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Serie Humbug: Paul McCartney ist einer Verschwörungstheorie zufolge tot

Serie Humbug : Vertuschten die Beatles den Tod von Paul McCartney?

Paul McCartney soll 1966 bei einem Autounfall gestorben sein. Das Management ersetzte ihn daraufhin durch einen Doppelgänger. Der angebliche Beweis für diesen Humbug? Versteckte Botschaften der verbliebenen Beatles in ihren Songs und auf Plattencovern.

1970 trennte sich mit den Beatles eine der größten Bands der Musikgeschichte. John Lennon, George Harrison, Ringo Starr und William Campbell gingen fortan ihrer eigenen Wege. Aber Moment Mal: William Campbell? Was ist mit Paul McCartney? Der gehörte bereits seit 1966 nicht mehr zu den Beatles. Er war gestorben. Das behauptet zumindest die „Paul ist tot“-Theorie.

Was wird behauptet?

Paul McCartney soll am 9. November 1966 bei einem Autounfall gestorben sein. Er soll einer Politesse am Straßenrand hinterhergesehen und dadurch eine rote Ampel übersehen haben. Sein Wagen stieß daraufhin mit einem anderen Auto zusammen und ging in Flammen auf. Bei dem Aufprall verlor McCartney seine Zähne, auch wegen der schweren Verbrennungen war er dadurch nicht mehr zu identifizieren. Normalerweise hätte sein Tod das Ende der Beatles bedeutet. Denn ohne McCartney war die Band nicht vorstellbar.

Für das Management war das aber keine Option. Sie überzeugten die verbliebenen Beatles John Lennon, George Harrison und Ringo Starr, den Vorfall zu vertuschen und McCartney durch einen Doppelgänger zu ersetzen. Ein gewisser William Campbell nahm dessen Platz ein und unterzog sich dafür einigen Operationen. An anderen Stellen wird allerdings auch der Name Billy Shears als McCartney-Ersatz genannt.

Und sogar der britische Geheimdienst MI5 soll bei der Entscheidung mitgewirkt haben – aus Sorge vor den Reaktionen in der Bevölkerung auf den Tod McCartneys und das Ende der Beatles. Die Band konnte so fortbestehen.

Woher kommt der Humbug?

Wo genau die Theorie entstand, dazu gibt es unterschiedliche Berichte. Eine erste Erwähnung von McCartneys Tod soll es 1967 in einem Fan-Magazin gegeben haben. Zumeist wird aber auf den Artikel „Is Beatle Paul McCartney dead?“ („Ist Beatle Paul McCartney tot?“) in der Campuszeitung der Drake University in Iowa hingewiesen. Der Text des Redakteurs Tim Harper griff damals Gerüchte und Diskussionen unter den Studenten auf, die sich um geheime Botschaften in Songs und Alben der Beatles drehten. Beispielsweise seien beim Rückwärtsabspielen des Titels „Revolution 9" die Worte  „Turn me on, dead man“ zu hören und beim Titel  „Strawberry Fields Forever“ soll Lennon am Ende des Songs angeblich „I buried Paul“ nuscheln.

In die breite Öffentlichkeit schaffte es die Theorie dann über die Radiostationen: Zunächst über einen lokalen Sender in Detroit, der von einem Zuhörer auf die versteckten Botschaften auf den Platten hingewiesen wurde, später griffen landesweite Sender und Zeitungen das Thema auf. Als „Paul ist tot“ wurde das Gerücht zum Selbstläufer – und zum Antrieb für Fans, immer mehr Songtexte und Alben nach Hinweisen zu sezieren.

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Das Albumcover zu „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sah man mit dem üppigen Blumenschmuck und den vielen Personen als Trauergemeinde, das legendäre Cover zum Album „Abbey Road“, auf dem die Beatles über den Zebrastreifen gehen, wurde als Trauerzug interpretiert: Lennon als vorangehender Priester, Starr als Sargträger, McCartney, als einziger barfuß, sei der Verstorbene und Harrison in Arbeitskleidung der Totengräber. McCartney trug zudem die Zigarette rechts, obwohl er Linkshänder sei. Ein Hinweis auf seinen Doppelgänger. Es soll über 100 solcher angeblichen Botschaften auf den Tod McCartneys geben.  

Besonders eifrige Fans glaubten, anhand von Textzeilen sogar Zeitpunkt und Hergang seines Todes herausgefunden zu haben – den oben beschriebenen Autounfall. Beispielsweise durch „Wednesday morning at 5 o'clock as the day begins“ aus „She's Leaving Home" und „He didn't notice that the lights had changed“ aus „A Day In The Life“. Und warum die ganzen Botschaften? Lennon, Harrison und Starr plagten Schuldgefühle gegenüber McCartney, sie versteckten daher seit 1966 Hinweise auf seinen Tod in Songs und Alben, so die Überzeugung.

McCartney wurde wenig überraschend auch zu seinem angeblichen Tod befragt. Reporter des Magazins „Life“ waren damals die Ersten, die ihn in seinem Landhaus in Schottland aufspürten und mit ihm sprachen. „Paul weilt noch immer unter uns“, titelte das Blatt im Anschluss. Doch die Theorie „Paul ist tot“ lebte weiter.     

Wie verbreitet ist der Humbug?

