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Humbug: Wieso Menschen weiterhin an die Verschwörungstheorie "Pizzagate" glauben

Serie „Humbug“ : Wieso Menschen weiterhin an „Pizzagate“ glauben

Hillary Clinton organisiert aus dem Keller einer Pizzeria in Washington einen internationalen Pädophilenring. Diese Verschwörungstheorie kam während der US-Wahl 2016 auf. Auch vier Jahre später ist „Pizzagate“ weiterhin Gesprächsthema.

Als im Dezember 2016 ein bewaffneter Mann in eine Pizzeria in Washington stürmte und mehrere Schüsse abgab, hatte die Verschwörungstheorie um Hillary Clinton und die Demokraten ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Obwohl „Pizzagate“ seitdem mehrfach widerlegt werden konnte, wird es auch im Jahr 2020 immer wieder in sozialen Netzwerken verbreitet und sogar von einigen Promis befeuert.

Was wird behauptet?

Im US-Wahlkampf 2016 verbreitete sich die Behauptung, dass Hillary Clinton im Mittelpunkt eines international agierenden Pädophilenrings stehen würde. Zentrum dieses Netzwerks, das angeblich Kinder aus aller Welt verschleppt, missbraucht und verkauft, sollte laut Theorie im Keller einer Pizzeria in Washington, D.C. liegen.

Neben der damaligen Präsidentschaftskandidatin der Demokraten seien auch weitere prominente Persönlichkeiten wie Barack Obama und Lady Gaga in die kriminellen Machenschaften involviert, heißt es.

Woher kommt der Humbug?

Ausgangspunkt dieser Verschwörungstheorie sind auf Wikileaks veröffentliche E-Mails von John Podesta – dem damaligen Wahlkampfmanager von Hillary Clinton. In diesen kommuniziert er unter anderem mit James Alefantis, dem Besitzer der Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington, D.C. Anhand bestimmter Wörter und Formulierungen wollten Anhänger der Verschwörungstheorie den Beweis sehen, dass Clinton tatsächlich Teil eines pädophilen Netzwerks sei.

Dabei seien Wörter wie „pizza“, „pasta“ und „sauce“ Codewörter und stünden eigentlich für die Begriffe Mädchen, kleine Jungs und Orgie. Auch der persönliche Instagram-Account von Alefantis rückte in die Beobachtung der Pizzagate-Anhänger. Ein Foto, auf dem der Restaurantbesitzer ein T-Shirt mit der Aufschrift „J’ <3 L’Enfant“ (hier sinngemäß, franz.: Ich liebe Kinder) trägt, sollte ein weiterer Beweis für die Existenz des Pädohpilenrings sein, der aus dem Keller seiner Pizzeria agiert.

Die Verschwörungstheorie verbreitete sich rasch über die sozialen Netzwerke Reddit, 4Chan und Twitter und wurde vor allem von Trump-Befürwortern und computergesteuerten Bots weitergeleitet. Auch viele Anhänger des stark rechten, politischen Lagers in den USA sprangen auf Pizzagate an und konstruierten immer weitere Details um diese Verschwörungstheorie.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Durch die extrem schnelle Verbreitung über die sozialen Medien wurde die Verschwörungstheorie schon kurze Zeit nach ihrer Entstehung zu einem großen Thema in den USA. Dazu beigetragen hatte unter anderem Michael G. Flynn – nach der Wahl Mitglied im Trump-Beratungsteam und Sohn von Michael T. Flynn, dem kurzzeitigen Nationalen Sicherheitsberater des US-Präsidenten. „Solange #Pizzagate nicht als falsch erwiesen wurde, bleibt es eine Geschichte“, twitterte Flynn Junior und wurde daraufhin aus dem Trump-Team entlassen.

Laut einer Umfrage glaubte im Dezember 2016 die Hälfte der Trump-Wähler, dass die Verschwörungstheorie hinter Pizzagate der Wahrheit entsprechen würde. Neu befeuert wurde die Theorie im Jahr 2020 unter anderem durch die Videoplattform Tiktok, auf der sich vermehrt junge Menschen zu der Theorie äußerten. Tiktok sah sich sogar gezwungen den Hashtag „Pizzagate“ zu sperren, nachdem die Videos zuvor über 80 Millionen Mal angeklickt wurden.

