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Verschwörungstheorie: Elite vergiftet uns mit Chemtrails aus Flugzeugen

Serie „Humbug“ : Wird die Menschheit mit Chemikalien aus Flugzeugen vergiftet?

Die Verschwörungstheorie hält sich tapfer: Die Kondensstreifen von Flugzeugen sind in Wirklichkeit Chemikalien, die freigelassen werden – mit verheerenden Folgen für die Menschen. Wissenschaftler erklären, was wirklich dahinter steckt.

Die Elite vergiftet Menschen mit Chemikalien, die aus Flugzeugen freigelassen werden. Was verrückt klingt, glauben Vertreter einer Verschwörungstheorie tatsächlich. Woher sonst sollen die komischen Kondensstreifen im Himmel – die sogenannten Chemtrails – stammen, fragen sie. „Es gibt keinerlei Belege für Chemtrails“, sagt hingegen Jens Tambke, Atmosphärenphysiker beim Umweltbundesamt (UBA).

Was wird behauptet?

Anhänger der Chemtrail-Verschwörungstheorie glauben, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen in Wahrheit durch giftige Chemikalien entstehen, die am Himmel angeblich auf Anordnung der Elite versprüht werden. Das eigentliche Ziel hinter der Aktion sei, den Klimawandel zu bremsen. Das schlage aber fehl: Statt dem Klimawandel entgegenzuwirken, würden Menschen kontrolliert, krankgemacht oder langsam vergiftet.

Als Hauptindiz für die Chemtrail-Theorie gilt, dass die weißen Streifen auch an sonst wolkenlosem Himmel zu sehen sind. Zudem würden sie nicht von allen Flugzeugen verursacht. Auch die Form der Streifen und die Beobachtung, dass sich einige besonders lange in der Luft halten, bestärkt die Verschwörungstheoretiker in ihrem Glauben. Zudem gibt es Bilder, auf denen ein Kondensstreifen in scheinbar gleichmäßigen Abständen abbricht und wieder einsetzt. Für Chemtrail-Anhänger der Beweis, dass der Pilot gezielt auf einen Knopf drückt und die Substanzen freilässt.

Woher kommt der Humbug?

Der Ursprung der Verschwörungstheorie ist unklar. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erklärt, dass Menschen aus verschiedenen Gründen an Chemtrails glauben. Manch einer erkläre damit Unwetter oder Naturkatastrophen, andere ihre Erkrankungen wie wiederkehrende starke Kopfschmerzen. Es gebe in der Chemtrail-Szene auch Verbindungen zum Rechtsextremismus. „Über diese Theorie haben rechtsradikale Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker versucht, die Umwelt- und Friedensbewegung an die rechte Szene zu binden“, erklärt die bpb.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Die bpb geht davon aus, dass die Chemtrail-Theorie erst durch das Internet zu Popularität gekommen ist und viele Anhänger gefunden hat. Gibt man das Wort „Chemtrails“ in die Internet-Suchmaschine Google ein, werden mehr als 4,6 Millionen Treffer angezeigt.

Ein Grund dafür ist, dass viele Medien das Thema bereits aufgegriffen haben. Auch in Wissenschaftssendungen wie Quarks (WDR) oder Terra X (ZDF) hat es das Thema bereits geschafft. Zudem gibt es zahlreiche Bücher, die sich dem Thema widmen – darunter Titel wie „Chemtrails: Verschwörung am Himmel?“ oder „Chemtrails existieren doch“.

Was ist dran?

Es gibt durchaus einen gewissen Nährboden für die Verfechter der Verschwörungstheorie. So erwähnt das Umweltbundesamt, dass es im wissenschaftlichen Bereich verschiedene theoretische Vorstellungen darüber gebe, zum Schutz des Klimas Stoffe in die Atmosphäre einzubringen. Dazu gehörten etwa Aluminium, Ruß oder Eisenverbindungen. Auch werde mit Flugzeugen und Stoffen wie Silberjodid versucht, das Wetter lokal zu beeinflussen, damit es etwa gezielt regnet. „Es ist aber umstritten, wie gutdas überhaupt funktioniert“, sagt Atmosphärenphyisker Jens Tambke. Das UBA vermeldet, dass sich solche Ideen nicht durchgesetzt hätten. Die gewünschte Wirkung sei nicht gesichert und die Kosten seien zu hoch.