Das amerikanische „Time-Magazin“ führte den Humbug um McCartney 2009 auf Platz vier der „beständigsten Verschwörungstheorien“ der Welt. Das Magazin „Rolling Stone“ nennt sie „die seltsamste und berühmteste aller Musikverschwörungstheorien“. Die Theorie entwickelte gewissermaßen ihren eigenen Kult, da sie laut „Rolling Stone“ ein „von Fans geschaffenes Phänomen“ darstellte, das fortan Teil der Geschichte der Beatles war. Im Internet finden sich auch heute noch zahlreiche Seiten, die sich mit dem Humbug beschäftigen – mal mehr, mal weniger ernst.

Was ist dran?

Was zunächst auffällt: Ab 1966 zeigten sich die Beatles nur noch selten in der Öffentlichkeit und gaben fortan auch keine Konzerte mehr. Das letzte Live-Konzert vor Publikum war am 29. August 1966 in San Francisco, der Abschluss einer damals turbulenten US-Tournee. Die Band begründete den Entschluss damit, dass die Hysterie der Fans die Qualität ihrer Auftritte beeinträchtige und die vielen Tourneen zu stressig wurden.

Allerdings gab es auch in den Folgejahren weitere Alben der Beatles. Und McCartney zog sich musikalisch nicht zurück, sondern gibt bis heute regelmäßig Live-Konzerte. Das Argument, dass man den Doppelgänger durch ausbleibende Auftritte verstecken wollte, ist somit auf dem zweiten Blick augenfälliger Humbug.

Was sagt der Experte?

Maik Brüggemeyer ist Redakteur beim deutschen „Rolling Stone“ und Autor mehrerer Bücher, darunter das Werk „Schöner kann es gar nicht sein. The Beatles von 1957 bis 1970“. Er hat sich also intensiv beschäftigt mit jener Zeit, in der Paul McCartney angeblich gestorben ist. „Das Hauptproblem war, dass die Beatles 1966 aufgehört haben, auf Tour zu gehen. Ab da wusste man nicht, wo sie sich aufhalten und was sie tun. Da dachte man, da muss ja etwas faul sein. Die Zeit war damals nicht so transparent wie heute, was dazu führte, dass Mythen sprießen konnten, weil vieles im Verborgenen war“, sagt er. Damals habe es ähnliche Theorien um Bob Dylan gegeben, der bei einem Motorradunfall gestorben sein soll, da er über ein Jahr kein neues Album veröffentlichte, sagt Brüggemeyer.

Außerdem habe McCartney auch nach seinem angeblichen Tod weiterhin große Songs geschrieben, sagt Brüggemeyer. „Das würde ja bedeuten, dass der Typ, der ihn ersetzt hat, musikalisch ebenso talentiert war wie McCartney und dabei auch noch genauso aussah. Das ist eher unwahrscheinlich“, sagt Brüggemeyer.  

Der englische Beatles-Biograf Peter Doggett nennt in seinem 2009 erschienenen Buch „You Never Give Me Your Money: The Beatles After the Breakup“ die Theorie „den monumentalsten Schwindel, seit Orson Welles' Sendung Krieg der Welten Tausende von panischen Einwohnern New Jerseys davon überzeugte, dass Marsmenschen in der Nähe seien“. Er verweist darauf, dass die Theorie „jeder Logik entbehrt, ihre Popularität aber in einem Klima verständlich war, in dem die Bürger mit Verschwörungstheorien konfrontiert waren, die darauf bestanden, dass die Ermordung von Präsident John F. Kennedy im Jahr 1963 in Wirklichkeit ein Staatsstreich war“.

Brüggemeyer hält die angeblichen Hinweise in Songs oder auf den Alben für Zufälle. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass John Lennon nicht ‘I buried Paul‘ sagt. Und ich bin mir auch sicher, dass vieles, was rückwärts gespielt wird, Zufall ist“, sagt er. Die Beatles waren nach seiner Einschätzung damals eine der ersten Bands, die zusammen mit ihren Fans alt wurden, zuvor habe es nur Teenie-Gruppen gegeben, die irgendwann wieder weg waren. „Da waren auch bei den Fans auf einmal ganz andere Bedürfnisse da. Die Aufladung von Popmusik mit Bedeutung hat zu der Zeit stattgefunden. Und von der Deutung sind damals viele Werke größer gemacht worden, als sie waren. Wer etwas in den Songs finden will, der findet halt auch etwas“, sagt er weiter.

Da die Theorie erstmals unter Studenten aufkam, erinnert „Paul ist tot“ ein wenig an die deutsche Theorie um die Nicht-Existenz der Stadt Bielefeld. Auch dieser Humbug entsprang scherzhaft in Studentenkreisen, war auf absurden Argumenten aufgebaut und verselbstständigte sich anschließend überregional. Auch Brüggemeyer sieht Parallelen zwischen den Theorien. „‘Paul ist tot‘ war einer der ersten Popmythen. Die Erzählung verbreitete sich daher schnell weiter“, sagt er und fügt an: „An der Theorie ist aber nichts dran.“

McCartney sagte in einem Interview 2019 auf seiner Homepage selbst dazu: „Die Menschen haben vielleicht zu viele Drogen genommen und suchen an den falschen Stellen nach Antworten.“