Für Verwirrung sorgte auch Robbie Williams in einem Interview im Juni 2020, als er bezüglich Pizzagte erklärte, dass die richtigen Leute noch nicht befragt worden seien und hinzufügte: „Als Zivilist, als Mensch, sage ich: Es hat noch keine Antworten gegeben.“

Auch in Deutschland hat Pizzagate prominente Anhänger. So verweist der Sänger Xavier Naidoo in seinem Lied „Marionetten“ auf diese Verschwörungstheorie, Rapper Kollegah forderte über sein Instagram-Profil dazu auf, dass doch endlich objektiv über das Thema berichtet werden müsse. Auch Weitspringerin Alexandra Wester verwirrte zuletzt mit Aussagen über die Existenz von Pizzagate.

Was ist dran?

Keine handfesten Indizien deuteten jemals darauf hin, dass die Spekulationen und Behauptungen zu Pizzagate der Wahrheit entsprechen könnten: Keine Hinweise, keine Zeugen, keine Opfer, ja nicht einmal der von den Anhängern der Theorie immer wieder beschworene Keller der Pizzeria existiert. Das wurde durch einen Zwischenfall im Dezember 2016 deutlich. Damals stürmte ein bewaffneter Mann die „Comet Ping Pong“-Pizzeria, um die vermeintlich verschleppten und missbrauchten Kinder aus dem Keller des Restaurant zu befreien. Der 28-Jährige gab sogar Schüsse mit seinem halbautomatischen Gewehr ab, ließ sich dann später widerstandslos verhaften, als er erkennen musste, dass „Comet Ping Pong“ gar keinen Keller besitzt.

Auch das vom Pizzeria-Besitzer Alefantis getragene Shirt mit dem Aufdruck „J’ <3 L’Enfant“ hatte nichts mit dem französischen Wort für „Kinder“, sondern mit einem Café namens „L’Enfant Café Bar“, das nach Pierre Charles L’Enfant benannt ist, zu tun.

Ausführlich skizziert die HBO-Dokumentation „After truth: Disinformation and the Cost of Fake News“ die Entwicklung von Pizzagate und wie rechtsextreme Akteure die Macht solcher Verschwörungstheorien im Internet nutzen können, um bewusst mit Desinformationen und Fake News Stimmung erzeugen zu können.

Was sagen die Experten?

Maximilian Rieger, Radiojournalist beim Deutschlandfunk, war 2016 zur Wahl in Washington vor Ort und erinnert sich an die damalige Situation in den USA. „Viele Amerikaner hatten den Eindruck, dass Clinton auf eine Weise unehrlich ist. Die veröffentlichten E-Mails haben dieses Image dann nochmal exorbitant verstärkt“, sagt er. Die daraus entstandene Pizzagate-Verschwörung sei zwar nur „ein kleines Puzzleteil von vielen gewesen“, erklärt Rieger. „Aber alle Teile haben bei vielen den Eindruck erweckt, dass man Clinton mindestens nicht trauen kann oder sie im schlimmsten Fall sogar kriminell ist.“

Damals habe auch Donald Trump dieses Narrativ, dass Clinton nach der Wahl ins Gefängnis wandern wird, weiterverbreitet. „Es passte also in die Stimmung vor dieser Wahl, sodass Teile der Bevölkerung gedacht haben: Wenn so viele Dinge möglich sind, dann ja vielleicht auch, dass Clinton aus dem Keller einer Pizzeria einen pädophilen Kinderring leitet“, sagt Rieger.

Diese Theorie nennt er ebenso wahnsinnig wie perfide. Perfide, weil die Erzählung dieser Verschwörungstheorie einen wahren Kern hat. „Es gibt Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Und es gibt diese Netzwerke, die dahinterstehen. Auf Grundlage dieser aus dem Kontext gerissenen Fälle wird dann eine wilde Phantasie weitergesponnen.“

Dass die Theorie weiterhin Bestand hat, liegt laut Rieger an der Weiterentwicklung der Erzählung: „Pizzagate dient heute als Grundlage für Q-Anon – was eine Art Pizzagate extended ist.“ Der grundlegende Gedanke, dass ein Kreis aus Demokraten um Hillary Clinton einen Pädophilenring organisiert, wurde demnach einfach ausgeweitet auf eine weltweite, nicht genauer definierte Elite-Gruppe.