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Bill Gates und Corona-Verschwörungstheorie: Vom Zwangsimpfen und Microchip-Implantaten

Serie „Humbug“ : Will Bill Gates die Weltbevölkerung mit Mikrochip-Implantaten dezimieren?

Um den Microsoft-Gründer kursieren im Zusammenhang mit Corona zurzeit millionenfach verbreitete Falschinformationen und Halbwahrheiten. Was steckt hinter den Behauptungen Gates wolle die Menschheit „zwangsimpfen“? Und was ist kompletter Humbug?

Er soll angeblich für Zwangsimpfungen sein und die Weltherrschaft anstreben: Bill Gates ist während der Corona-Krise zur Zielscheibe von Verschwörungstheoretikern geworden.

Was wird behauptet?

Es wird behauptet, Bill Gates nutze die Corona-Pandemie als Vorwand, um eine weltweite Impfpflicht einzuführen. Mit seiner Frau soll er sogar das Virus mitentwickelt haben. Bei der Impfung werde gleichzeitig ein Mikrochip-Implantat in den Körper eingepflanzt, um die Menschheit zu bespitzeln (tracken) und zu dezimieren, die Zahl der lebenden Menschen also auszudünnen.

Woher kommt der Humbug?

Wer die Theorien um Bill Gates in die Welt gesetzt hat, ist schwer zu sagen. Sie haben sich aber vor allem zunächst in amerikanischen Medien und Netzwerken verbreitet, unter anderem durch die ominöse QAnon-Bewegung, die in verschiedenen Internetforen Verschwörungstheorien mit rechtsradikalem Hintergrund streut. In Deutschland haben sich die Behauptungen maßgeblich durch den Verschwörungstheoretiker und Journalisten Ken Jebsen verbreitet: Auf seinem Youtube-Kanal postete er Anfang Mai ein Video mit dem Titel „Gates kapert Deutschland“, in dem er dem Microsoft-Gründer die Umsetzung einer weltweiten Impfpflicht inklusive Mikrochipping vorwirft.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Das Video von Ken Jebsen wurde millionenfach gesehen, viele teilten das Video in sozialen Netzwerken. Auch die AfD Münchenberg (Sachsen-Anhalt) und der AfD Ortsverband Burladingen (Baden-Württemberg) posteten das Video auf ihren Facebook-Profilen. Dazu kommen zahlreiche weiteren Posts und Beiträge, die die Theorie weiterspinnen.

Was ist dran?

Bill Gates war auch schon vor der Corona-Pandemie für viele ein Feindbild. Die Bill & Melinda Gates Foundation ist mit einem Kapital von 46,8 Milliarden US-Dollar die größte private Stiftung der Welt. Sie zählt zu den wichtigsten Geldgebern der Weltgesundheitsorganisation WHO und kooperiert mit Konzernen wie Bayer, Merck, Pfizer, Sanofi und dem Tübinger Biotechunternehmen CureVac, das an einem Corona-Impfstoff forscht. Viele glauben daher, dass Gates von den Gewinnen der Unternehmen profitieren will und daher eine Impfpflicht anstrebt.

Die angeblich beabsichtigten Zwangsimpfungen werden Gates wegen eines falsch übersetzten Zitats unterstellt: „Die Welt wird erst zur Normalität zurückkehren, sobald man der gesamten Menschheit einen Impfstoff verabreicht hat“, soll er im April gesagt haben. Tatsächlich heißt es korrekt übersetzt: „Man kann durchaus sagen, dass die Dinge erst dann wieder wirklich normal werden, wenn wir einen Impfstoff haben, den wir nahezu der ganzen Welt zur Verfügung gestellt haben.“ Die Formulierung „verabreichen“ ist weder durch das originale Zitat noch den Kontext gedeckt.Die Theorie um den Mikrochip ist ähnlich entstanden. Anfang März sagte Gates in einem Interview, man werde eines Tages „digitale Zertifikate haben, aus denen hervorgeht, welcher Covid-19-Infizierte wieder gesund wurde, wer kürzlich getestet wurde oder, sobald wir einen Impfstoff haben, wer ihn erhalten hat". Diese Aussage wurde allerdings aus dem Kontext anderer Projekte gerissen, darunter beispielsweise Forschungen zur digitalen Identifizierung. Diese haben aber mit dem Coronavirus nichts zu tun, wie die Webseite factcheck.org herausfand.

Was sagen die Experten?

Dass zeitgleich mit einer Impfung ein Mikrochip eingepflanzt werden könne, sei völliger Unsinn, sagt Patrick Kramer. „Das ist reinstes Hollywood-Denken.“ Während Impfstoffe üblicherweise intramuskulär, also über einen Muskel in den Körper gelangen, werden spritzbare Mikrochip-Implantate subkutan, also unter der ersten Hautschicht eingesetzt. „Implantate haben in einem Muskel nicht zu suchen“, sagt Kramer.Abgesehen davon sei Bespitzeln auf diesem Weg schon technisch nicht möglich: Der Mikrochip im Implantat besitze keine eigene Energiequelle. Implantate könnten von sich aus also keine GPS-Daten versenden. „Wir können unsere Hunde und Katzen ja auch nicht per Smartphone-App und Mikrochip lokalisieren.“

Um den Chip zu scannen, müsste ein Lesegerät an das Implantat geführt werden. „Nur dann sendet das Lesegerät ein elektromagnetisches Feld aus, dass dem Implantat ausreichend Energie übermittelt, um die Inhalte zu übertragen“, sagt Kramer. Deswegen sei auch ein Datenklau nahezu unmöglich: „Dazu müsste jemand genau wissen, wo das Implantat liegt und an dieser Stelle mit dem Lesegerät Hautkontakt haben“.

 „Technisch gar nicht möglich“, sagt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Patrick Kramer, dessen Unternehmen Chips implantiert, über die Verschwörungstheorie um Bill Gates.
„Technisch gar nicht möglich“, sagt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Patrick Kramer, dessen Unternehmen Chips implantiert, über die Verschwörungstheorie um Bill Gates. Foto: Patrick Kramer

Zu einer möglichen Impfpflicht haben sich schon etliche Politiker klar geäußert. Solange es keinen Impfstoff gebe, „wäre es auch absurd, eine Impfpflicht im Bundestag zu beschließen“, sagt SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas. Und selbst wenn es einen gäbe, sind einer Impfpflicht enge gesetzliche Grenzen gesetzt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) spricht mit Blick auf eine mögliche Corona-Impfung immer wieder von Freiwilligkeit.