Thiele und Boerne im Münster-Tatort: Bitte nicht vorschnell abschalten!

Münster-“Tatort“ am Sonntagabend : Bitte nicht vorschnell abschalten!

Nach völlig verkorkstem Beginn wird der Krimi „Spieglein, Spieglein“ doch noch ein geradliniger und guter Münster-„Tatort“. Das liegt auch an der tollen Kathrin Angerer.

Nach zwanzig Minuten schwebt der Finger über dem Ausschaltknopf der Fernbedienung: Thiel und Staatsanwältin Klemm, Boerne und seine Assistentin „Alberich“ schreien aneinander an; maximal lautstark, minimal glaubwürdig.

Ein Serienmörder geht um, der Tag für Tag unschuldige Doppelgänger des Ermittler-Quartetts tötet. Und damit die das auch ja mitbekommen, jubelt der Täter den armen Todgeweihten persönliche Gegenstände unter, die er den Originalen zuvor gestohlen hat: Klemms Kippen, Alberichs Schal, Boernes Mütze, Thiels gammelige „gute“ Schuhe.

Eine wirklich schöne Idee – allein die daraus resultierende Panik ist absurd übertrieben gespielt. Aufgerissene Augen und zitternde Hände allüberall, die Skala für ausdrucksvolle Mimik und Gestik wird lustvoll gesprengt. Dazu dieses Geschrei, in Schriftgröße 128, komplett in Großbuchstaben, gefettet und zur Sicherheit noch unterstrichen.

Ohne jede Not bleibt in diesem ersten Drittel jene Lässigkeit auf der Strecke, die dem Münster-„Tatort“ noch der größte Kritiker stets zugutehalten musste. Logisch, dass es den Protagonisten nahegeht, wenn jemand ein derart makabres Spiel mit ihnen treibt – aber die Hysterie wirkt dermaßen hölzern, dass man eher mit den Schauspielern mitfühlt, denen Regisseur Matthias Tiefenbacher eigentlich nur körperliche Gewalt angedroht haben kann. Anders lässt sich kaum erklären, weshalb langjährige professionelle Schauspieler derart nach der Laientheater-Maxime „Viel hilft viel“ agieren.

Einen Vorteil immerhin hat der verhunzte Einstieg: Wer am Sonntagabend in ängstlicher Erwartung der anstehenden Arbeitswoche schon früh eindöst, bekommt das Wesentliche auch im Halbschlaf mit. Doch Wachbleiben lohnt sich: „Spieglein, Spieglein“ wird richtig munter.

Das liegt vor allem an Birgit Brückner (Kathrin Angerer), die schon früh als Täterin enthüllt wird: Zwischen ihren Einsätzen als Killerin ist sie in einer Art nervöser Trance, in der Planung wie auch am Abzug indes eiskalt. Was treibt die freudlose Verwaltungsfachangestellte mit dem rosa Strickpullover zu ihren Taten? Oder besser: Wer? Gibt sie den Racheengel für einen Ehemann oder Vater, den Thiel und Boerne einst hinter Gitter brachten, und damit auch um seine bürgerliche Existenz? Ein guter Krimi um Schuld und Sühne, Resozialisierung und Rache entspinnt sich hier, garniert selbstredend mit den üblichen Logiklücken und Frotzeleien.

Verzichtbar gewesen wäre Björn Meyer als Ersatz für Thiels fleißiges Bürobienchen Nadeshda, deren Darstellerin Friederike Kempter sich während der Dreharbeiten im Mutterschutz befand. Nichts gegen Meyer; es war garantiert gewollt, dass er das dauergrinsende Riesenbaby spielt, das theoretisch nur Kaffee kochen soll, praktisch aber eine Art Wunderkommissar ist. Ebenfalls wenig überzeugend: Die Doppelgänger von Klemm und Haller. Thiels Double gibt Prahl höchstselbst mit schnell angepapptem Zwanzigerjahre-Schnörres. Der Zweit-Boerne hingegen, ein schnoddriger Musikprofessor mit Notenschlüssel-Tattoo, überzeugt. Alle außer Boerne, versteht sich. Der fragt nur entgeistert: „Jazz? Aber, aber... wovon leben Sie?“

„Tatort – Spieglein, Spieglein“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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