des Jahres 2010, ob in China, Pakistan oder Haiti, überfordern mit ihrem erschreckenden Ausmaß einzelne Staaten völlig. Speziell das Erdbeben in Haiti hat gezeigt, dass das größte Problem in der Steuerung der Helfer besteht: Tausende Opfer hätten überlebt, wäre die breite internationale
Hilfe koordiniert angelaufen.

Haitis Regierung war aber zunächst selbst handlungsunfähig; keiner füllte die Führungslücke. Und jetzt blockiert staatliche Bürokratie, Unfähigkeit und Korruption die Helfer. Ein weltweit anerkannter Leitungsstab auf Ebene der Vereinten Nationen mit weitreichenden Vollmachten ist deshalb nötig, um auf große Katastrophen künftig wirkungsvoller reagieren zu können — eine Lehre, die die internationale Staatengemeinschaft hoffentlich bald beherzigt.

Warum fließen die versprochenen Hilfsgelder nicht?

Es sieht so aus, als ob die Weltgemeinschaft versagt. Der frühere US-Präsident Bill Clinton als Sonderbeauftragter für Haiti hatte die internationale Gemeinschaft noch im Oktober energisch dazu aufgerufen, ihre vollmundigen Hilfszusagen endlich einzulösen. Bislang sei nur ein Bruchteil der versprochenen zehn Milliarden Euro auch wirklich bereitgestellt worden. "Wir müssen unser Wort, das wir den Opfern der Katastrophe gegeben haben, halten", sagte Clinton.

Ein wesentlicher Grund für die stockenden Auszahlungen liegt aber bei der korrupten und unfähigen haitianischen Regierung. Sie meldet offenbar keine konkreten Pläne für Wiederaufbauprojekte an. Marc Auguste kann die Zurückhaltung deshalb gut nachvollziehen: "Wer einfach so Geld gibt, wird sich nachher fragen, wo es geblieben ist." Hilfe dürfe nur in konkrete Projekte fließen, eine wachsame Kontrolle der Umsetzung sei unbedingt notwendig.

Verbessert die Präsidentenwahl die Situation?

Angehörige deutscher Hilfsorganisationen sind skeptisch. Die Wahl Ende November nannten Beobachter eine Farce: Angeblich seien manche Urnen schon vor der Eröffnung der Wahllokale mit Stimmzetteln gefüllt gewesen. Auch der Vorwurf der Vetternwirtschaft wurde wieder laut: Nach dem soeben veröffentlichten vorläufigen amtlichen Ergebnis sind die oppositionelle Favoritin Mirlande Manigat und der Regierungskandidat Jude Célestin die Bestplatzierten.

Célestin ist der Schwiegersohn des amtierenden Präsidenten Réne Préval, der sich laut Verfassung nicht mehr zur Wahl stellen kann. Wahlbeobachter gehen aber davon aus, dass der populäre Sänger Martelly hätte in die Stichwahl einziehen müssen. Gegen das Ergebnis gibt es deshalb auch gewaltsame Proteste der Bevölkerung. Die UN reagierten enttäuscht, hatten sie doch eine fair gewählte und stabile neue Regierung als verlässlichen Partner für den Wiederaufbau erhofft.

Was kann trotzdem getan werden?

Hilfe zur Selbsthilfe sei der richtige Schritt, sagen alle befragten Helfer. Für den Wiederaufbau einer Schule in Rivière Froide haben Jürgen Schübelin und Jean-Baptiste Alinx, der haitianische Mitarbeiter der Kindernothilfe, zum Beispiel eine einheimische Schreinerei im Westen Haitis ausfindig gemacht. Sie hat den Auftrag erhalten, 350 neue Schulbänke, Pulte, Stühle und Tafeln herzustellen — eine doppelte Hilfe für die Menschen in einem furchtbar geschundenen Land.

"In die Menschen investieren", rät Marc Auguste. Armut und fehlende Bildung hätten die Haitianer "dumm" gemacht. Er vermittelt darum Wissen in die Karibik: Pensionierte Verwaltungsbeamte, Feuerwehrleute oder ehemalige Unternehmer und Handwerker verschiedener Sparten aus Deutschland könnten beim Wiederaufbau enorm helfen. "Sie können den Menschen in ihren jeweiligen Fachbereichen beibringen, wie etwas richtig gemacht wird."


