Serie „Humbug“ Warum kein „Bevölkerungsaustausch“ stattfindet

Düsseldorf · Manche Menschen sind davon überzeugt, dass die ursprüngliche europäische Bevölkerung systematisch durch nicht-weiße Einwanderer ausgetauscht wird. Ein Mythos, der von Rechtsextremisten, aber auch in Polizeichats verbreitet wird – und auf dessen Grundlage Einzeltäter andere Menschen ermorden.

Viele Menschen verlassen ihre Heimat wegen Bürgerkriegen oder politischer Verfolgung – das blenden Anhänger des Mythos vom „Bevölkerungsaustausch“ offenbar aus.

Viele Menschen verlassen ihre Heimat wegen Bürgerkriegen oder politischer Verfolgung – das blenden Anhänger des Mythos vom „Bevölkerungsaustausch“ offenbar aus.

Foto: dpa/Marco Ugarte

Was wird behauptet?

Sie prophezeien den „Untergang Europas“: Menschen, die an die Verschwörungserzählung des „Großen Austauschs“ (auch bezeichnet als „Bevölkerungsaustausch“) glauben, sind überzeugt davon, dass geheime Eliten die ursprünglichen Bevölkerungen der europäischen Länder durch nicht-weiße Einwanderer, insbesondere aus muslimisch-geprägten Ländern, austauschen würden. Ein Beleg dafür soll die Flüchtlingspolitik der europäischen Länder und die damit verbundene Aufnahme von Migranten sein. Ein weiterer vermeintlicher Beweis von Anhängern hierzulande: die sinkende Geburtenrate deutscher Frauen im Vergleich zu der zugezogener Frauen.

Als Strippenzieher wird oft George Soros genannt, ein US-Investor ungarisch-jüdischer Herkunft. Es wird behauptet, er finanziere und steuere mit seiner Stiftung „Open Society Foundations“ (OSF) ein weltweites Netzwerk aus Aktivisten, Journalisten und Politikern und lenke Flüchtlingsströme gezielt nach Europa.

Woher kommt der Humbug?

Viele Proponenten der Erzählung beziehen sich auf den französischen Schriftsteller Renaud Camus – nicht zu verwechseln mit dem Literaturnobelpreisträger Albert Camus. In seinem Buch „Le grand remplacement“ (dt. „Der große Austausch“, 2011 erschienen) hat er die Folgen des angeblichen Bevölkerungsaustauschs für die französische Gesellschaft skizziert: Frankreich, das eine lange Tradition als Einwanderungsland hat, würde durch die steigende Zahl von Zugezogenen immer mehr seine Identität und Kultur verlieren, schrieb er. Als ein Vorläufer dieser Ideologie gilt Jean Raspail, ebenfalls französischer Schriftsteller, mit seinem 1973 veröffentlichten Werk „Das Heerlager der Heiligen“.

Doch was den deutschen Sprachgebrauch betrifft, geht der Begriff noch viel weiter, mindestens 100 Jahre zurück, wie der Historiker und Migrationsforscher Jochen Oltmer verdeutlicht: „Im deutschen Sprachraum ist der Begriff des Bevölkerungsaustauschs eng mit der Vorstellung von der Germanisierung benachbarter Gebiete im Osten Europas verknüpft“, sagt der Professor, der an der Universität Osnabrück historische Migrationsforschung lehrt. „Der Begriff stammt aus einer Phase der Geschichte, die erst von völkisch-nationalistischer, dann nationalsozialistischer Politik geprägt ist.“

Wie verbreitet ist der Humbug?

Das Narrativ des Bevölkerungsaustauschs wird in Publikationen der Neuen Rechten aufgegriffen, außerdem von AfD-Mitgliedern wie Alexander Gauland sowie von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ – und von Beamten der deutschen Sicherheitsbehörden. Nachdem im vergangenen Herbst bekannt wurde, dass Polizisten aus Nordrhein-Westfalen rechtsextreme Inhalte in Chatgruppen verbreitet haben, wurde wenige Wochen später ein ähnliches Netzwerk von Beamten der Berliner Kostenpflichtiger Inhalt Polizei aufgedeckt und in einem ARD-Beitrag öffentlich gemacht. „Dort wurden auch Karikaturen, Memes und Aussagen verschickt, denen die Theorie des Bevölkerungsaustauschs […] zugrunde lag“, bestätigt Aiko Kempen, einer der Autoren des Beitrags, dem Auszüge der Chatverläufe vorlagen. Fast zeitgleich wurde in Nordrhein-Westfalen eine weitere rassistische Chatgruppe von Beamten des NRW-Verfassungsschutzes aufgedeckt: Darin sei ebenfalls die Rede von einem drohenden Bevölkerungsaustausch gewesen.

Der Begriff tauchte auch in den mit „NSU 2.0“ unterzeichneten Drohbriefen auf, die im vergangenen Sommer insbesondere an politisch engagierte Frauen und Journalistinnen verschickt wurden. So erhielt etwa ZDF-Moderatorin Maybrit Illner im Juli 2020 eine E-Mail, in der ihr Berichten zufolge mit dem Tod gedroht und vorgeworfen wird, sie engagiere sich „für den Bevölkerungsaustausch“. Nach Polizeiangaben wurden von August 2018 bis Dezember 2020 mindestens 96 Drohschreiben verschickt. Wie vor einigen Monaten bekannt wurde, waren die Daten der Betroffenen in einigen Fällen von Computern der Polizei in Hessen, Berlin und Hamburg abgerufen worden.

