Tatort Stuttgart: Es gibt zwei Gründe, sich diesen Fall anzuschauen

Neuer Fall aus Stuttgart : Es gibt zwei Gründe, sich diesen "Tatort" anzuschauen

Es gibt vor allem zwei Gründe, sich diesen "Tatort" anzusehen. Grund eins ist Schauspieler Michael Rotschopf, der den Opfer-Anwalt Christian Pflüger spielt, und das immerhin so gut, dass er die schwachen Vorstellungen der Hauptdarsteller kaschiert.

Grund zwei ist, wie so oft, Carolina Vera, die die äußerst attraktive Staatsanwältin Emilia Álvarez verkörpert. Allein der Blick der in Chile geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Darstellerin auf eine Frage der Kommissare nach etwas mehr als einer halben Stunde ist pures Gold.

Unglücklicherweise stehen aber weder Álvarez noch Pflüger im Fokus dieses Stuttgarter Falls mit dem Titel "Eine Frage des Gewissens", sondern die beiden Kriminalhauptkommissare Thorsten Lannert (gespielt von Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Gleich zu Beginn des Krimis zielt Lannert in einem Supermarkt mit einer Waffe auf Holm Bielfeldt (Daniel Christensen). Der Kriminelle hat vor, während eines Raubs einen Sicherheitsmann zu erschießen, den er als menschliches Schutzschild missbraucht, da er merkt, dass er sich mit seinem Vorhaben offenbar verrannt hat. Als der Geiselnehmer ankündigt, sein Opfer tatsächlich zu erschießen, tötet Lannert den Mann mit einem gezielten Kopfschuss.

Was folgen könnte, wäre aufgrund des in solchen Fällen üblichen einsetzenden Ermittlungsverfahrens gegen Lannert ein spannendes Kammerspiel, mit den Opfer-Anwälten Pflüger und seiner Frau Sabine (Caroline Ebner) auf der einen und den Polizisten auf der anderen Seite. Allerdings lassen der Südwestrundfunk und Regisseur Till Endemann, der im vergangenen Februar mit dem Odenthal-Fall "Zirkusspiel" sein viel gelobtes "Tatort"-Debüt gefeiert hat, das nur bedingt zu.

Der Zuschauer weiß als einziger, dass Bootz lügt, um seinen Kollegen zu schützen. Das zeugt zwar von Zusammenhalt im Ermittler-Team, ist allerdings wenig realistisch, wie Christoph Pahlke, Leitender Regierungsmedizinialdirektor beim Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei in NRW, erklärt. "Die Kollegen sind im Zusammenhang mit Schussabgaben sehr ehrlich", sagt er. Eine Lüge sei ohnehin auf Dauer nicht haltbar. "Den Vorwurf der Kumpanei unter Kollegen würde ich definitiv zurückweisen."

Ungereimtheiten und verpasste Gelegenheiten bietet der Fall auch an anderen Stellen. Zwar sieht man Lannert an, dass er sich ob des tödlichen Schusses nicht wohl fühlt, das Prozedere rund um das in solchen Fällen übliche Ermittlungsverfahren gerät aber zu kurz. Polizisten, die in der Regel nach tödlichen Schüssen psychologisch betreut würden, würden sich sehr häufig Vorwürfe machen, bräuchten oft Wochen, um das Geschehene zu verarbeiten, und könnten die Szenen ohnehin nie aus ihrem Gedächtnis streichen, so Pahlke.

"Die emotionale Belastung ist gravierend, weil der Schütze in dem Moment oft selbst Todesangst hatte", sagt der Polizei-Arzt, der von zehn Schussabgaben pro Jahr in NRW berichtet — und keiner ungerechtfertigen in den vergangenen 20 Jahren. Dass Lannert im Laufe weiterer Ermittlungen allerdings auf die Mutter des Getöteten trifft, sei laut Pahlke gänzlich unrealistisch. "Der Kontakt mit Angehörigen wird vermieden", erklärt er.

Das Problem in diesem "Tatort": Erst mit diesen neuen Ermittlungen und dem Treffen zwischen den Kommissaren und der Mutter des Opfers (dargestellt von der sympathisch schwäbelnden Gisela Straehle) nimmt der Fall nach der verpassten Gelegenheit des Kammerspiels mehr an Fahrt auf. Lannert und Bootz ermitteln, wie sich schon in der Anfangsviertelstunde des Krimis herausstellt, in einem neuen Fall, der sie allerdings in die leider mit zu vielen Klischees dargestellte linksextreme Szene führt.

Ein bisschen weniger Vermischung der Fälle und ein bisschen mehr Pflüger und Álvarez hätten der Episode gut getan.

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Tatort": Bilder aus "Eine Frage des Gewissens"

(spol)