Warum die geplante russische „Tschernobyl“-TV-Serie riskant ist

„Richtige“ Version kommt mit mehr Patriotismus : Warum die geplante russische „Tschernobyl“-TV-Serie riskant ist

Die US-Serie „Chernobyl“ ist ein Riesenerfolg, auch in Russland. Weil die sowjetische Führung darin aber schlecht wegkommt, soll eine neue Version gedreht werden – mit feindlichem CIA- und mehr heldenhaften KGB-Agenten. Historiker Martin Aust erklärt, warum der Sender das macht.

Mit nur fünf Folgen hat “Chernobyl” ein weltweites Publikum erreicht und ebenso begeistert wie schockiert. Die US-Serie, die in Deutschland bei Sky läuft, kommt sogar beim russischen Publikum gut an. Das gefällt manchem dort offensichtlich nicht, sodass der russische Fernsehsender NTV angekündigt hat, eine eigene Version der Ereignisse zu drehen. In einer zwischen Jung und Alt gespaltenen Gesellschaft wie der russischen könnte das aber nach hinten losgehen.

Insbesondere die Vertuschung des Vorfalls und der Ursachen durch den russischen Geheimdienst KGB stoßen dem russischen Regisseur Aleksey Muradov sauer auf. „Ich will zeigen, was damals wirklich passiert ist“, sagte er der “BBC”. Muradov zufolge gibt es eine Theorie, nach der ein amerikanischer CIA-Agent zur Zeit des Unfalls im Kraftwerk gewesen sein soll. Ein heldenhafter KGB-Agent soll daher eine zentrale Rolle in der neuen Erzählung spielen. Die russische Regierung hat bereits ihre Zustimmung signalisiert und umgerechnet 400.000 Euro für die Produktion bewilligt.

“Das ist in der russischen Medienlandschaft kein Einzelfall”, sagt Martin Aust, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Bonn. Auch “Game of Thrones” soll für das russische Publikum neu verfilmt werden. Zunächst müsse man sich aber darüber im Klaren sein, dass in Russland meist nur die älteren Menschen normales Fernsehen schauten. Bei den Jüngeren würde so eine Serie kaum Beachtung finden, diese seien überwiegend im Internet aktiv. “Im Gegensatz zum Fernsehen ist das Internet in Russland noch immer stark mit dem Westen verflochten”, erklärt Aust. Dadurch herrschten zwischen den Generationen aber auch unterschiedliche Informationsstände. Die jüngere Generation sei der offiziellen Rhetorik vom “bösen Westen” und “in Russland ist alles gut und wunderbar” zunehmend überdrüssig. “Die patriotische Begeisterung nach der Annexion der Krim ist stark abgeflacht.” Immer wieder gingen Russen auf die Straße, um gegen die Regierung und neue Gesetze zu demonstrieren. Dass der russische Fernsehsender dennoch eine patriotische Neuauflage der Serie drehe, ist für Aust eine Form des vorauseilenden Gehorsams. “Es herrscht große Unsicherheit, was gesendet werden soll”, sagt der Historiker. Die russische Regierung halte weiter an ihrer patriotischen Linie fest.

Jared Harris als Waleri Legassow in der HBO-Produktion „Chernobyl“. Foto: obs/Sky Deutschland

Aber auch am US-Original ist nicht alles historisch korrekt. So gab es etwa den Charakter der weißrussischen Wissenschaftlerin Ulana Khomyuk nicht. Die Produzenten haben sie ihrer eigenen Aussage nach stellvertretend für die wissenschaftliche Gemeinde Russlands erschaffen. „Es gibt in den letzten Jahren eine starke Erwartungshaltung an historische Produktionen“, sagt Aust. Das Publikum erwarte, dass diese realitätsgetreu und akkurat seien. In wissenschaftlichen Arbeiten und in Sachbüchern gehe das auch, aber in so einer Serie habe die künstlerische Freiheit ihren berechtigten Platz.

Interviews eines russischen Internetsenders mit Zeitzeugen bestätigten Aust zufolge überwiegend die Darstellung in der US-Serie. „Der Narrativ aus dem Zweiten Weltkrieg, Russlands Beitrag zur Rettung Europas, findet unter Zeitzeugen großen Anklang“, sagt Aust. Doch genau da liege das Problem der offiziellen Rhetorik Russlands. Die Soldaten und Helfer von damals würden für ihre Taten in der Öffentlichkeit kaum gewürdigt.

Die US-Fernsehserie über den fatalen Unfall am 26. April 1986 im damals sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl stellt die Folgen einer Strahlenvergiftung so dramatisch und visuell verstörend dar wie noch keine andere zuvor. Einem Feuerwehrmann fällt wenige Tage nach seinem Einsatz am havarierten Kraftwerk wortwörtlich die Haut von den Knochen. Der damalige Regierungsapparat der Sowjetunion kommt jedoch nicht gut weg. Verzögern, Kleinreden und Verschweigen - so versuchen die Parteifunktionäre in der Serie, dem Unfall auch dann noch medial Herr zu werden, als im Westen längst die Alarmglocken schrillen. Der in den Monaten nach dem Unfall eilig errichtete Beton-Sarkophag über dem Reaktorkern wurde kürzlich durch eine neue Hülle erweitert. Diese soll das radioaktive Material für weitere 100 Jahre zurückhalten.

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