Düsseldorf: Whistleblower in der Pharmaindustrie

Düsseldorf : Whistleblower in der Pharmaindustrie

Der Spielfilm "Gift" wagt sich an das Thema gefälschte Medikamente - und spielt gekonnt mit der Angst des Zuschauers.

Der Tag bricht an, als Interpol-Agentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) mit dem Sondereinsatzkommando eine Lagerhalle im tschechischen Cheb stürmt. Die Ermittler finden palettenweise Medikamente, alle gefälscht. "Kein Grund zum Feiern", sagt Pribeau, denn ihr Kollege ist schwer verletzt. Szenenwechsel. Müllberge, Dreck und Lärm in den Straßen Mumbais. In einem indischen Slum wollen die "German Doctors" Katrin Kompalla (Luise Heyer) und ihr Freund Medikamente an Bedürftige verteilen. "Gefälscht, gefälscht, gefälscht", sagt Katrin Kompalla mit Blick auf die Verpackungen. Sie entsorgt die Medikamente und bittet ausgerechnet ihren Vater um Hilfe - den skrupellosen Pharmahändler Günther Kompalla (Heiner Lauterbach).

An dieser Stelle beginnt im ARD-Spielfilm "Gift" eine fesselnde Enthüllungsgeschichte. Sie beleuchtet die intransparente Pharmaindustrie. Der Film ist stark besetzt - von Heiner Lauterbach über Maria Furtwängler bis Francis Fulton-Smith -, die Drehorte sind zahlreich und die Kameraperspektiven ambitioniert. Regisseur Daniel Harrichs Film ragt zwar nicht als filmisches Meisterwerk heraus, doch wagt er sich an ein Aufregerthema.

Der Spielfilm läuft am heutigen ARD-Themenabend "Gefährliche Medikamente" und basiert auf dem Buch von Gert Heidenreich, das auf wahren Begebenheiten beruht. "Gefälschte Medikamente gehen jeden etwas an", sagte Harrich. Jedes hundertste in Deutschland verkaufte Medikament sei nach neuen Schätzungen gefälscht.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden mit gefälschten Medikamenten jährlich bis zu 430 Milliarden US-Dollar umgesetzt, mit Umsatzsteigerungen von 40 Prozent allein in Europa. Apotheker, Ärzte und Patienten haben kaum noch eine Chance, die Fälschungen sicher zu erkennen. Und die Verstrickungen von Pharmafirmen, Banken und Behörden sind kaum zu durchschauen. Der aufwendig inszenierte Wirtschaftsthriller erzählt genau davon.

"Gift" kommt mit Action und Spannung daher. Dabei gelingt es Harrich, mit der diffusen Angst des Zuschauers zu spielen. Was in Indien und Tschechien aufgedeckt wird, betrifft schon wenige Szenen später auch den deutschen Fernsehzuschauer, scheint doch der Drahtzieher der skrupellosen Geschäfte in seiner Münchner Firma "KompaPharm" die Fäden zu ziehen - und dabei auch über Leichen zu gehen.

Die Wende im Leben des Pharmahändlers Günther Kompalla ist der erste Handlungsstrang. Kompalla vertreibt weltweit Medikamente aus dubiosen Quellen. Erst als er erfährt, dass er schwer erkrankt ist, will er reinen Tisch machen. Die Medikamente, die er für sich selbst aus sicherer Quelle besorgt, gewähren ihm noch eine kurze Lebensdauer. Als Kompalla die Firma verkaufen will, wächst der Druck auf ihn. Die Investmentbank macht gemeinsame Sache mit Pharmalobbyistin Vera Edwards (Maria Furtwängler), die Kontakte zu Interpol pflegt und Agentin Pribeau auf die Spur Kompallas bringt. Gleichzeitig entwickelt sich Handlungsstrang zwei, der Einblicke in das weltweite Geschäft mit Medikamenten gibt.

Wird Kompalla, der so lange Teil des Medikamentenfälschersystems war, zum Whistleblower? Mit dieser Frage wird die Spannung geschürt. Kompallas Versuch, das zerrüttete Verhältnis zu Tochter Katrin wieder herzustellen, gibt dem teils überzogenen, aber durchaus gelungenen Film über Gier und Skrupellosigkeit eine wohltuend zwischenmenschliche Farbe.

"Gift", Das Erste, 20.15 Uhr

(ball)