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Humbug: Mobilfunktechnik 5G verstärkt durch Strahlung Corona-Ausbreitung

Neue Folge im „Humbug“-Podcast : Steckt hinter der Pandemie die 5G-Mobilfunktechnik?

Einige Menschen glauben an einen Zusammenhang zwischen der Pandemie und angeblicher Strahlung über Mobilfunkmasten. Nicht ein Virus, sondern die 5G-Technik sei verantwortlich für den Tod Tausender, meinen Verschwörungstheoretiker. Warum das Humbug ist.

Der neue Mobilfunkstandard 5G ist für viele ein Segen: Die Technologie verspricht mehr Datenübertragung in kürzerer Zeit, also schnelleres Internet – und damit nicht nur Vorteile für Industrieunternehmen, sondern auch für private Anwender. Doch es gibt auch Skeptiker: Verschwörungstheoretiker etwa, die dazu aufrufen, Mobilfunkmasten mit neuer 5G-Technik zu zerstören. So sind seit April in einigen Ländern Mobilfunkmasten in Flammen aufgegangen, vor allem in Großbritannien, aber auch in den Niederlanden oder Kanada. Der Sender BBC etwa berichtet von 20 Attacken auf Mobilfunkmasten im Vereinigten Königreich allein über Ostern und bezieht sich auf die Angaben örtlicher Mobilfunkanbieter.

Was wird behauptet?

Dass Mobilfunkmasten ausgerechnet während der Pandemie zum Ziel von Angriffen werden, liegt an einem angeblichen Zusammenhang zwischen der Mobilfunk-Technik und dem Coronavirus. Der Umstand, dass seine Ausbreitung vielerorts zeitlich mit dem 5G-Netzausbau zusammenfällt, löst obskure Theorien aus: Das Coronavirus sei nur vorgeschoben, in Wirklichkeit sei die 5G-Strahlung für den Tod Tausender verantwortlich, sagen manche. Andere behaupten, durch die Strahlung werde das menschliche Immunsystem derart geschwächt, dass es leicht zu Infektionen kommen kann.

Woher kommt der Humbug?

In zahlreichen Ländern der Welt – auch in Europa – gibt es Gegner des 5G-Ausbaus. Viele haben Angst vor Strahlung, fürchten Folgen für ihre Gesundheit. Einige Kritiker sehen sich in ihren Befürchtungen mit Blick auf die Corona-Pandemie bestätigt und wettern gegen den weiteren Ausbau.

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Ein prominenter Kritiker aus dem deutschsprachigen Raum ist der Physiker Klaus Buchner, der sich politisch in der Ökologisch-Demokratischen Partei engagiert und Mitglied des Europäischen Parlaments ist. In einem auf seiner Internetseite Ende März erschienenen Artikel bezeichnet er Mobilfunkstrahlung, insbesondere 5G, als einen „Brandbeschleuniger der Pandemie“. Als Beispiel nennt er die chinesische Stadt Wuhan, die als Ausbruchsort der Pandemie gilt – und bei der es sich um eine der ersten Städte weltweit handele, die „mit allen drei Frequenzbändern für 5G ausgestattet wurde“. Klaus Buchner zufolge sind die Einwohner sehr starker Strahlung ausgesetzt.

Selbst wenn man auch ausschließen könne, dass das Coronavirus durch den Funk entstanden ist, so liege es nahe, dass die Verbreitung der Viren durch Funkstrahlung gefördert werde. Aus Sicht Buchners hemmt längere Strahlung die Immunabwehr. Der 79-Jährige empfiehlt daher, Smartphones in den Flugmodus zu schalten und so weit wie möglich auf schnurlose Telefone, auf W-Lan und Bluetooth zu verzichten.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Google-Trends zufolge gibt es großes Interesse nach dem Begriff „Corona“ in Verbindung mit dem Stichwort „5G“: Mitte März und Anfang April wurde die Kombination aus beiden Begriffen besonders häufig gesucht.

Verbreitet werden Theorien in Sachen 5G und Corona in erster Linie über soziale Netzwerke. Auch bei Youtube finden sich Vorträge angeblicher Fachleute, die vor einem Zusammenhang warnen. Allerdings gibt es mittlerweile zahlreiche Aufklärungsvideos, in denen Verschwörungstheorien rund um das Thema 5G entkräftet werden.

Während anderenorts 5G-Antennen in Flammen aufgehen, verzeichnen die Mobilfunkanbieter in Deutschland keinen plötzlichen Anstieg von Anschlägen auf Mobilfunkanlagen. Ein Unternehmen, das an rund 100 Standorten in Deutschland rund 400 Antennen mit der neuen 5G-Technologie betreibt, ist Vodafone. Laut dem Konzern hat es in Deutschland bisher keinen Anschlag auf Mobilfunkstationen in Zusammenhang mit 5G oder Corona gegeben.

Was sagen die Experten?

