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Serie Humbug: Verschwörungstheorie um Titanic und Schwesterschiff Olympic

Serie „Humbug“ : Ist die Titanic nie gesunken?

Das Unglück der „Titanic“ ist ein prägendes Ereignis des vergangenen Jahrhunderts. Aber ist das Schiff überhaupt gesunken? Einige Stimmen behaupten, alles sei nur ein riesiger Versicherungsbetrug gewesen. Was es damit auf sich hat.

Kennen Sie den mehrfach oscarprämierten Film „Olympic“ mit Leonardo Di Caprio und Kate Winslet? Nein? Natürlich nicht, der Film heißt ja schließlich „Titanic“. Für manche hätte der Film aber eigentlich anders heißen müssen. Diese Menschen glauben an einen Austausch der Schiffe und dass die Titanic gar nicht gesunken ist.

Was wird behauptet?

Die Theorie besagt, dass am 10. April 1912 nicht die RMC Titanic in See stach, sondern ihr fast identisches Schwesterschiff RMS Olympic. Ausgangspunkt dazu ist das Image der Olympic als Unglücksschiff. Denn diese begab sich 1911 auf Jungfernfahrt, kollidierte aber im selben Jahr noch mit einem Kriegsschiff und nahm dabei großen Schaden. Die Versicherung wollte dafür nicht aufkommen – ein finanzielles Desaster für die Reederei, die White Star Line. Im März 1912 soll es daher, so die Theorie weiter, bei Arbeiten an beiden Schiffe in einer Werft in Belfast zu einem Tausch der Identitäten gekommen sein: Den Bug der Olympic zierte fortan der Schriftzug Titanic.

Und so begab sich im April 1912 die Olympic unter falschen Namen und notdürftig zusammengeflickt von Southampton in Richtung New York – mit der Absicht der Reederei, dass es die Fahrt nicht übersteht. Die Reederei wollte damit die Versicherungssumme für die Titanic kassieren, der Tod über tausend Menschen war hingegen nicht vorgesehen. Denn zur Rettung sollte das Schiff „Californian“ in der Nähe sein, die zum selben Schifffahrtskonzern gehörte. Der Kapitän der Titanic, Edward J. Smith, kollidierte laut der Theorie aber zu früh mit einem Eisberg, die Californian war zu weit entfernt – fast 1500 der rund 2200 Personen an Bord starben.

Woher kommt der Humbug?

Die Theorie stammt aus dem 1996 erschienenen Buch „The Riddle Of The Titanic“ (der deutsche Titel: „Die Titanic-Verschwörung“) von Robin Gardiner und Dan van der Vat – wobei der von der Titanic faszinierte Brite Gardiner als Urheber der These zu sehen ist. Van der Vat, ein niederländischer Schriftsteller, half nach eigenem Bekunden lediglich aus, die Theorie von Gardiner in Buchform zu bringen. Gardiner veröffentlichte in den Folgejahren noch weitere Bücher zu seiner Theorie eines Austausches.

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Wie verbreitet ist der Humbug?

Um das Unglück der Titanic ranken sich viele Theorien. Für den Schweizer Titanic-Experten Günter Bäbler ist die These von Gardiner jedoch eine der bekanntesten. „Wenn ich auf Partys bin, und es spricht sich herum, dass ich mich mit der Titanic auskenne, gehören Fragen zu der Theorie zu den ersten“, sagt Bäbler. Auf den Film „Titanic“ werde er am häufigsten angesprochen. Nach der Erstveröffentlichung von „The Riddle Of The Titanic“ Mitte der 1990er Jahre in England kam das Buch auch in den USA, Italien, Japan und Deutschland auf den Markt. Es wurde zum Bestseller. Die Theorie von Gardiner, die Titanic sei nie gesunken, war damals populär genug, um Aufmerksamkeit zu erregen – vor allem im englischsprachigen Raum, aber auch in deutschen Medien. 2012 widmete sich der Dokumentarfilmer David Davenport in seinem Film „Titanic. The Shocking Story“ dem Thema.

Was ist dran?

