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Humbug: Nazis und Aliens - Aldebaraner Verschwörungstheorie

Serie „Humbug“ : Haben Außerirdische die Nazis unterstützt?

Arier stammen von Außerirdischen ab, die vor Tausenden Jahren vom Stern Aldebaran auf die Erde kamen. Das behauptet eine rechtsesoterische Verschwörungstheorie. Angeblich halfen die Aliens den Nazis bei der Entwicklung der „Reichsflugscheibe“.

Nazis leben auf der Rückseite des Mondes. Was in der Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ ins Lächerliche gezogen wird, glauben einige Menschen tatsächlich. Dort hingekommen sind die Nazis einer Verschwörungserzählung zufolge mithilfe der „Reichsflugscheibe“. Die Technik zum Bau dieses Fluggeräts bekamen sie demnach von Aldebaranern – waschechten Außerirdischen.

Was wird behauptet?

Aldebaraner leben laut Verschwörungserzählungen im System des Sterns Aldebaran. Angeblich kamen sie vor Tausenden von Jahren auf die Erde und pflanzten sich dort fort. Rechten Verschwörungstheoretikern gilt dies als Nachweis der Rassentheorie. Die Arier stammen angeblich direkt von Aldebaranern ab, die im Vergleich zum Menschen eine hochentwickelte und intelligente Art seien. Somit sind der Theorie nach auch Arier anderen Menschen überlegen.

In der NS-Zeit dann nahmen die Aldebaraner angeblich erneut Kontakt mit den Menschen auf und gaben ihr Geheimwissen weiter. So konnten die Nationalsozialisten zum Beispiel die „Reichsflugscheibe“ bauen – ein beliebtes Motiv in rechten Verschwörungstheorien. Sie gilt als „geheime Wunderwaffe“, wie die Bundeszentrale für politische Bildung über das fiktive Gerät schreibt. Angeblich wurde die „Reichsflugscheibe“ mit einer kosmischen Kraft, der „Vril-Energie“, betrieben, die es den Nazis ermöglichte, ins Weltall zu fliegen.

Woher kommt der Humbug?

Maßgeblichen Anteil an der Verbreitung der Verschwörungstheorie hat Jan Udo Holey. Der deutsche Autor gilt als Verschwörungstheoretiker. In „Unternehmen Aldebaran. Kontakte mit Menschen aus einem anderen Sonnensystem“ (1997) verbreitete er angebliche Fakten über die Aldebaraner. Dabei berichtet Holey auch von den angeblichen Erlebnissen von Reiner Feistler, der behauptet, er habe mit Aldebaranern in Kontakt gestanden.

Ein weiterer Verbreiter der Aldebaraner-Erzählung ist der 2014 verstorbene Axel Stoll. Er gilt als ein bekannter Verschwörungstheoretiker der rechtsextrem-esoterischen Szene in Deutschland. Im Dokumentarfilm „Die Arier“ von Mo Asumang, in dem die Filmemacherin sich mit „Ariern“ und der rechtsextremen Szene beschäftigt, behauptet Stoll, dass die Menschheit sich aus unterschiedlichen Alien-Rassen zusammensetze. Die seien auf die Erde verbannt worden, weil sie gegen die Gesetze des Universums verstoßen hätten. Die Arier wiederum seien als Nachfahren der Aldebaraner dazu bestimmt, über diesen „Strafplaneten“ zu herrschen. Zur Kommunikation zwischen Ariern und Aldebaranern dienten Stoll zufolge die langen Haare von Frauen als Sender und Empfangsgerät.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Auch unter den sogenannten Reichsbürgern, die die Bundesrepublik Deutschland ablehnen, scheint es Anhänger der Aldebaraner-Verschwörungserzählung zu geben. Ein bekanntes Beispiel ist Norbert Schittke. Er ist selbst ernannter „Reichskanzler“ der „Reichsbürger“-Gruppe „Exilregierung Deutsches Reich“. Er glaubt nicht nur an einen Fortbestand des Deutschen Reichs und lehnt die Bundesrepublik ab. Er glaubt nach eigenen Angaben auch, dass Aldebaraner mit den Nationalsozialisten Kontakt aufgenommen hatten und mit Adolf Hitler per „Reichsflugscheibe“ nach Aldebaran geflogen seien. Später sei Hitler dann auf die Erde zurückgekehrt.

