Frisos Unfall: Diskussion um Tiefschnee-Gefahr

Frisos Unfall: Diskussion um Tiefschnee-Gefahr

Lech Der niederländische Prinz Johan Friso (43) schwebt weiter in Lebensgefahr. Seit er am vergangenen Freitag im österreichischen Lech beim Skifahren abseits der Piste in eine Lawine geraten war, liegt der Sohn von Königin Beatrix im künstlichen Koma auf der Intensivstation der Uniklinik Innsbruck. Dort besucht ihn die Königin jeden Tag zusammen mit ihrer Schwiegertochter Mabel. Inzwischen tragen beide Frauen Schwarz. Eine Prognose wollen die Ärzte aber erst Ende der Woche abgeben.

Der Unfall rückt die Gefahren eines neuen Trends beim Skifahren in den Blick: das "Freeriding", also das Fahren über möglichst unverspurte Hänge abseits der gesicherten Skipisten. Denn auch der Prinz wurde nicht auf einer klassischen Skipiste von der Lawine erfasst, die mit Fangzäunen und kontrollierten Sprengungen weitgehend vor rutschenden Schneemassen geschützt ist. Trotz der zweithöchsten Lawinenwarnstufe war der Königssohn in Begleitung eines 42-jährigen Hoteliers auf einem Steilhang im ungesicherten Gelände unterwegs. Die Staatsanwaltschaft Feldkirch ermittelt routinemäßig gegen seinen Begleiter wegen fahrlässiger Körperverletzung unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Bei den Ermittlungen geht es auch um die Frage, welcher der beiden Skifahrer die Lawine auslöste.

Das Arlberger Skigebiet rund um Lech, wo die niederländische Königsfamilie ihren Winterurlaub seit mehr als 40 Jahren verbringt, ist für seine Tiefschnee-Abfahrten berühmt. Das Freeriding ist laut Patrick Nairz vom Lawinendienst Tirol inzwischen "zum wichtigsten Boom der Branche" geworden. Seien die damals noch "Tiefschneefahrer" genannten Sportler vor 20 Jahren eher Exoten gewesen, wachse die Zahl der Geländefahrer seit drei Jahren dramatisch.

Auffallend: Laut einer Statistik des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung ist die Zahl der Lawinenopfer zumindest im freien Gelände der eidgenössischen Berge genau vor drei Jahren sprunghaft angestiegen: Von unter zehn im Winter 2006/07 auf fast 30 in den Wintern 2008 bis 2011. Der Deutsche Alpenverein (DAV) geht laut Breitensport-Chef Stefan Winter allein von einer "halben Million deutscher Skifahrer aus, die sich regelmäßig abseits der Pisten bewegen". Schon am vergangenen Donnerstag hatte eine Lawine zwei Touren-Skifahrer abseits der Piste getötet. Drei Tage später gruben die Retter einen Finnen nach mehr als zwei Stunden aus dem Schnee.

Was die Freerider reizt: Während die Skiliftbetreiber mit ihren Pistenraupen inzwischen auch die abgelegensten Steilhänge und Buckelpisten zu kommoden Salon-Pisten präparieren, suchen die Fans der naturbelassenen Hänge ihr Glück in der größeren Herausforderung. Und in der Ruhe: Denn die heutigen Skier, die dank neuer Materialien kürzer und damit leichter zu schwingen sind, machen auch schwierigste Pisten inzwischen zur Rennbahn für Jedermann.

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Umgekehrt hat die Skiindustrie den Freeride-Boom erst ermöglicht: Spezielle Ski mit besonders breiten Schaufeln verschaffen im Tiefschnee mehr Auftrieb und verbessern so die Kontrolle. Damit ist der Spaß abseits der Piste zwar immer noch für gute, aber nicht mehr nur für sehr gute Skifahrer reserviert.

Nairz bestreitet, dass der Freeride-Boom zu mehr Lawinentoten führt. "Bei uns in Österreich liegt die Zahl der Opfer seit Jahren konstant bei rund 25 pro Saison", sagt der erfahrene Bergführer. Er argumentiert: Gerade weil immer mehr Skifahrer im freien Gelände unterwegs seien, zerstöre der wachsende Verkehr im lawinengefährdeten Gebiet schon früh am Tag die Schnee-Oberfläche. Damit werde das Risiko für das gleitende Abrutschen von Schneemassen häufig gesenkt. Für den Sicherheitsexperten Andreas König vom Deutschen Skiverband (DSV) ist der Zusammenhang von Freeride-Boom und Lawinentoten zwar nicht belegbar. Aber nur mangels geeigneter Daten. "Viele Lawinenopfer-Statistiken sind regional zu begrenzt. Und die meisten setzen die Zahl der Unfälle nicht in Bezug zur Anzahl der Skifahrer, die insgesamt außerhalb der Piste unterwegs sind", sagt König.

Experten warnen davor, außerhalb der Pisten zu fahren. Wer sich dennoch der Gefahr aussetzt, sollte die örtlichen Warnungen kennen und benötigt eine entsprechende Ausrüstung. Dazu gehört ein Lawinenverschütteten-Suchgerät, das Ortungssignale funkt. Prinz Friso hatte ein solches. Deshalb wurde er nach nur 23 Minuten vom Suchtrupp gefunden – und hat nun überhaupt eine Überlebenschance.

(RP)
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