Was auf den neuen Intendanten zukommt: WDR — die teuerste Anstalt der Republik

Was auf den neuen Intendanten zukommt : WDR — die teuerste Anstalt der Republik

Am Samstag endete die Bewerbungsfrist für das Intendanten-Amt des Westdeutschen Rundfunks. Die neue Chefin oder der neue Chef muss den größten ARD-Sender vom Kopf auf die Füße stellen.

Beim WDR geht gar nichts schnell, weder im Programm noch im Unternehmen. Vor einem Jahr beschloss der Sender nach langer Diskussion , sich ein neues Logo zu gönnen: Weg mit der weißen Schrift auf verwinkeltem blauen Untergrund, stattdessen drei einfache blaue Buchstaben. Bis es tatsächlich flächendeckend eingeführt ist, wird ein weiteres Jahr vergehen. Und das nicht etwa, weil Übertragungswagen umlackiert und Leuchtreklamen ausgetauscht werden müssen. Nicht einmal seine Internet-Seiten bekommt der WDR auf einen Schlag umgestellt. Der Sender ist einfach viel zu groß und viel zu chaotisch gewachsen.

Dass der Sender als "Anstalt" öffentlichen Rechts geführt wird, leuchtet selbst vielen WDR-Mitarbeitern als unfreiwillig erhellend ein. Allein der Blick auf den Flicken-Teppich der WDR-Immobilien in der Kölner Innenstadt (Gebäudeaufwendungen in diesem Jahr: 46,7 Millionen Euro) verrät die Maßlosigkeit und Unüberschaubarkeit seiner Ausdehnung. Warum der WDR überhaupt Immobilien in teuerster Kölner Innenstadtlage für Abteilungen und Produktions-Büros unterhalten muss, die keinerlei City-Relevanz haben, wird in seinen Aufsichtsgremien, die gern im Funkhaus Wallrafplatz tagen, gar nicht thematisiert; auf die Decke des größten Konferenzraumes dort ist ein leuchtend blauer Himmel gemalt.

Im Haushaltsplan fehlen 55 Millionen Euro

2013 plant der WDR mit einem Budget von rund 1,38 Milliarden Euro. Nur 485 Millionen davon fließen ins Programm (siehe Infobox). Und mit dem Geld kommt der Sender immer noch nicht aus: Im Betriebshaushaltsplan fehlen 55 Millionen Euro, die aus Rücklagen aufgebracht werden müssen.

Auf ein massives Kosten-Problem ist der WDR besonders stolz. Er ist der größte Kultur-Akteur im Land und leistet sich aus Rundfunkbeiträgen, was das Land und die Kommunen kaum in der Lage zu finanzieren wären: Er betreibt in Köln ein WDR Sinfonieorchester, einen WDR Rundfunkchor Köln, ein WDR Rundfunkorchester und eine WDR Big Band. Laut Budget-Bericht planen diese vier Klangkörper pro Spielzeit "etwa 160 bis 200 Konzerte".

Gut ein Viertel dieser Konzerte findet gar nicht im Verbreitungsgebiet des Senders statt. So geht das WDR Sinfonieorchester, falls kein neuer Chef es stoppt, im Herbst 2013 auf Tour nach China — und das nicht zum ersten Mal. Allein für die vier Klangkörper ist der Aufwand, den der WDR treibt, zwischen 1999 und 2009 um eine Million Euro gestiegen. Zusammen kosten die vier Ensembles fast zehn Millionen Euro pro Jahr.

Kritik daran bügelt der WDR gern mit dem Hinweis weg, die vier Klangkörper lieferten ja teils überhaupt erst das sendefähige Musikmaterial, das der WDR brauche. Das trifft auf den Bereich der klassischen Musik sicher zu. Der wird von WDR 3 bedient. Die Welle erreicht selten mehr als 300 000 Hörer. Aber ihre Sachaufwendungen liegen mit mehr als 16 Millionen Euro etwas höher als die Kosten von WDR 2 und 1Live zusammen. 1Live als hörerstärkste Welle des WDR erreicht rund 3,95 Millionen Menschen, WDR 2 immerhin 3,24 Millionen.

16 Landesstudios und -Büros in NRW

Ob der WDR aber überhaupt sechs Radiowellen braucht (1Live, WDR 2, 3, 4, 5 und Funkhaus Europa), fragt niemand. Sie sind einfach da, weil sie eines Tages gegründet wurden. Von den 60er Jahren bis 1984 kam der WDR mit drei Radiowellen aus. 1984 kamen dann WDR 4 und 5 dazu. 1995 wurde aus dem WDR 1 die neue Welle 1Live, Funkhaus Europa kam ebenfalls dazu.

Erst unter dem, was man beim "WDR" als Kostendruck empfindet, hat der Sender im vergangenen Jahr angefangen, die Wellen räumlich besser zusammenzulegen und ihre Studiotechnik kompatibler zu machen. Doch im wesentlichen wurstelt im WDR Radio jeder weiter vor sich hin, macht eigene Nachrichtensendungen (bei 1Live heißen Nachrichten "Infos"), so etwas wie eine zentrale Programmplanung ist nicht erkennbar.

Obwohl der WDR Nordrhein-Westfalen inzwischen mit 16 Landesstudios und -Büros überzogen hat, leistet er weder im Radio noch im Fernsehen eine verlässliche, nachrichtlich vollständige Berichterstattung. Bei aktuellen Ereignislagen wird er regelmäßig von den Online-Kanälen der Tageszeitung und den Privatradios überholt, an denen er mit 24,9 Prozent beteiligt ist.

Vor allem im Radio findet einerseits ein immer stärkerer Angleich an die Privaten über die Musik statt, besonders gern berichtet der WDR aber über sich selbst. Ein Bürgermeister einer NRW-Stadt schafft es mit seinen Nachrichten selten ins Programm des WDR. Aber er darf sich gerne lächerlich machen, wenn er und seine Kommune Kindergeburtstags-Aufgaben im Wettbewerb "WDR 2 für eine Stadt" lösen der gerade wieder anläuft. Eine verlässliche Nachrichten-Berichterstattung bekommt der WDR nicht einmal über die Großstädte in den regionalen TV-Formaten "Lokalzeit" und "Aktuelle Stunde" hin.

Anlagevermögen von 1,8 Milliarden Euro

Sowohl die scheidende Intendantin Monika Piel als auch die derzeitige Vorsitzende des WDR-Rundfunkrates, Ruth Hieronymi, werden nicht müde zu betonen, dass es für die Zukunft des WDR entscheidend darauf ankomme, die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Bevölkerung zu stärken. Die sinkt nicht zuletzt dank des Umstiegs vom GEZ-Modell auf den "Rundfunkbeitrag" ins Bodenlose.

Jeder Inhaber einer Wohnung soll eine gefühlte Steuer für nicht bestellte Leistungen entrichten, aber ein Mitspracherecht — beispielsweise durch die Wahl des Rundfunkrates oder die Direktwahl des Intendanten — hat er nicht. Er darf nur zahlen. Für den Wohlstand des Senders mit einem Anlagevermögen von 1,8 Milliarden Euro, einem Eigenkapital von knapp 700 Millionen Euro und 1,37 Milliarden Euro Rückstellungen allein für die Alters- und Hinterbliebenenversorgung seiner Mitarbeiter.

(RP/das/csi)
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