Tom Buhrows umstrittene Entscheidung: WDR rebelliert gegen Radio-Chefin

Tom Buhrows umstrittene Entscheidung : WDR rebelliert gegen Radio-Chefin

Auf Wunsch des neuen Intendanten wird der WDR-Rundfunkrat am Freitag die Privatradio-Managerin Valerie Weber zur Rundfunk-Direktorin wählen. Mit der Personalie geht Tom Buhrow ein Risiko ein.

Natürlich wird der WDR-Rundfunkrat die Entscheidung seines neuen Intendanten stützen, wenn auch vielleicht nach etwas längerer Diskussion als üblich. Weil Tom Buhrow es so will, wird Valerie Weber (47) zum 1. Mai 2014 Rundfunkdirektorin des WDR und damit verantwortlich für die Radiowellen WDR 2 bis 5 sowie Funkhaus Europa und Einslive. Seit Buhrow den Namen vor einer Woche publik machte, schlägt ihm im eigenen Haus Entrüstung entgegen.

Gestern morgen nahm Buhrow an einer außerordentlichen Redakteursversammlung teil. Dem Vernehmen nach warb er dabei für seine Kandidatin: "Wenn jemand Groschenromane geschrieben hat, heißt das doch nicht, dass er keine Romane schreiben kann." WDR-Sprecher Birand Bingül formuliert es so: "Wie ernst Tom Buhrow Fragen im Haus nimmt, belegen mehrere Gespräche in dieser Woche — mit leitenden Redakteuren, der Redakteursvertretung und dem Personalrat." 150 von 450 WDR-Radio-Mitarbeitern haben einen Brief an den Intendanten unterzeichnet, der in Frageform gekleidete Vorwürfe gegen die künftige Radiochefin enthält: "Kann eine Persönlichkeit wie Valerie Weber plötzlich überzeugte Anhängerin des öffentlich-rechtlichen Systems sein?"

Valerie Weber, seit 2004 Programmdirektorin und Geschäftsführerin des Privatradios Antenne Bayern, hat noch nie für einen öffentlich-rechtlichen Sender gearbeitet. "Für was soll eine Programmdirektorin zukünftig beim WDR stehen, die bei Antenne Bayern Aktionen wie den ,Maibaumklau 2013' vertreten hat: Wo der ,Morgenshowmoderator' beim Maibaumklau ,entführt' wird und Antenne Bayern ihn dadurch auslöst, dass der Sender den ganzen Morgen nur zwei Lieder spielt: ,Last Christmas' und den ,Bacardi-Song'", gruseln sich die WDR-Mitarbeiter. Valerie Weber stehe für einen "Mix aus seichtem Pop, reißerischer Eigenwerbung, Regionalpatriotismus, ständigen Gewinnspielen und Comedybeiträgen". Buhrow sieht das offenbar anders. "Valerie Weber ist eine der erfolgreichsten Radiofrauen in Deutschland. Sie ist eine vielseitige, leidenschaftliche und analytische Strategin", so Buhrow, der die Münchnerin als seine "Wunschkandidatin" bezeichnet.

Der Wunsch nach Weber kam ihm freilich erst, als andere Kandidatinnen bereits abgesagt hatten; die Namensliste ist eindrucksvoll. Die naheliegendste Lösung wäre ohnehin keine Frau, sondern ein Mann gewesen: Jochen Rausch (57), seit 13 Jahren Chef von Einslive und damit der erfolgreichste Radiomacher des WDR, zudem seit Jahren Stellvertreter des scheidenden Hörfunkdirektors Wolfgang Schmitz. Rausch wäre für eine Amtszeit eine gute Übergangslösung bis zu einer Strukturreform gewesen, die Buhrow zwar vorschwebt, aber für den WDR aktuell nicht zumutbar hält: eine einzige Programmdirektion statt Aufrechterhaltung der Trennung von Fernsehen und Radio. Der Bayerische Rundfunk setzt ab Mai 2014 auf eine "trimediale Informationsdirektion". BR-Intendant Ulrich Wilhelm will die Jägerzäune zwischen den Sparten Fernsehen, Radio und Online im eigenen Haus niederreißen.