Stattdessen liefert die Wissenschaft Beweise, die klar gegen die Existenz von Chemtrails sprechen. Es sei Fakt, so der Deutsche Wetterdienst (DWD), dass die Himmelsbilder sogenannte Eiswolken sind. Die entstehen so: Bei bestimmten Wetterlagen ist die Luft in großen Höhen manchmal recht feucht, aber nicht so feucht, dass sich Wolken bilden können. Fliegt dann jedoch ein Flugzeug vorbei, bilden der freigesetzte Wasserdampf und die Abgase des Flugzeuges kleine Tröpfchen, die bei den Temperaturen um minus 50 Grad, die in großer Höhe gemessen werden, sofort gefrieren und als Wolken sichtbar werden.

Diese Wolken können über Stunden hinweg bestehen. Oft breiten sie sich mit dem Wind aus. Und je nachdem, wie viel Bewegung in der Luft ist, wie hoch die Flugzeuge fliegen, ob das Flugzeug sinkt oder steigt, alt oder neu ist, sehen die Kondensstreifen verschieden aus. Die Muster der Kondensstreifen entstehen durch die Flugbahn der Flugzeuge. Und sind Kondensstreifen unterbrochen, dann liegt das an Schwankungen des Wasserdampfgehalts in der Umgebungsluft.

Was sagen die Experten?

Der Konsens unter den Experten lautet: Chemtrails gibt es nicht. So gibt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) Entwarnung. „Die Streifen am Himmel sind lediglich Kondensstreifen von Flugzeugen“, heißt es vom BMU. Sie seien für Menschen auf dem Boden ungefährlich, hätten aber einen Einfluss auf unsere Umwelt. Ein Sprecher des Luftfahrt-Bundesamts (LBA), das in erster Linie eine technische Prüfungs- und Zulassungsbehörde für die zivile Luftfahrt in Deutschland ist, erklärte unserer Redaktion: „Das LBA verfügt über keine belastbaren Erkenntnisse, welche Informationen über das Absprühen giftiger Substanzen aus Flugzeugen in der beschriebenen Art belegen würden“.

Die Messtation des Umweltbundesamtes auf der Zugspitze. Dort werden Schadstoffe in der Luft festgehalten. Foto: Umweltbundesamt

Das Umweltbundesamt hat dem Thema sogar ein eigenes Hintergrundpapier gewidmet. Darin steht: Für das Einbringen von Giftstoffen in die Atmosphäre und die Bildung so genannter Chemtrails gebe es „keinerlei wissenschaftliche Belege“. Das Thema beschäftigt das UBA dennoch regelmäßig. „Chemtrails sind ein hervorragendes Thema für Verschwörungstheoretiker, denn das Verhalten von Kondensstreifen ist teilweise kompliziert und deshalb für viele Menschen unerklärbar“, sagt Jens Tambke.

Der 43-jährige Atmosphärenpyhsiker ergänzt: „Im Schnitt bekommen wir alle drei Monate eine Bürgeranfrage zu dem Thema. Aber es waren auch schon mal mehr.“ Leute fragen, ob es Chemtrails gibt oder welche Stoffe eingesetzt werden. „Die Leute sind davon komplett überzeugt“, berichtet Tambke. „Manche halten uns als Bundesbehörde auch für einen Teil der Verschwörung.“

Beweise gegen die Existenz liefert das UBA selbst. Mit einer Messstation auf Deutschlands höchstem Punkt – der Zugspitze – liefert die Behörde täglich Daten über die Zusammensetzung der Luft. Erfasst werden allerlei Schadstoffe und Treibhausgase wie CO2. Hinweise oder Indizien für Chemtrails zeigen die Daten nicht. „Dort würde auffallen, wenn es Chemtrails tatsächlich gäbe“, erklärt Tambke.

Weitere Informationen und Positionen von Experten – zum Beispiel dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) oder der Deutschen Flugsicherung – zu dem Thema „Chemtrails“ lesen Sie hier im Papier des Umweltbundesamtes (UBA).

(jlu)