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Vorschau zum "Tatort" aus Münster: Boerne ist nicht tot zu kriegen

„Tatort“ aus Münster : Boerne ist nicht tot zu kriegen

Gewagt, aber gut: Aus der Vorhölle arbeitet der berühmt-berüchtigte Pathologe an der Aufklärung des Mordes an ihm selbst. Die „Tatort“-Vorschau.

Die elegante britische Limousine ist komplett hinüber, die Reste liegen rauchend auf einem Acker; Furchen zeigen an, wo das sich überschlagende Wrack den Boden aufgewühlt hat. Aber Boerne ist okay. Glaubt er.

Wie durch ein Wunder hat er kaum einen Kratzer abbekommen, bloß seine Frisur und sein Handy sind lädiert. Auf zittrigen Beinen wankt er im Morgengrauen zur Straße. Den heraneilenden Rettern versichert er, dass alles gut sei – doch die Feuerwehrleute und Sanitäter stürmen wortlos an ihm vorbei, als wäre er gar nicht da. Dito Thiel, der dem dramatischen Effekt zuliebe gleichzeitig mit den Ersthelfern eintrifft.

 Jens Jacoby (Hans Löw, links) sollte Boerne auf Zeit vertreten – eigentlich.  Foto: WDR
Jens Jacoby (Hans Löw, links) sollte Boerne auf Zeit vertreten – eigentlich. Foto: WDR Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin/Foto: WDR

Alle ignorieren ihn. Seltsam, einerseits. Andererseits haben sie ja auch genug zu tun damit, den Fahrer aus dem Wrack zu befreien (Feuerwehr) und zu reanimieren (Sanitäter) beziehungsweise um dessen Leben zu bangen (Thiel). Dieser Fahrer ist ein alter Bekannter – Professor Karl-Friedrich Boerne, blutüberströmt, bleich und nicht ansprechbar, will sagen: ganz und gar nicht okay. Und als wäre dieser doppelte Boerne nicht schon seltsam genug, tritt auch noch ein zweiter Thiel in das Blickfeld von Boerne dem Zwoten. „Eine gewisse Verwirrung ist anfänglich völlig normal“, sagt Thiel der Zwote zur Begrüßung halb lässig, halb mitleidig. Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich: Denn Boerne und Thiel standen zwar durchaus schon öfter mal neben sich, aber eben nie gewollt. Diesmal aber ist vieles anders, Max Zähle (Regie) und Magnus Vatt­rodt (Drehbuch) sei Dank.

In der nächsten Szene wird das Setting endgültig geklärt: Boerne ist tatsächlich so gut wie tot. Er erwartet in der Vorhölle, frommen Menschen besser bekannt als „Limbus“, sein weiteres Schicksal: Geht es per Paternoster nach unten in die „Abteilung II“ alias Hölle, oder nach droben, über die Wolken, in die ungleich begehrtere „Abteilung I“?

 Bangt um ihren Chef: Silke Haller (Christine Urspruch) bei Prof. Karl-Friedrich Boerne.
Bangt um ihren Chef: Silke Haller (Christine Urspruch) bei Prof. Karl-Friedrich Boerne. Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin/Foto: WDR

Die Wartezeit jedenfalls macht ihm Satans-Gehilfe Thiel mit Bonmots zur Qual: „An den Himmel muss man glauben, die Hölle ist für alle da!“, flötet er etwa. Doch weil auch Thiel der Zwote so fußfaul ist wie das Original, kann ihm Boerne Mal um Mal entwischen, um drunten in Münster seine Quasi-Hinterbliebenen Thiel eins, Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) und Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) so nachdrücklich auf die richtige Fährte zu stoßen, wie es ihm als körperlosem Geist eben möglich ist. Der Unfall nämlich war selbstverständlich ein Mordversuch, der zudem bald als vollendet gelten dürfte, denn der komatöse Original-Boerne baut rapide ab.

Ein Münster-„Tatort“ also, der sich was traut. Nach mehr als 30 der schwer beliebten Klamauk-Aufgüsse breitet sich in diesem 37. Fall ein neues, geradezu revolutionäres Aroma aus. Zunächst riecht es nach Schock und Schwermut, dazu kommt viel Surrealismus à la „Tatortreiniger“ samt dessen kammerspielartiger Atmosphäre. Vieles ist hier souverän geborgt, zitiert, gesampelt.

Die Idee für „Limbus“ ist prächtig, die Umsetzung inhaltlich gezwungenermaßen überraschungsarm, aber witzig ausgestaltet und technisch prima produziert. Dabei bekommen neben Gaststar Hans Löw (zuvor schon bärenstark in den Episoden „Lass den Mond am Himmel stehn“ und „Der Mann, der lügt“) auch die Stamm-Darsteller endlich mal schauspielerische Aufgaben gestellt, die diese Bezeichnung verdienen.

Der Zuschauer weiß bei alledem ebenso wie Geister-Boerne sehr schnell, was passiert ist. Dadurch, dass man dermaßen mit dem Professor in einem Boot sitzt, wird dessen Ungeduld mit dem begriffsstutzigen Fußvolk um ihn herum beinahe verständlich.

Aber auch nur beinahe, nech?

„Tatort: Limbus“, Das Erste, 20.15 Uhr.