Gymnasium Gaesdonck reist mit dem Zug nach Rom

Aus Goch und Ratingen : Zwei Schulen pilgern nach Rom

450 Meter lang ist der Sonderzug, mit dem das Gymnasium Gaesdonck aus Goch nach Rom fährt. Auch eine Realschule aus Ratingen macht sich am Freitag auf den Weg.

Hätte „Spiri“ Cornelius Happel gewagt, diesen Vorschlag zu machen, wenn er gewusst hätte, welche logistischen Anstrengungen da auf sie alle zukommen würden? „Auf jeden Fall“, sagt der 42-jährige Spiritual des katholischen Internats und Gymnasiums Gaesdonck in Goch. „Ich bin überzeugt davon, dass das gemeinsame Erlebnis der gesamten Schulgemeinde sehr gut tun wird.“

Mit fast 900 Schülern, Lehrern und Mitarbeitern reist das traditionsreiche Collegium Augustinianum Gaesdonck am Samstag mit dem Sonderzug nach Rom. 22 Stunden Fahrzeit bis in die Ewige Stadt sind angesetzt. 450 Meter lang ist der Zug, der in Emmerich startet. Nur dort ist ein hinreichend langer Bahnsteig vorhanden; schließlich war das Grenzstädtchen früher anders als Goch oder Kleve IC-Halt. Ein riesiger Truck mit dem Gepäck der Reisendenist  bereits unterwegs – samt den Instrumenten der schuleigenen Big Band, die die Gottesdienste in den römischen Kirchen begleiten wird.

Bereits am Freitag machen sich auch Schüler und Kollegium der Liebfrauenschule in Ratingen auf den Weg: 15 Busse werden Richtung Rom rollen. An Bord sind knapp 700 Jugendliche, die von mehr als 40 Lehrern, Sozialarbeitern und weiterem Schulpersonal begleitet werden. Mit von der Partie sind auch Ärzte und Krankenschwestern aus der Elternschaft, die die Schulgemeinschaft in einem eigenen Sanitätsbus begleiten und Erste Hilfe leisten können. Für Schulleiter Peter Bärens stellt das Projekt kurz vor dem Ende seiner Berufslaufbahn die Realisierung eines pädagogischen Lebenstraums dar. Und für ihn ist es auch ein  religiöser Impuls, den der Rektor an die Schulgemeinschaft weitergeben möchte: „Der Glaube an Gott entfaltet in der Gemeinschaft seine stärkste Ausstrahlung.“

Solch eine Fahrt erfordert eine lange Planung: Zwei Jahre Vorbereitung liegen hinter der Gocher Schulleitung, unzählige Spendenaktionen wurden initiiert, um die Tour für die Familien nicht zu teuer werden zu lassen. Die Musiklehrer des Gymnasiums, erprobt in Musical-Komposition und Bühnenshows aller Art, haben mit den Schülern gemeinsam ein Video gedreht, das die Motivation der Pilger überzeugend darstellt. Zur Schulhymne kam noch ein Rom-Lied dazu – „schon jetzt sind wir alle ganz nahe zusammen gerückt“, freut sich Happel.

Schulleiterin Doris Mann und ihr Stellvertreter Martin Boland wundern sich fast, dass seit 2016 überhaupt noch Klausuren geschrieben und Abiturzeugnisse ausgegeben werden konnten. Denn die Rom-Planung band immens viele Kräfte – allein schon das Unterfangen, fast 900 Menschen in Erreichbarkeit des Vatikan und möglichst nahe beieinander unterzubringen. Dann die Frage der Verpflegung, des Transports innerhalb der Stadt, die Reservierung von Kirchen, ein Audienztermin beim Papst – und was, wenn ein Kind krank wird, nach Hause will, sich nicht an Regeln hält?