Was tut Deutschland?

Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Katastrophe stellte Bundesaußenminister Guido Westerwelle eine Million Euro Soforthilfe zur Verfügung. Weitere Millionen sind durch großzügige private Spendenprojekte zustande kommen. Viele deutsche Hilfsorganisationen sind zurzeit in Haiti tätig — mit aufopferungsbereiten Mitgliedern, die hohen Respekt abnötigen.

So war Irmgard Harms, frühere Leiterin des Gesundheitsamtes Sonthofen, schon direkt im Januar ehrenamtlich in Port-au-Prince und half in der Klinik "Espoir", lebensgefährlich verletzte Erdbebenopfer zu operieren. Trotz aller Probleme will sie wohl ihren jetzigen, dritten Einsatz in diesem Jahr noch verlängern. Man müsse den Menschen doch helfen, sagt sie und will nicht, dass um ihr keineswegs alltägliches Engagement Aufhebens gemacht wird.


Haben Spenden überhaupt einen Sinn?

Doch. Sie erzielen sogar sehr große positive Wirkung, wenn sie an eine Organisation fließen, die selbst konkrete Projekte vor Ort umsetzt und damit den Einsatz des Geldes genau steuern kann. Dank der Spendengelder aus Deutschland kann zum Beispiel die Duisburger Kindernothilfe mit ihren Partnern jetzt 17 Kinderzentren auf Haiti betreuen, in denen 9000 Mädchen und Jungen täglich Unterricht, Essen und Tipps für bessere Körperhygiene erhalten.

"Wir geben ihnen auch Seife für ihre Familien mit. Kein einziges Kind ist bislang an der Cholera erkrankt", berichtet Jürgen Schübelin. Mit verschiedenen Programmen erreiche die Kindernothilfe inzwischen sogar insgesamt 14.000 Kinder und Jugendliche. "Unsere Aufgabe ist noch lange nicht erledigt. Wir wollen nachhaltig etwas erreichen. Deswegen werben wir eindringlich um das Vertrauen der Spender. Solange sie Haiti nicht vergessen, können wir dort weitermachen — so schlicht ist das."


An wen sollten Spenden gehen?

Deutsche Hilfsorganisationen leisten in Haiti Vorbildliches, ob es um Kinderzentren, Schulen, Waisenhäuser, Kliniken oder landwirtschaftliche Initiativen geht. Die Organisationen heißen unter anderem Kindernothilfe, Humedica, World Vision, SOS-Kinderdörfer oder Action Medeor. Alle, die konkrete Projekte mit Strahlkraft betreuen, sind vertrauenswürdig. Die deutschen Hilfsorganisationen wehren sich übrigens gemeinsam gegen die landesübliche Korruption: "Wir sind stolz darauf, dass wir dieses Jahr überstanden haben, ohne ein einziges Mal Schmiergeld bezahlt zu haben", betont Schübelin. "Auch, wenn es Einzelnen Vorteile verschafft hätte: Da ziehen wir alle an einem Strang."

Gibt es weitere Hoffnungsschimmer?

Trotz allen Elends: ja! Angeblich verändern sich die Menschen. "Die Haitianer haben sich einen Ruck gegeben. Sie kämpfen endlich selbst darum, ihre Lebenssituation zu verbessern. In den Zeltlagerstädten haben Händler kleine Geschäfte gegründet, Mütter schneidern Schuluniformen, Männer ziehen Gräben durch den schlammigen Boden, damit das Regenwasser nicht wieder in die Unterkünfte läuft", berichtet Jürgen Schübelin.

Haiti müsse sich vor allem selbst helfen, ergänzt Marc Auguste. "Es ist traurig, wenn man die Menschen erst an den Rand der Verzweiflung bringen muss, damit sie selbst anpacken." Es sei noch viel zu tun, meint der Haitianer. "Der Wiederaufbau wird zwischen zehn und 15 Jahren dauern." Die Welt dürfe deshalb das Land nicht vergessen. "Das wäre die schlimmste Katastrophe für Haiti."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helmut Michelis in Haiti

(RP)