Interview: Martin Semmelrogge: "Gefängnis ist mehr wie Sanatorium"

Interview: Martin Semmelrogge: "Gefängnis ist mehr wie Sanatorium"

Schauspieler Martin Semmelrogge hat zuletzt mehr Schlagzeilen mit seinen Verkehrsdelikten und Gefängnisaufenthalten gemacht als mit seinen Rollen. Dabei spielt er viel Theater und dreht auch wieder fürs ZDF. Privat engagiert er sich für den Tierschutz. Eine Begegnung.

Köln Stillstand ist nichts für Martin Semmelrogge. Insofern muss es den 58-Jährigen ungeheuer fuchsen, im nachmittäglichen Kölner Verkehrschaos zu stranden, nach einem Flug von Mallorca über Barcelona nach Düsseldorf. Alles nur, um die Premiere der "Rocky Horror Show" in der Lanxess Arena zu sehen. Im Januar übernimmt der Schauspieler in der Inszenierung wieder die Rolle des Erzählers. Trotz der stressigen Reise wirkt er bemerkenswert entspannt, knipst gleich sein Mörderlächeln an. Auf diesem spitzbübischen Grinsen hat er seine Karriere aufgebaut, es ist von schlitzohrigem Charme, man will es immer wieder sehen. Semmelrogge weiß das. Da sitzt er nun und grinst, unrasiert, schlabberiges T-Shirt, verknautschtes Sakko, auf dem Kopf eine rote Baseball-Kappe. Von Ferrari. Für einen wie ihn, der zuletzt 2013 für Fahren ohne Führerschein acht Monate in der JVA Waldeck saß, ein klares Statement. Aber dazu später. Erstmal ein paar Fragen zum Warmlaufen.

Einige Ihrer letzten Engagements - Karl-May-Festspiele, Rocky Horror - hören sich nach viel Spaß an. Oder ist es doch eher harte Arbeit?

Martin Semmelrogge Enthusiasmus und Spaß müssen immer dabei sein, sonst wird's wirklich harte Arbeit. Du musst das Ding leben, das du machst. Elspe ist harte Arbeit gewesen. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste und dort die halbe Zeit geritten. "Rocky Horror" aber ist Spaß pur, denn das ist für mich die geilste Rockshow, die es gibt. Es ist super für mich, wieder in diese alte Crew reinzukommen. Und am Schluss kann ich meine trainierten Beine zeigen - in Strapsen. Hab extra nochmal Spinning gemacht. Semmelrogge schweift ab und will unbedingt seine Einstiegspassage für "Rocky Horror" rezitieren. Dafür sucht er minutenlang in seinem Handy nach dem Text, findet ihn, hört ab und spricht. Hört ab und spricht. Und so fort. Ein Fan schleicht sich an und bittet um ein Foto. Semmelrogge knurrt und lässt sich ablichten. Natürlich mit fettem Grinsen im Gesicht. Danach hat er keine Lust mehr aufs Rezitieren. Er erzählt etwas über seine Jugend, als er mit einem Kumpel "Rocky Horror" im Kino gesehen hat. Mit dem Moped seien sie dorthin gefahren, er hatte einen Wehrmachtsmantel von seinem Opa an, der sei aber irgendwann zerschmolzen. Am Ofen. Vom Moped. Ach so. Weiter geht's.

Sie sind ja bei den Rollen häufig auf Bösewichte festgelegt. Nervt das?

Semmelrogge Ich sehe jetzt in vielen Filmen, dass die Rollenfiguren, die früher meine oder die von Claude-Oliver Rudolph waren, immer von Armin Rohde verkörpert werden. Nichts gegen den hochgeschätzten Kollegen, aber früher konnte ich diese zwielichtigen Typen geben. Ich spiele seit 2004 jedes Jahr Theater, seit Sommer 2007 auch jedes Jahr auf Open-air-Bühnen. Da habe ich ein paar Monate ununterbrochen etwas zu tun, danach kann ich mich dann auch mal erholen. Im nächsten Jahr spiele ich an der Rheinland-Pfälzischen Landesbühne die Hauptrolle in "Biedermann und die Brandstifter Reloaded". Das sind Rollen, die ich leider beim Fernsehen gar nicht mehr angeboten bekomme.

Haben Sie das Fernsehen abgeschrieben oder das Fernsehen Sie?

semmelrogge Was heißt abgeschrieben? Ich will was machen, ich kann ja nicht von drei Drehtagen im Jahr leben. Ich will meine Möglichkeiten weiterentwickeln. Und Theater ist eigentlich das, weshalb ich den Beruf erlernt habe. Fernsehen mache ich auch, und Kino, meistens Independent-Produktionen. Und wenn dann mal ein Angebot kommt für einen schönen Film mit zehn Drehtagen, dann stehe ich gerade auf der Bühne.

Neben dem Grinsen verfügt Semmelrogge noch über ein zweites Pfund: seine Stimme. Nicht schön, aber einprägsam, eher ein Schnarren. Als Synchronsprecher ist er gefragt. Die Sätze lässt er am Ende gerne schleifen, das klingt lässig, fast amerikanisch. Semmelrogge, das muss man wissen, ist ein großer USA-Fan, lebt aber auf Mallorca.

Sind Sie ein Typ, der sich schnell überall zu Hause fühlt?

