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Wiener Tatort "Krank": Das harte Geschäft mit der sanften Medizin

Wiener Tatort „Krank“ : Das harte Geschäft mit der sanften Medizin

Ein Kind stirbt an einer harmlosen Infektion, weil der Vater fanatisch auf Homöopathie schwört. Die Wiener Kommissare geraten zwischen die Fronten eines Glaubenskrieges.

Die Wiener Kommissare geraten in ihrem neuen Fall zwischen die Fronten eines Glaubenskrieges. Schulmedizin gegen alternative Heilmethoden, Antibiotika gegen Globuli. Aber der Reihe nach: Ein Mädchen stirbt an einem harmlosen Ohrinfekt, weil ihr Vater sich weigert, das Kind in ein Krankenhaus zu bringen und es stattdessen mit Tees und Tinkturen behandelt. Als er nach seinem überraschenden Freispruch den Gerichtssaal verlässt, wird er von einem Auto überfahren. Kurze Zeit später wird die Richterin in ihrem Haus attackiert, dann ein bekannter Wiener Heilpraktiker tot aufgefunden. Die Ermittler Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) leiten die Fahndung nach der Mutter des Kindes (Sabine Timoteo) ein. Vieles scheint dafür zu sprechen, dass die trauernde Frau einen Rachefeldzug gegen Wiens Homöopathie-Elite führt.

Autor und Regisseur Rupert Henning steigt tief ins Thema ein und beleuchtet den Streit um die sanfte Medizin von vielen Seiten. „Humanenergetik“ heißt das umstrittene Berufsfeld dieser Heiler in Österreich. Wie man wohl „Humanenergetiker“ wird, fragt Fellner ihren Partner. „Indem man beschließt, einer zu sein“, antwortet dieser trocken. Große Fans der Homöopathie sind die Ermittler nicht. Daran ändern auch die Einlassungen des Gerichtsmediziners nichts, der geduldig erklärt, dass es vielen Patienten mit Globuli tatsächlich besser geht, weil sie an die Wirkung glauben. Ob der Glaube oder die Globuli den Leuten helfe, sei unter dem Strich doch unerheblich. Erheblich sind hingegen die Geldsummen, um die es geht. Homöopathie ist ein Business, in dem auch in Österreich Millionenbeträge umgesetzt werden. Geht es vielleicht bei den Morden doch um mehr als die Rache einer Mutter? In Wiens führendem Homöopathie-Konzern tobt jedenfalls gerade ein schwer zu durchschauender Machtkampf.

„Krank“ ist ein alles in allem gelungener „Tatort“, doch es gab Zeiten, da machten die Wiener Fälle mehr Freude. Die Dialoge waren knackiger, mit den Wiener Eigenheiten wurde geschickter gespielt, es gab mehr Momente zum Schmunzeln. Der dramaturgische Kniff, dass Eisner selbst während der Ermittlungen an Rückenschmerzen laboriert und verzweifelt nach Erleichterung sucht, wirkt bemüht und aus gefühlt 228 anderen „Tatorten“ bekannt. An einer Stelle im Film fällt der Satz: „Ein Kind ist tot, das ist kein Spiel!“ Ja. Dies würde wohl jeder unterschreiben, muss aber anscheinend auch mal gesagt werden. Ein wenig rätselhaft bleibt auch, warum die Mutter des toten Kindes als untergetauchte Rebellin aus Lateinamerika in einem Container haust und als Einzekämpferin durch Wien marodiert. Sabine Timoteo wirkt zeitweise wie die Hauptfigur aus einem Videospiel – Lara Croft aus Simmering.

Doch es gibt auch starke Szenen. Eisner und Fellner kommt die entscheidende Eingebung im Fall ausgerechnet in der Kirche – vor einem Bild des Judaskusses. Judas musste Jesus verraten, damit die biblische Geschichte mit der großen Erlösung enden könnte. Das kluge Ende von „Krank“ versöhnt dann auch mit einigen Schwächen und Ungereimtheiten. Für die nächsten Folgen wünschen wir uns aber wieder etwas mehr „Inkasso-Heinzi“ und weniger Lara Croft.

“Tatort: Krank“, Das Erste, 20.15 Uhr