Der Bremer Biologie-Professor Alexander Lerchl beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Auswirkungen von Mobilfunktechnik auf den menschlichen Körper. Er betont: „Zwischen Mobilfunk und dem Coronavirus gibt es keinen Zusammenhang. Das ist völliger Unsinn – und es ist unverantwortlich, dass manche so etwas behaupten.“

Lerchl räumt gleich mit dem irreführenden Begriff der Strahlung auf, der sich im Laufe der Jahrzehnte durchgesetzt habe. Dabei könne in Bezug auf Mobilfunk nicht von Strahlung die Rede sein, sondern nur von elektromagnetischen Feldern mit bestimmten Frequenzen. „Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese elektromagnetischen Felder innerhalb der bestehenden Grenzwerte vollkommen ungefährlich“, sagt Lerchl. Eine ionisierende Wirkung wie etwa beim Röntgen gebe es nicht – es gebe also keine Auswirkungen auf die Erbsubstanz.

 Der Wissenschaftler Alexander Lerchl lehrt an der Jacobs University Bremen.
Der Wissenschaftler Alexander Lerchl lehrt an der Jacobs University Bremen. Foto: Lerchl

Die Grenzwerte für die jeweiligen Netze (auch für 5G) sind in der 26. Bundes-Immissionsschutzverordnung aufgeführt. Das Bundesamt für Strahlenschutz führt die Daten übersichtlich auf.

Entscheidend ist dem Experten Alexander Lerchl zufolge die Energie elektromagnetischer Felder. Bisher lagen die Frequenzen im Mobilfunkbereich bei unter 2,6 Gigahertz. Selbst bei Frequenzen von 40 Gigahertz sei die Energie noch immer deutlich geringer als die solcher Frequenzen, die theoretisch gefährlich werden könnten – wie etwa die von hautkrebserregender UV-Strahlung, bei der man wegen höherer Energie und kürzerer Wellen tatsächlich von Strahlung sprechen kann.

Allein aus physikalischen Gründen ist es laut Lerchl nicht möglich, dass elektromagnetische Felder des Mobilfunks – auch mit 5G-Technik (perspektivisch bis zu 60 beziehungsweise 80 Gigahertz) – eine Wirkung wie etwa die von Röntgenstrahlen haben. „Es ist biophysikalisch ausgeschlossen, dass solche Felder bei den bestehenden Grenzwerten und darüber hinaus Krankheiten auslösen und insbesondere die Erbsubstanz beschädigen können“, sagt der Wissenschaftler.

Nur minimaler Temperaturanstieg im Gewebe

Nachweisen lässt sich laut Lerchl lediglich ein Effekt: ein Temperaturanstieg des menschlichen Gewebes. „Beim Telefonieren wird das Ohr warm. Das hat aber nichts mit Strahlung zu tun. Es liegt schlicht daran, dass sich die Körperwärme am Ohr staut, weil das Ohr wegen des vorgehaltenen Telefons keine Wärme abgeben kann. Außerdem werden Handys an sich aufgrund des Betriebs warm.“ Den Beweis dafür, dass die Wärme nicht durch eine angebliche Strahlung verursacht wird, hat Lerchl schon häufig bei Info-Veranstaltungen für Bürger gebracht: Sie hatten sich längere Zeit ein ausgeschaltetes Handy ans Ohr gehalten – und es wurde trotzdem warm.

Einen Temperaturanstieg durch elektromagnetische Felder im Gewebe gebe es auch – dieser sei jedoch mit 0,1 Grad Celsius „absolut ungefährlich“, sagt Alexander Lerchl. Andere biologische Effekte seien nicht wissenschaftlich nachgewiesen, auch nicht, dass elektromagnetische Felder von Mobiltelefonen – wie oft behauptet – möglicherweise krebserregend sind. Eine entsprechende Einstufung der International Agency for Research on Cancer aus dem Jahr 2011 beziehe sich ausschließlich auf Endgeräte und sei in einer Kategorie eingestuft, in der auch der Verzehr von eingelegtem Gemüse oder (bis 2016) das Kaffeetrinken aufgeführt gewesen sei.

Frequenzbereich entscheidend für Sicherheit

Die Weltgesundheitsorganisation und auch das Bundesamt für Strahlenschutz gehen davon aus, dass Funkwellen nach derzeitigem Kenntnisstand bei den gesetzlichen Grenzwerten kein gesundheitliches Risiko darstellt. „Bislang gibt es keine wissenschaftlich bestätigten Belege für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den bei der Mobilfunknutzung entstehenden elektromagnetischen Feldern und Erkrankungen beim Menschen“, sagt eine Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz. Dies gelte auch für die Behauptung, es gebe einen Zusammenhang zwischen 5G und der Verbreitung von Coronaviren.

Laut Bundesamt gilt grundsätzlich, dass unterhalb der Grenzwerte nach aktuellem Wissensstand „keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder zu erwarten sind.“ Gleichwohl weist das Amt darauf hin, dass die intensive Handynutzung über Jahrzehnte hinweg noch nicht erforscht ist. Wer trotz der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse die Einwirkung von elektromagnetischen Feldern auf seinen Körper verringern möchte, kann laut Bundesamt beispielsweise mit einem Headset telefonieren und das Mobiltelefon weiter vom Körper entfernt ablegen.

(Dieser Text ist das erste Mal am 09.09.2020 erschienen, wir haben das Thema aber nun in unseren Podcasts nochmal aufgegriffen.)