Daneben fanden die Aldebaraner und ihr Heimatstern Aldebaran auch Einzug in die Science-Fiction. Sie kommen beispielsweise in einigen Folgen von „Star Trek – Raumschiff Enterprise“ vor, allerdings lediglich als ein außerirdisches Volk, nicht in dem Verschwörungs-Zusammenhang. Heinrich von Stahl lässt die Außerirdischen in seiner Romanreihe „Aldebaran“ gegen eine intelligente Reptilienspezies kämpfen – und greift damit eine zweite Verschwörungstheorie auf: die der Echsenmenschen.

Was ist dran?

 Apropos Science-Fiction: Nicht zu verwechseln ist Aldebaran mit Alderaan, dem Heimatplaneten von Prinzessin Leia aus „Star Wars“. Denn trotz der krude anmutenden Theorien, die sich um seine angeblichen Bewohner drehen, existiert der Stern Aldebaran tatsächlich.

Er liegt im Sternbild Stier, wird auch „Cor Tauri“ („Herz des Stiers“) genannt. Von der Erde ist er etwa 67 Lichtjahre entfernt. Zur Orientierung: Ein Lichtjahr entspricht circa 9,46 Billionen Kilometern. Aldebaran steht an vierzehnter Stelle der von der Erde aus gesehen hellsten Sterne. Am Winterhimmel ist der Stern, auch wegen seiner rötlichen Farbe, sehr auffällig. Wissenschaftliche Nachweise über Leben auf dem oder um den Stern herum gibt es bisher jedoch nicht.

Was sagen die Experten?

Es sieht auch nicht danach aus, als sei Leben rund um Aldebaran möglich. Der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch beschäftigte sich in einer Folge des Wissensmagazins „Alpha Centauri“ des Bayerischen Rundfunks mit der Frage, was die Lebensbedingungen in der Umgebung eines Sterns bestimmt. Er kam dabei zu dem Schluss, dass um Aldebaran herum kein Leben möglich sei. „Aldebaran ist ein sogenannter Riese, ein K-Riese. Der ist 36-mal so groß wie die Erde, hat 100 Sonnenleuchtkräfte, und seine Temperatur beträgt 4000 Grad“, sagte Lesch in der Sendung. Der Stern habe nicht die richtige Temperatur, um Leben zu ermöglichen – für einen Stern ist Aldebaran relativ kühl. Außerdem deute seine Größe darauf hin, dass der Stern sterbe. „Er ist in der Riesenphase, hat sich also schon aufgebläht“, so Lesch. Sein klares Fazit: „Das wird mit dem Leben um Aldebaran herum nichts werden.“

 Der Psychologe und Journalist Sebastian Bartoschek
Der Psychologe und Journalist Sebastian Bartoschek Foto: Platzek/Bartoschek/Arik Platzek

Solche Fakten halten rechtsesoterische Verschwörungstheoretiker jedoch nicht davon ab, weiter an die Außerirdischen zu glauben, die angeblich mit den Nazis in Kontakt standen. „Das ist ein recht wichtiger Baustein, wenn man von einer überlegenen Technik des Nazi-Regimes ausgehen will“, sagt Sebastian Bartoschek. Der Psychologe und Journalist aus dem Ruhrgebiet hat sich in Publikationen und einem Dokumentarfilm mit den Ansichten von Axel Stoll auseinandergesetzt. „Wir haben es da im Kern mit einer rechtsesoterischen Sicht zu tun“, sagt Bartoschek, „mit Geschichtsrevisionismus und einer Verklärung des Nazi­tums.“

Die Theorie, Arier würden von hochentwickelten Außerirdischen abstammen, werde von rechten Verschwörungstheoretikern als Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Gruppen von Menschen formuliert. „Es ist im Grunde alter Wein in neuen Schläuchen“, sagt Bartoschek. „Ich glaube, dass die letzten Jahrzehnte davon geprägt waren, dass die Menschen der Wissenschaft und Technik schon sehr vertrauen.“ Da das Konzept der menschlichen Rassen ab dem Ende der NS-Zeit jedoch in der Wissenschaft als überholt galt, brauchte es neue Erklärungen für die angebliche Überlegenheit der Arier, sagt Bartoschek. „Genau in diese Kerbe schlägt schließlich die Aldebaraner-Schiene“. Für sich genommen sei die Theorie „erst einmal völlig schwachsinnig“, so Bartoschek. Im Gesamtzusammenhang jedoch dienten solche geschichtsrevisionistischen Bestrebungen dazu, die NS-Zeit zu glorifizieren, sagt Bartoschek. „Da ist meiner Meinung nach die Gefahr zu sehen.“