Beim WDR kommt es nun anders: Weil Buhrow die Fernsehdirektion mit WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn (49) besetzt (beide Herren soll ein stabiles Kumpel-Verhältnis verbinden), muss der andere Direktionsposten nach WDR-Logik zwingend mit einer Frau besetzt werden. Und so landete der Intendant schließlich bei seiner "Wunschkandidatin". Die ist in der Tat genau das, was Buhrow über sie sagt: erfolgreich, vielseitig, leidenschaftlich und eine analytische Strategin — nur eben bislang auf Feldern und mit Methoden, die mit den bisherigen Vorstellungen von öffentlich-rechtlichem Radio nicht viel zu tun haben. Weber gilt in der Radio-Szene als "Privateste unter den Privaten"; hinter vorgehaltener Hand sollen härtere Worte über ihre "Format-Besessenheit" fallen.

Gemeint ist damit: Kaum jemand in Deutschland hat das Thema "Format-Radio" bisher so sehr auf die Spitze getrieben wie Valerie Weber bei Antenne Bayern: Alles läuft nach der Uhr, maximal vier Moderationsbeiträge pro Stunde, niemals nach der Werbung ("da ist der Hörer strapaziert"). Vor Jahren bekannte sie, denen in ihrem Sender, die unter der Formatierung litten, habe sie von Anfang an gesagt: "Wenn Ihnen das hier alles zu blöd ist und zu billig und was weiß ich, und das ist alles scheiße, und soundsoviel Jingles pro Stunde, das finde ich auch widerlich, dann gehen Sie, ich schreib' Ihnen ein super Zeugnis. Gehen Sie!" Solche Töne sind WDR-Redakteure nicht gewohnt — auch wenn vor allem WDR 2 und EinsLive längst selbst stark formatiert und auf "Durchhörbakeit" getrimmt sind.

Die Auswahl und Zahl der in der Musik-Rotation gespielten Titel bei WDR 2 unterscheidet sich kaum noch vom Angebot der NRW-Lokalradios, die jüngste Verlängerung der Moderatoren-Strecken auf vier Stunden schielt ebenfalls nach den privaten Erfolgsrezepten. Was dem WDR bislang allerdings völlig fremd ist, ist der exzessive Einsatz von Telefon-Gewinnspielen, für den Valerie Weber steht. Antenne Bayern gerät immer mal wieder (mindestens vier dokumentierte Fälle aus den Jahren 2007, 2011 und 2012) in Verdacht, manipulativ in die Spiele einzugreifen, um die Hörerzahl zu steigern. Bereits zwei Jahre nach ihrem Dienstantritt klagte Valerie Weber auf einem Radio-Forum, oft müsse sie sich anhören, dass Spiele wie "Das geheime Geräusch", das Antenne-Hörer in einer Sekunde erraten sollen, sinnlos seien — doch genau das sei ja der Dreh: "Nur sinnlose und zweckfreie Spiele lassen Menschen zu sich finden. Sie regen an zu Kreativität und Fantasie. Je sinnloser, desto erfolgreicher sind sie." Außerdem erlaubten Spiele den Menschen "das Abtauchen in eine Scheinwelt, um den Problemen des Alltags zu entfliehen".

Vor allem letzteres Zitat brachte die protestierenden WDR-Mitarbeiter in ihrem Schreiben an Buhrow auf die Palme. Kurz nach Webers Nominierung verschwand es aus ihrem Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia. Verschwunden ist auch die Facebook-Seite namens "WDR Flurfunk", auf der prominente Mitarbeiter gegen Weber stänkerten. Würde Valerie Weber beim WDR im gewohnten Stil loslegen, bekäme Tom Buhrow ein Problem. Er sieht offenbar vor allem Chancen und spielt auf Risiko: "Sie hat ein sehr gutes Verständnis für das WDR-Radio, sie weiß, dass das WDR-Radio eine lange und kostbare Tradition hat, die es zu verteidigen und auszubauen gilt", sagt Unternehmenssprecher Bingül dazu.

(RP)
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