Jede Verschwörungstheorie zieht sich an einigen Details hoch, die sich tatsächlich so zugetragen haben. Bei der Titanic-Olympic-Verschwörung ist das nicht anders. Die Mehrheit der Experten, die sich mit dem Untergang des Schiffes befasst haben, hält die Theorie von Gardiner jedoch für ausgeschlossen. Die Autoren Bruce Beveridge und Steve Hall veröffentlichten dazu 2004 das Buch „Olympic and Titanic: The Truth Behind the Conspiracy“, in dem sie die These von Gardiner widerlegten. Der Brite Mark Chirnside, der mehrere Bücher zur Olympic-Schiffsreihe und der Titanic schrieb, veröffentliche 2006 ebenfalls eine Analyse – mit dem Fazit: „Die Theorie von Gardiner hält einer seriösen Prüfung nicht stand und ich glaube nicht, dass sie das Recht verdient, als ernsthafter Beitrag zum Verständnis der Titanic-Katastrophe angesehen zu werden.“

Was sagen die Experten?

Günter Bäbler ist Präsident des Titanic-Verein Schweiz und Sachautor mehrerer Bücher zu dem Thema. Auch mit der These von Gardiner hat er sich intensiv auseinandergesetzt. „Die Idee hat ihren Reiz, das gebe ich zu. Wenn man zwei Minuten überlegt, kann das aber nicht stimmen“, sagt Bäbler. Dafür reiche alleine der Blick auf das Versicherungszertifikat der Titanic: Bei Baukosten von rund 7,5 Millionen US-Dollar war das Schiff bei einem „Totalverlust“ nur mit fünf Millionen US-Dollar versichert. Bemerkenswerterweise wurde die Versicherung erst zwei Wochen vor dem Untergang des Schiffes abgeschlossen, wie die britische „Daily Mail“ 2012 veröffentlichte. „Die Titanic war unterversichert. Dieses Motiv fällt schon mal weg“, sagt Bäbler.

Weiter stellt der Experte ohnehin die Machbarkeit der Tauschaktion zwischen den Schiffen infrage – denn dazu gehöre mehr, als nur die Namensschilder zu tauschen. „Die Schiffe waren durchaus nach gleichen Plänen gebaut, hatten aber ihre Unterschiede. Man hätte also unheimlich viele Bauteile an Bord anpassen müssen, damit die Olympic aussieht wie die Titanic“, sagt Bäbler. Das wäre viel Arbeit gewesen, die viele Werftarbeiter in kurzer Zeit hätten erledigen müssen – eine physische Leistung, die er für abwegig hält. Denn alle Bauteile, die seitdem auf dem Meeresgrund geborgen wurden, tragen die Baubezeichnung „401“, die Markierung der Titanic – und nicht die Nummer „400“ der Olympic. „Das hätte viele Arbeiter erfordert, denen man hätte sagen müssen, ihr dürft bis zu eurem Lebensende nichts sagen“, sagt Bäbler.

Und weiter: „Auch die Crew hätte eingeweiht werden müssen. Dass dann über 80 Jahre davon nichts rauskam, bis es diese findigen Autoren gab, übersteigt die Vorstellungskraft“, sagt der Experte. Er hält auch die weiteren Argumente von Gardiner für dünn, unter anderem das Fehlen des Reedereibesitzers John Pierpont Morgan. „Warum hätte er mitfahren sollen?“, fragt Bäbler. „Das ist ja das Faszinierende an der Titanic: Eigentlich war die Olympic damals die Sensation und sorgte für Schlagzeilen, die Titanic war nur das zweite Schiff der Baureihe. Wäre sie nicht gesunken, wäre heute die Olympic das bekanntere Schiff.“

Nicht zuletzt löste Autor Dan van der Vat die Theorie seines Co-Autors auf. Auf seiner Homepage schrieb der 2019 verstorbene Schriftsteller und Journalist: „Die Verleger waren desillusioniert, als die Theorie nicht standhielt, aber dank der großartigen Unterstützung wurde es in mehreren Ländern (Japan, Deutschland, Italien) sowie in Großbritannien ein Bestseller. Die ganze Angelegenheit hat großen Spaß gemacht und wurde ausnahmsweise einmal anständig belohnt.“ Die Olympic hielt übrigens bis 1935 durch, ehe sie abgewrackt wurde.