Ganze Wände im Direktorat und im Lehrerzimmer sind mit Ausdrucken des Programms „tapeziert“. „An jedem Tag gibt es einen Punkt, wo die ganze Gaesdonck zusammenkommt und viele andere Termine, die klassenweise oder mit der Jahrgangsstufe erlebt werden“, berichtet die Schulleiterin. Fünftklässler interessieren sich für anderes als Zehntklässler, angehende Abiturienten dürfen sich auch schon mal auf eigene Faust umsehen. Weil auch Erzieher, Hausmeister, Gärtner, Kochfrauen, Ehemalige und nicht zuletzt Ordensschwester Theogarde dabei sind, gibt es genügend Aufsichtskräfte. Außerdem bekommt jeder Teilnehmer eine „Identity Card“ mit Notruf-Nummern um den Hals gehängt. „Bei dieser Fahrt ist es nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht, dass jeder Schüler ein Handy bei sich hat“, sagt Martin Boland schmunzelnd.

Nicht ausgeschlossen, dass die Jugendlichen abends ihre Smartphones auch für Youtube und Spiele nutzen, aber eigentlich glauben die Verantwortlichen nicht, dass dafür viel Zeit bleiben wird. Zumal die Hotels (jedes mit eigener Kapelle) so ausgesucht wurden, dass zumindest für die jüngeren Schüler auch noch Auslauffläche ums Haus herum vorhanden ist. Fünf Tage nur Beten und Besichtigen – das wäre auch für die Schüler einer Bistumsschule zu viel.

Auch die Ratinger Schüler dürfen ihre Handys nur eingeschränkt nutzen. Sie werden in Bungalows auf einem Campingplatz am Stadtrand von Rom untergebracht. Im großen Verpflegungszelt gibt es feste Tischgruppen für alle Klassen. Somit ist gewährleistet, dass sich im Trubel der Essensausgabe alles in geordneten Bahnen bewegt. „Niemand bleibt während der Reise allein. Dieses Prinzip war uns bei der Planung der Fahrt ein besonderes Anliegen“, sagt Konrektor Christoph Jakubowski.

So bleiben die Bungalow-Gruppen während der gesamten Fahrt als Team zusammen – dies gilt auch für die Mitglieder der Bus-Gruppen, die grundsätzlich nicht wechseln. Für Notfälle hat jeder Schüler als zusätzliche Absicherung einen Pilgerpass dabei, auf dem Adresse und Telefon-Nummer des Campingplatzes notiert sind.

Die Gaesdonck-Schüler werden gleich am Ankunftstag einen Gottesdienst in Santa Maria Maggiore feiern. Dafür reist Regionalbischof Ralf Lohmann eigens aus Xanten an. Nach einer vermutlich durchwachten Nacht im Liegewagen werden Big-Band und Projektchor das Rom-Lied anstimmen, und spätestens dann sollte aller Vorbereitungsstress vergessen sein, glaubt Doris Mann. Ein Höhepunkt der Woche wird sicher die Audienz beim Papst. Ein Spanisch-Kurs hat für Franziskus ein 15 Meter langes Gruß-Banner beschriftet. Sicherheitsbestimmungen lassen Fahnen an langen Stangen nicht zu.

Einige der Ratinger Schüler und Lehrer waren schon im März dieses Jahres für eine Vorbereitungsfahrt in Rom. Foto: RP/Liebfrauenschule

Einer, der entspannter wirkt als die übrigen Verantwortlichen, ist ausgerechnet Direktor Markus Oberdörster. Er hat seine Stelle nämlich erst vor wenigen Wochen angetreten und profitiert nun, wie er einräumt, von den Vorarbeiten des übrigen Leitungsteams. Seine drei Söhne ließen sich nicht zuletzt durch die Aussicht, mit den neuen Mitschülern erstmal auf große Fahrt zu gehen, für den Schulwechsel erwärmen. „Ich hoffe, dass wir neben spiritueller Ernsthaftigkeit auch ganz viel Fröhlichkeit und einen gemeinsamen Aufbruch erfahren“, sagt Oberdörster. Denn er soll die kirchliche Bildungseinrichtung, die wie fast alle Mitbewerber um Internatsschüler kämpfen muss, in eine wirtschaftlich stabile Zukunft führen. Eine gelungene Schul-Wallfahrt passt da bestens ins Marketing.