Bayern greift gegen Schulschwänzer durch: Im Polizeiauto zur Schule

Bayern greift gegen Schulschwänzer durch: Im Polizeiauto zur Schule

Nürnberg (dpa). Der Lehrer sei krank, meint die 15-jährige Martina, und will sich mit ihrer Freundin wieder der CD-Auslage in der Fußgängerzone zuwenden. Doch so einfach lassen sich die Nürnberger Polizeibeamten nicht zufrieden stellen, wenn sie Kinder im schulpflichtigen Alter vormittags in der Innenstadt treffen. Die Mädchen müssen mit auf die Wache, bis ein Anruf bei der Schule Klarheit bringt: Die beiden haben nicht geschwänzt, der Unterricht ist tatsächlich ausgefallen.

Seit Beginn dieses Schuljahres weht für Schulschwänzer in ganz Bayern ein schärferer Wind. Beamte in Zivil kontrollieren während der Schulzeit verstärkt Kaufhäuser, Musik-Läden, Einkaufszentren, Internet-Cafes und andere Jugendtreffs, um säumige Schüler ausfindig zu machen. Wer mehrere Tage unentschuldigt fehlt, wird notfalls von der Polizei zu Hause abgeholt und in die Schule gebracht.

Besonders konsequent geht es in Nürnberg zu, wo das Modell vor zwei Jahren als bundesweit einzigartiges Pilotprojekt gestartet worden war. Eine eigens abgestellte "Schulschwänzer-Streife" ist fast täglich in der Innenstadt unterwegs. Die Daten der aufgegriffenen Schüler werden ein Jahr lang im Polizeicomputer gespeichert.

Innenminister Günther Beckstein (CSU) betont, es gehe nicht darum, die betroffenen Schüler als potenzielle Straftäter abzustempeln. Das beharrliche Schwänzen sei aber in vielen Fällen die erste Auffälligkeit vor einem Abgleiten in die Kriminalität und damit ein "echtes Alarmzeichen". Laut Innenministerium haben Untersuchungen ergeben, dass zwischen notorischem Schulschwänzen und Ladendiebstählen ein Zusammenhang besteht.

Anfragen zu dem Projekt bekommen die Nürnberger Initiatoren vor allem aus dem Norden Deutschlands. Kiel, Hamburg und Hannover gehören zu den "Schwänzer-Hochburgen". Dort bleiben nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zwischen 13 und 15 Prozent der Schüler dem Unterricht fern, in München sind es dagegen nur 5,9 Prozent. Die Quote in der Modell-Stadt Nürnberg liegt nach Angaben des dortigen Schulamtes nur bei 1,2 Prozent.

Bereits im ersten Testjahr 1998/99 sei die Zahl der Schulschwänzer in der Stadt um rund die Hälfte gefallen, erläutert der stellvertretende Polizeichef von Nürnberg, Gerhard Schlögl. Die Zahl der Ladendiebstähle von Kindern sank immerhin um drei Prozent. Allein im Oktober 1998 registrierte die Polizei in der Nürnberger Innenstadt noch elf Schulschwänzer, im Oktober 1999 waren es neun und in diesem Jahr sank die Zahl auf drei.

Anonym bleibt in Nürnberg keiner der Schwänzer. Ein Blick in den Computer zeigt: Auch die 15-jährige Martina ist bereits registriert, sie wurde schon einmal von zu Hause abgeholt und zur Schule gebracht. "Meine Mutter hatte mir erlaubt, zu Hause zu bleiben", verteidigt die 15-Jährige den damaligen Vorfall. Zugleich gibt sie sich einsichtig, schließlich werden Eltern bei notorischem Schuleschwänzen mit kräftigen Bußgeldern bis zu 500 Mark zur Kasse gebeten. Sie werde "nie mehr schwänzen", betont die Jugendliche, "das wird einfach zu teuer".

(RPO Archiv)
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