Hannover/Berlin: Fingerabdrücke veränderten Kriminalistik

Hannover/Berlin: Fingerabdrücke veränderten Kriminalistik

Sie sind unscheinbar, helfen aber häufig bei der Aufklärung von Verbrechen: Die Beweiskraft von Fingerabdrücken beschäftigt die Polizei täglich. Hierzulande feierte die Idee dazu vor 125 Jahren Premiere – und scheitere zunächst.

Deutsche Innovationskraft und penible Aktenführung gehen bekanntermaßen oft Hand in Hand. Vor 125 Jahren war es aber ausgerechnet eine äußerst unsaubere Aktenführung, die den Ausschlag gab für eine wegweisende Erkenntnis in der deutschen Kriminalistik.

Im Jahr 1888 entdeckte der Tierarzt Wilhelm Eber in einem Berliner Schlachthof, dass die ständig blutverschmierten Hände der Mitarbeiter in den Geschäftsbüchern höchst individuelle Abdrücke hinterließen. Der in Hannover geborene und ausgebildete Veterinär entwickelte ein System, Fingerabdrücke mit Jod haltbar zu machen. Dann schlug Eber der preußischen Regierung vor, mit dem Verfahren Verbrecher zu überführen. Aber seine Ausarbeitung zur "Möglichkeit der direkten Belastung einer Person aufgrund mindestens ein Quadratzentimeter großer Handspuren am Tatorte eines Verbrechens" scheiterte. In nüchternem Verwaltungston beschied ihm ein Mitarbeiter des Innenministeriums am 19. Juni 1888, dass "Ihre Vorschläge zurzeit praktisch noch nicht verwertbar erscheinen und ich daher davon absehe, auf dieselben näher einzugehen".

Ebers Geistesblitz aus dem Schlachthof setzte sich zunächst nicht durch, es vergingen 15 weitere Jahre, bis in Dresden die Premiere gelang. Vor 110 Jahren, am 1. April 1903, schuf Polizeipräsident Paul Köttig im Königreich Sachsen die erste mit sogenannten daktyloskopischen Formeln arbeitende Sammlung. Es begann ein Siegeszug des Fingerabdrucks für die Polizeiarbeit hierzulande.

Dabei war das Ausland schneller und die Daktyloskopie hat mehrere Väter. So begann der englische Chief Officer William J. Herschel bereits 1858 in Indien, mit Fingerabdrücken als Nachweis den Betrügereien beim Auszahlen von Renten einen Riegel vorzuschieben. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) reicht die Historie des Themas sogar 5000 Jahre zurück. So hätten die Micmac-Indianer um 3000 vor Christus Bilder gemalt, die die feinen Linien der Handflächen besonders betonen. Und in China reichten Quellen, die die Beweiskraft der Abdrücke am Tatort genau beschreiben, sogar ins Jahr 1160 zurück.

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Deutschland war dagegen eher langsam – aber immerhin schneller als die Franzosen, bei denen laut BKA erst der Raub der "Mona Lisa" aus dem Louvre in Paris der sogenannten Daktyloskopie zum Durchbruch verhalf. Der Täter Vincenzo Peruggia hatte das berühmte Gemälde 1911 aus dem Rahmen getrennt und einen Fingerabdruck zurückgelassen. 1914 führte dann auch Frankreich die Daktyloskopie ein – elf Jahre nach den Sachsen in Dresden.

Heutzutage nutzen Bund und Länder ein automatisiertes System zum Abgleich von Fingerabdrücken. Die vor knapp 20 Jahren gestartete AFIS-Datenbank speichert 2,8 Millionen Blätter mit Fingerabdrücken und fast zwei Millionen Handflächenabdrücke – denn auch dort sind die feinen Linien der Haut, die Papillarleisten individuell. Ihre Beschaffenheit, die Anordnung und ihr Verlauf machen die Fingerabdrücke einzigartig.

Der Kern der Polizeiarbeit läuft aber noch immer per Auge: Werden am Tatort gesicherte Fingerabdrücke zur Datenbank geschickt, spuckt diese eine Liste mit möglichen Treffern aus. Die genaue manuelle Kontrolle ist am Ende Sache von Experten. Einer von ihnen ist Hans-Herbert Frank. Der Sachverständige für Daktyloskopie arbeitet im Landeskriminalamt in Hannover. Im Laufe seines Berufslebens hatte der 55-Jährige schon mit Zehntausenden Abdrücken zu tun – und kein einziger davon war identisch mit dem eines anderen Menschen. "Selbst bei eineiigen Zwillingen gibt es Unterschiede", erklärt er. Dabei ist selbst deren Erbgut, die DNA, also der genetische Fingerabdruck, komplett identisch. Würden Zwillinge oder geklonte Menschen morden, könnte sie der Handabdruck vom Tatort überführen – nicht aber eine dort zurückgelassene DNA-Spur. Wobei übrigens Fußabdrücke genauso individuell wie Fingerabdrücke sind, erklärt Hans-Herbert Frank. Entscheidend ist, wo sich die Profillinien der Haut an Fußsohle oder Handinnenfläche treffen oder gabeln, wo sie enden oder anfangen.

(dpa)
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