Dortmund: "Ich saß im Bus, Watzke nicht"

Dortmund: "Ich saß im Bus, Watzke nicht"

Anschlag auf BVB: Ex-Trainer Thomas Tuchel sagt aus

Kritisch gegen den Verein äußern sich aktuelle und ehemalige Spieler von Borussia Dortmund im Prozess wegen des Anschlags auf den BVB-Bus. Ex-Trainer Thomas Tuchel sieht es als Auslöser für das Zerwürfnis mit der Vereinsführung.

Kurz vor der Explosion im Bus hat Trainer Thomas Tuchel noch versucht, seine Frau anzurufen. "Es gab einen riesengroßen Knall, es wurde warm, ich spürte die Druckwelle und hatte ganz am Anfang das Gefühl, wir hätten jemanden überfahren." Auf die Frage von Oberstaatsanwalt Carsten Dombart, wie die Mannschaft von Borussia Dortmund den Anschlag aufgenommen habe, antwortet er: "Wir waren erst mal in Schockstarre. Wie viel Glück wir hatten, welche Tragweite das Ganze hatte - das wurde uns erst am nächsten Morgen klar."

Vier Spieler und der Ex-Trainer des Fußball-Bundesligisten haben gestern im Prozess gegen Sergej W. vor dem Dortmunder Landgericht ausgesagt. W. ist wegen 28-fachen versuchten Mordes angeklagt. Sehr offen schildern sie, wie sie das Attentat auf die Mannschaft am 11. April 2017 erlebt haben. Die Mannschaft war auf dem Weg ins Dortmunder Stadion, um im Champions-League-Viertelfinale gegen den AS Monaco zu spielen. Der Bus war gerade am Mannschaftshotel L'Arrivée abgefahren, als die drei Sprengsätze explodierten.

"Der Bus war immer ein Rückzugsort, dort hatten wir ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe, die man vor so einem wichtigen Spiel wie an diesem Tag braucht", sagt BVB-Torwart Roman Weidenfeller (37). Es ist nicht üblich, dass Profisportler über Ängste und Schwächen sprechen. Und schon gar nicht, dass sie den Verein kritisieren. "Aus meiner Sicht war es unverantwortlich, das Spiel gleich am nächsten Tag nachzuholen", sagt Weidenfeller. "Wir sind alle trainiert und gewohnt, das Bestmögliche rauszuholen. Wir können einiges aushalten. Aber wir sind alle keine Maschinen, sondern Menschen." Er habe psychologische Hilfe in Anspruch genommen. "Man ist immer noch unglaublich schreckhaft", sagt er und meint sich selbst.

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Tuchel sagte, er sei überzeugt, dass sich der Anschlag auf das Leistungsvermögen des Teams ausgewirkt habe. Der BVB holte nicht nur das Champions-League-Spiel am nächsten Tag nach, sondern spielte auch am Wochenende nach dem Attentat in der Bundesliga gegen Frankfurt. Das Spiel gegen den AS Monaco ging mit 2:3 verloren. Die Partie gegen Frankfurt gewann der Verein 3:1. "Nach dem Wochenende hatten wir Kontakt zu einem Psychologen, der gesagt hat, dass Anschlagsopfer in den ersten Tagen nicht in eine Situation gebracht werden sollten, die sie daran erinnert", sagt Tuchel. "Aber da saßen wir ja schon längst wieder im Bus."

Ihm selbst sei der Anschlag bis heute nicht so nahe gegangen, er habe sich am Tag darauf bereit gefühlt, das Spiel gegen Monaco zu coachen. "Aber der Zustand der Mannschaft war am nächsten Morgen so, dass es keinen Sinn gemacht hat zu spielen." Was die Mannschaft geschafft habe, sei bemerkenswert. "Wären Sie, wenn es den Anschlag nicht gegeben hätte, zumindest noch über den Sommer hinaus Trainer beim BVB geblieben?", fragt der Staatsanwalt. Und Tuchel antwortet: "Davon würde ich ausgehen." Ein Grund für die Trennung sei der Umgang des Vereins mit dem Anschlag gewesen, sagt Tuchel. "Es gab einen Dissens, das hat Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ja öffentlich gesagt. Man muss dazu sagen: Ich saß im Bus, er nicht. Dadurch hatten wir eine komplett andere Herangehensweise - ohne ihm einen Vorwurf machen zu wollen."

Mittelfeldspieler Sven Bender, inzwischen bei Bayer Leverkusen, Felix Passlack und Marcel Schmelzer berichten von Schlafstörungen, die sie nach dem Anschlag hatten. "Wir mussten sehr schnell wieder in unseren Alltag rein", sagt Bender. Das Thema sei für ihn zu schnell abgehakt worden. Er glaube, viele Spieler hätten Schwierigkeiten, sich zu öffnen. "Dabei kann man das ja auch als Stärke sehen." Auch er denkt, es sei ein Fehler gewesen, das Spiel am nächsten Tag nachzuholen. "Wir waren aber auch alle zum ersten Mal in so einer Situation." Laut Kapitän Schmelzer sei die Busfahrt zum Spiel am nächsten Tag schlimm gewesen. "Da hat keiner an das Spiel gedacht. Wir waren danach einfach nur froh, zu unseren Familien nach Hause zu können."

(hsr)
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