Der Glaube an den Mythos kann fatale Folgen haben: So hat sich etwa der Attentäter von Christchurch auf den „Bevölkerungsaustausch“ berufen, als er am 15. März 2019 bei einem Anschlag auf zwei Moscheen 51 Menschen tötete. Sein Manifest, das er im Internet veröffentlichte, nannte er explizit „The Great Replacement“ (dt. Der große Austausch). In seiner darin ausgeführten islamfeindlichen Ideologie bezieht er sich auch auf den Attentäter Anders Breivik, der 2011 auf der norwegischen Insel Utoya 77 Menschen tötete – ebenfalls aus rassistischem Motiv. Auch der Attentäter von Halle bekannte sich zu dem Glauben an den sogenannten Bevölkerungsaustausch. Wie in einem Prozessbericht des „Spiegel“ nachzulesen ist, hat sich der Rechtsextremist vor Gericht mehrmals darauf bezogen, unter anderem hat er erklärt, er werde durch Schwarze und Muslime ersetzt – organisiert hätten das „die Juden“.

Auch in der Politik spielt der „Bevölkerungsaustausch“ eine Rolle. Wie der Mythos für politische Zwecke instrumentalisiert wird, macht Migrationsforscher Jochen Oltmer am Beispiel des UN-Migrationspakts deutlich: Die AfD bezeichnete die 2018 beschlossene Vereinbarung als „verstecktes Umsiedlungsprogramm für Wirtschafts- und Armutsflüchtlinge“. „Durch eine solche Aufladung ist der Migrationspakt, der eigentlich als Diskussionsgrundlage für eine Verständigung der Staaten weltweit dienen sollte, als Anstoß zu neuem Nachdenken über die Migrationspolitik verbrannt“, erklärt der Experte.

 Für Migrationsforscher Jochen Oltmer ist die Vorstellung eines systematischen Austauschs der Bevölkerung nicht haltbar.

Für Migrationsforscher Jochen Oltmer ist die Vorstellung eines systematischen Austauschs der Bevölkerung nicht haltbar.

Foto: Michael Gründel

Was ist dran?

Deutschland ist ein Einwanderungsland: Laut Statistischem Bundesamt zogen im Jahr 2019 rund 1,6 Millionen Menschen nach Deutschland, während im selben Jahr 1,2 Millionen Menschen fortzogen. Migration findet statt. „Aber die Vorstellung eines geplanten Aktes, der dazu führt, dass eine Bevölkerung mehr oder minder komplett ausgetauscht wird, ist nicht haltbar“, sagt Oltmer. Dafür gibt es seiner Meinung nach vor allem zwei Gründe: An der Entwicklung politischer Entscheidungen zur Migration sind neben der Regierung eines jeweiligen Landes noch zahlreiche weitere Akteure beteiligt, etwa die EU, Bundesländer, Arbeitgeberverbände, zivile Hilfsorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften. „Das Thema ist viel zu komplex, als dass es von einer sogenannten heimlichen Elite allein gesteuert werden könnte“, sagt der Migrationsforscher.

Der zweite Grund: Der angebliche Bevölkerungsaustausch setzt die Vorstellung von völlig voneinander abgeschotteten, festgeschriebenen und unveränderlichen Kollektiven voraus, die verschoben werden. Oltmer bezeichnet diese Annahme als „Containerdenken“ – Container verbildlichen hierbei die jeweiligen Nationalstaaten. Oltmer zufolge ist das nicht nur völlig unrealistisch, sondern auch ahistorisch, da Gesellschaften in Bewegung und permanentem Wandel sind und sich fortlaufend verändern. „Hinter dem Verschwörungsnarrativ steht eine rassistische Perspektive: Es wird propagiert, dass die Zuwanderer eine bestimmte Kultur haben, die anders ist als die eigene und unveränderbar, dass es unüberwindbare kulturelle Gegensätze gebe – und die ‚anderen‘ Menschen weniger wert seien.“

Und was ist mit den Geburtenraten und George Soros?

Auch das Argument der Geburtenraten ist nicht stichhaltig: Es stimmt zwar, dass seit einigen Jahrzehnten die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau in Deutschland sinkt. Doch auch die Geburtenrate von Frauen mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit, die in Deutschland leben, sinkt nach einem leichten Anstieg zwischen 2014 und 2016 wieder – laut Oltmer übrigens eine typische Anpassung von Zugezogenen an Lebensstandards in ihrer neuen Heimat. Den direkten Vergleich der Geburtenziffern liefert die Datenbank Genesis-Online der Statistischen Landesämter und des Statistischen Bundesamts.

Was George Soros, den vermeintlichen Strippenzieher jüdischer Herkunft betrifft: Durch das Vermögen, das er an seine Stiftungen „Open Society Foundations“ (OSF) übertragen hat, gelten diese insgesamt neben der Bill & Melinda Gates Foundation als die zweitgrößte Stiftung weltweit. Unterstützt werden mit dem Geld vor allem die Bereiche Demokratieförderung, wirtschaftliche Gerechtigkeit, Antidiskriminierungsarbeit, Bildung und Gesundheit, darunter auch viele Nichtregierungs-Organisationen. Wie viel Geld welches Jahr in welchen Bereich fließt, ist auf der Webseite der OSF transparent aufgeführt. Die Anschuldigung gegen George Soros scheinen also bloß die Komponente einer weiteren Verschwörungserzählung zu sein, die an den Mythos einer jüdischen Weltverschwörung anknüpft – und hinter der nichts weiter als ein rassistisches Mindset steckt.

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