Straßburg: Zurück in die Zukunft

Straßburg: Zurück in die Zukunft

Die Arte-Doku "Der Mensch von morgen" stellt die Frage, ob die biologische Evolution des Menschen zu Ende ist.

Was haben der Laichausschlag eines Fischmännchens und die Strumpfhosen eines Models auf einem Werbeplakat gemein? Tom Theunissen sieht einen Zusammenhang: Beides wirkt auf jeweilige Artgenossen attraktiv. Beides kann somit ein entscheidender Faktor für die Evolution sein. Nach vielen Hunderttausenden von Jahren biologischer Entwicklung des Menschen geht der Grimme-Preisträger für den deutsch-französischen Sender Arte der Frage nach, ob diese nun zu Ende ist. Das Ergebnis nennt er: "Der Mensch von morgen - Ein evolutionärer Reisebericht". Gezeigt wird er heute.

Theunissen wirft dabei einen -wie er sagt - "zoologischen Blick auf seine Weggenossen". Er befragt Wissenschaftler sowie einen Unternehmer, der Autisten beschäftigt. Er diskutiert von der Rückbank aus mit einem Taxifahrer über Selektionsmechanismen. Und er wird persönlich: Als es um die Wehwehchen und ernsthafteren Leiden der Menschen geht, die eigentlich Evolutionshindernisse darstellen, erläutert der Autor seine Rot-Grün-Blindheit. "Wir sind und bleiben Mängelwesen", sagt Theunissen.

Doch ist der Mensch nicht intelligent genug, um die Evolution auszutricksen? Mit den Mitteln der Gentechnologie hat er die nötigen Gestaltungsmöglichkeiten an der Hand. Und Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sagt: "Ich glaube, man kann sich nur schwer vorstellen, dass die Menschen, wenn ein Verfahren existiert, darauf aus Gründen verzichten werden, die rein ethischer Natur sind." Vielmehr müssten die ethischen Regeln und Verfahren gleichermaßen angepasst werden.

Schon Brillen helfen den Menschen, Probleme zu beheben. Oder künstliche Gelenke. Eine Entwicklung, die mehr und mehr Cyborgs entstehen lässt - menschliche Wesen mit technischen Ersatzteilen und Hilfsmitteln. Stichwort: künstliche Intelligenz. Ein Weg, ewiges Leben zu schaffen und Aussterben zu verhindern? Die Evolutionsmedizinerin Luzie Verbeek macht deutlich, dass Sterben ein wichtiger Teil der Evolution ist - schon aus Ressourcengründen. "Es ist nicht erstrebenswert, Sterblichkeit abzuschaffen."

  • Puppe „Lily“ im Mittelpunkt : „Sesamstraße“ startet Initiative zu Obdachlosigkeit

Das könnte manchen Zuschauer beruhigen. Wie auch ihre Ausführungen, dass es bei Evolution nicht um Perfektionismus gehe, sondern oft um Kompromisse. Insgesamt ist der Film weder düstere Dystopie noch eine beschönigende Utopie der Möglichkeiten. Sachlich geht Theunissen mit seinen Gesprächspartnern vielen Facetten des Themas nach.

Zugleich gestaltet er die kurzweilige Dokumentation Arte-typisch recht ansehnlich mit interessanten Kameraperspektiven etwa aus dem Neanderthal Museum, Unschärfen, Zooms und rückwärts abgespielten Sequenzen. Das Ganze ist mit ansprechender Musik unterlegt; immer wieder werden die Interviewparts auch mit zum Thema passenden Liedern von Tom Liwa unterbrochen. Inklusive Projektionen an der Wand.

Auch wenn Theunissen am Ende selbst ein bisschen enttäuscht über die gesammelten Erkenntnisse klingt, gibt er die Richtung für seinen Reisebericht eigentlich schon relativ früh vor: Seit 10.000 Jahren kann der Mensch Milch verdauen. Seitdem, so hält der Autor fest, hat der Körper keine revolutionäre Veränderung mehr erlebt.

"Der Mensch von morgen - Ein evolutionärer Reisebericht", Arte, Sa., 22 Uhr

(dpa)
Mehr von RP ONLINE