Studien über Lustlosigkeit Die neue Ehrlichkeit beim Sex

Analyse · Die Lust auf Sex scheint abzunehmen, besonders unter jungen Leuten. Das zeigen internationale Studien. Das könnte mit modernen Lebensumständen zusammenhängen, vielleicht aber auch mit einem ganz anderen Grund.

Dorothee Krings
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 Immer mehr Menschen haben weniger Lust auf Sex.

Immer mehr Menschen haben weniger Lust auf Sex.

Foto: picture alliance/Thomas Warnack/dpa

Menschen in westlichen Gesellschaften haben weniger Sex. Das zeigen Untersuchungen in Deutschland und Österreich genauso wie in den USA, Australien, Japan, Großbritannien. In Befragungen berichten Männer wie Frauen über alle Altersgruppen hinweg heute von weniger Sex, als es Menschen vor 15 oder 20 Jahren taten. Auch der Anteil jener, die angeben, gar keinen Geschlechtsverkehr zu haben, steigt. In einer Beziehung haben Menschen durchschnittlich einmal wöchentlich Sex, als Single einmal im Monat oder seltener. Und es gibt bekanntlich immer mehr Singles. Eine wachsende Zahl hatte in den vergangenen zwölf Monaten keinen Sex, und viele junge Menschen fangen auch nach dem 18. Geburtstag gar nicht erst damit an. Das sind Ergebnisse einer Untersuchung der Psychologin Juliane Burghardt, die an der Karl-Landsteiner-Universität im österreichischen Krems an der Donau forscht und etliche Studien zum Sexualverhalten weltweit ausgewertet hat.

Zu den Gründen gibt es viele Thesen: Der moderne Alltag mit beruflichem Stress, Kinderbetreuung und Dauer-Zerstreuung in digitalen Netzwerken überfordert Menschen womöglich so sehr, dass ihnen die Lust vergeht. Sie haben zu wenig Zeit, zu wenig „den Kopf frei“ für die Liebe. Die immer weiter steigende Zahl von Stunden, die Leute mit ihrem Handy oder PC verbringen, führt womöglich auch dazu, dass sie verlernen, freie Zeit mit ihrem Partner zu erleben, sich ihm zuzuwenden, einander zu umarmen, den Freiraum für körperliche Begegnung zu schaffen.

Angst und Depressionen nehmen zu

Angst und Depressionen unter jungen Menschen nehmen zu, auch das zeigen Studien. Das verringert die Lust und Psychopharmaka können dämpfen. Dating-Apps tragen wohl auch dazu bei, dass scheinbar „jederzeit verfügbarer“ Sex an Wert verliert. Der sinkende Alkoholkonsum lässt Hemmschwellen weniger oft sinken. Vielleicht sorgt #metoo auch dafür, dass Frauen heute häufiger Nein sagen – und Männer sich daran halten. Oder es hemmt Paare, das ganze Aushandeln überhaupt zu beginnen. Vielleicht trauen sich heute auch einfach mehr Leute, ehrlich zu sagen, was sie tun. Und was nicht.

In der Regel sprechen Menschen nicht offen über ihr sexuelles Leben. Und wenn doch, ist nie klar, wie realistisch die Beschreibungen sind. Es herrscht also eine große Unsicherheit, die wohl dazu führt, dass viele sich insgeheim vergleichen und dazu Maßstäbe anlegen, über die sie ebenfalls nicht sprechen. So entwickelt sich aus allerhand unbekannten Größen die Idee eines „Normalzustands“, von dem man gerade wegen der allgemeinen Verunsicherung möglichst wenig abweichen will. Dafür spricht die enorme Spannbreite in Befragungen. Burghardt hat in ihrer Zusammenschau etwa herausgefunden, dass die meisten Menschen angeben, im zurückliegenden Jahr mit einer Person Sex gehabt zu haben. Es gibt aber auch Befragte, die 300 Sexualpartner pro Jahr nennen. Das kann belegen, wie groß die individuellen Unterschiede sind. Es kann aber auch Indiz dafür sein, wie sehr angenommene Normen das Antwortverhalten beeinflussen – und möglicherweise verfälschen.