Semmelrogge Ich liebe Mallorca, das ist meine Basis, da habe ich meine Ruhe. Aber Mallorca soll auch nicht der Traum aller Träume sein. Wäre ja schlimm, wenn man keine Träume, keine Ideale mehr hätte. Man weiß ja nie, was im Leben noch kommt. Und in den USA fühle ich mich sowieso zu Hause, eigentlich bin ich im falschen Land geboren. Auch mit der Sprache komme ich klar, besser als mit dem Spanischen. Mein bester spanischer Satz: "Wenn ich das nächste Mal komme, dann zahle ich weniger."

Semmelrogge hat jetzt gute Laune. Der ideale Moment, um persönlicher zu werden. Doch schon wieder stellt sich ein Fan vor, diesmal mit Frau, und fragt nach einem "Knutscher". Semmelrogge ist irritiert und lehnt ab. Vielleicht ist es gut, dass er auf Mallorca lebt.

Sie waren bei "Promi Big Brother" dabei. Würden Sie das wiederholen?

Semmelrogge Das habe ich einmal gemacht, das hat gerade gepasst. Das war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Danach hatte ich eine ausverkaufte Edgar-Wallace-Tournee. Das Tolle war, dass ich dabei den David Hasselhoff kennengelernt habe. Den habe ich jetzt auch wieder getroffen, in Malibu.

Andere Stars wie Michael Wendler habe ihre eigene Doku-Soap. Wäre das auch was für Sie?

Semmelrogge Ich könnte mir so eine Doku-Soap vorstellen mit Tieren, mit meinen Hunden und dem Tierheim. Mit viel Action: Meine Hunde fahren ja zum Beispiel mit auf der Harley. So etwas muss immer authentisch sein. Das Problem ist, meine Frau und ich, wir sind gar nicht so kompatibel, weil wir viel zu eigensinnig sind. Wir sind wahrscheinlich viel zu originell für so ein Format, viel zu speziell. Kann ich mir im deutschen Fernsehen schwer vorstellen. Aber eine Tiersendung schon, die hätte gute Quoten.

Sie sind ja ein sehr tierlieber Mensch.

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Semmelrogge Tiere haben ein besonderes Bewusstsein - ich kann mit ihnen gut kommunizieren, mit Hunden und mit Pferden. Hunde waren immer schon Freunde, auch wenn es einem nicht so gut ging. Der Hund ist immer da und freut sich. Hunde sagen viel mehr, auch wenn sie nicht quatschen.

Sie engagieren sich beispielsweise auf Mallorca für ausgesetzte Hunde.

Semmelrogge Die Hunde, mit denen ich Fotos mache, werden immer vermittelt. Ich achte allerdings darauf, welcher Hund überhaupt vermittelbar ist. Du kannst nicht alles Leid auf deinen Schultern tragen, da müssen wir uns nichts vormachen. Nicht alle Tiere sind zu retten. Ich gehe aber gerne ins Tierheim, weil ich da etwas zurückgeben kann von meinem tollen Leben.

ZDFneo hat für 2015 eine Gefängnis-Serie mit Ihnen angekündigt.

Semmelrogge Ich habe mich geärgert, weil es noch gar nicht angefangen hat. Ich bin da mehr so der Moderator, so eine Art Alien, der da gelandet ist. Aber ich rede nicht gerne über ungelegte Eier.

Eigentlich möchte Semmelrogge nicht über seine Delikte und seine Zeit im Gefängnis reden. Es sei ärgerlich, in die kriminelle Ecke gestellt zu werden, wo es nur um Verwaltungsunrecht gehe. Eigentlich.

Mit der Serie wird wieder das Klischee des Ex-Knackis bedient, und Sie lassen sich darauf ein.

Semmelrogge Aber ich bin doch Schauspieler. Ich spiele da nicht den Oberknacki. Ich bin der Moderator, das ist eine Comedy ...

Aber man nutzt Ihr Image ...

Semmelrogge Jeder nutzt das. Als Schauspieler wirst du gekauft, benutzt und ausgespuckt, dann bleibt die leere Hülle zurück. Das ist die andere Seite der Medaille. Wenn sie mich wenigstens so gut bezahlen würden, wie sie mich ausnutzen. Spielberg hat mal gesagt "Dein Lächeln ist zwei Millionen Dollar wert", und er hat das auch nicht gezahlt. Nächstes Mal, hat er gesagt, und mich nicht mehr geholt.

So ziehen Sie aber auch Vorteile aus Ihrer Gefängnis-Erfahrung.

Semmelrogge Das hat damit nichts zu tun. Sie wollen da schon wieder auf eine gewisse Schiene hinaus. Jede Erfahrung im Leben eines Schauspielers ist wichtig. Außerdem ist das Quatsch, was die Leute sich so vorstellen vom Gefängnisleben. Das ist mehr wie im Sanatorium.

"Promi-Big-Brother" ist wahrscheinlich schlimmer ...

Semmelrogge Das war ja geschlossen, ich war im offenen Vollzug. "Big Brother" war viel schlimmer, nur das Trinkgeld war besser. Nee, in Wirklichkeit bringt das alles nichts. In dem Job als Schauspieler wirst du nicht reich in Deutschland. Mittlerweile gibt's ja nicht mal mehr Wiederholungshonorar. Aber mit dem Aufkommen der privaten Filmanbieter hat das Fernsehen sowieso bald ausgedient.

JÖRG ISRINGHAUS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)
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