Sex ist kein Tabuthema

Zugleich wird immer mehr öffentlich über Intimes gesprochen. Heute geben Menschen preis, dass sie asexuell sind, also keine sexuelle Anziehung spüren oder keine Lust auf den sexuellen Akt haben und darunter nicht leiden. Andere berichten, wie es ist, freiwillig zölibatär zu leben, also durchaus Lust zu verspüren, dennoch zu verzichten. Oder es ist von Polyamorie die Rede, also von Menschen, die gleichzeitig mehrere Liebesbeziehungen führen, manchmal auch innerhalb eines Haushalts. Darüber gibt es dann muntere Reportagen, in denen mehrere Erwachsene etwa berichten, wie sie gegenseitige intime Kontakte pflegen und gemeinsam Kinder großziehen. Die Influencerin Jana Crämer hat mit ihrem Buch „Jana, 39, ungeküsst“ großen Erfolg. Darin beschreibt die sympathische, heute 42 Jahre alte Frau, wie sie sich jahrelang gequält und verstellt hat, nur um nicht die zu sein, „die keinen abgekriegt hat“. Auch das uralte Tabu, Jungfrau zu sein, soll durch Bekenntnisse vertrieben werden. Nach der sexuellen Revolution in den 60ern scheint es nun eine Revolution in Sachen Ehrlichkeit beim Reden über Sex zu geben.

Natürlich hat das auch mit den Gesetzen der digitalen Netzwerke zu tun. Wer bei Instagram und Co. Aufmerksamkeit bekommen will, muss etwas Besonderes zu erzählen haben. Intime Details zu verraten, ist ein ziemlich sicherer Weg, die Zahlen der Follower in die Höhe zu treiben. Und damit Geld zu verdienen. Man kann in den intimen Bekenntnissen also auch eine Folge der kommerzialisierten Öffentlichkeit sehen und sich nach alten Zeiten sehnen, in denen Intimes privat blieb.

Doch das offenere Reden über das eigene Sexualleben könnte auch langfristig befreiend wirken, weil es die Grenzen dessen weitet, was als „normal“ gilt. Grenzen, die viel Leid verursachen, wenn Menschen glauben, ihr Verhalten sei „nicht richtig“, sie selbst darum „weniger wert“. Jana Crämer erzählt exemplarisch, wie schwer es ist, sich von solchen Zuschreibungen zu emanzipieren – auch vor sich selbst.

Tyrannei der Intimität

Der Soziologe Richard Sennett hat allerdings schon Ende der 1970er-Jahre vor der „Tyrannei der Intimität“ gewarnt, der weitgehenden Personalisierung öffentlicher Belange. Menschen nutzten im Kapitalismus die Intimität, um ihre Individualität zu entfalten, und führten sämtliche Missstände auf die Anonymität und „Kälte“ der Moderne zurück, statt auf ausbeuterische Machtstrukturen. Tatsächlich dreht sich heute viel um Befriedigung individueller Bedürfnisse und Selbstentfaltung. Innerliches nach außen zu kehren, ist ein lohnender Markt. Das geoutete Ich wird zum Diskussionsgegenstand. Andere dürfen sich ein Bild machen, Zustimmung posten oder Ablehnung, alles kreist ums Individuum und daran wird verdient. Die Verhältnisse blieben außen vor.

„Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es eine Standardsexualität gäbe oder jemals gegeben hätte“, schreibt Psychologin Burghardt in ihrem Buch „Alles kann, nichts läuft“. Hinter der Idee, dass es eine „richtige“ Art oder Anzahl von Sex gebe, stehe oft die Idee, dass Sex stark biologisch bestimmt sei. „Wenn das so wäre, könnte man annehmen, dass es wie bei der Schlafdauer, Kalorienmenge oder Bewegungshäufigkeit eine optimale Menge an Sex gäbe“, so Burghardt. Eine solche Biologisierung von Sex trage aber zum Leiden von Menschen bei, etwa bei Personen, die permanent eine geringe Libido hätten, sich nicht sexuell zu Menschen hingezogen fühlten, den sexuellen Akt nicht vollziehen könnten oder aufgrund natürlicher Alterungsprozesse die Lust verlören. Wenn die neue Ehrlichkeit dazu beitrüge, dass angenommene Normen an Wirkmacht verlören, Leute wirklich sagen – und vor allem denken und empfinden könnten: Ich bin, wie ich bin, wäre viel geholfen.

Idealerweise würden Menschen verinnerlichen, dass sie in ihrem Sexualleben keine Normen erfüllen müssen, sondern ohne Scham auf ihr Empfinden vertrauen dürfen. Und darüber müssten sie dann nicht mal mehr öffentlich reden.

Buchtipp: Juliane Burghardt: Alles kann, nichts läuft: Warum wir immer weniger Sex haben. S. Hirzel, 176 Seiten, 22 Euro.