Tatort mit Ulrich Tukur: Murot und das Murmeltier zeigt den Ermittler in einer Zeitschleife

Neuer „Tatort“ mit Ulrich Tukur : Und täglich grüßt der Geiselnehmer

Auf beste Weise durchgeknallt: „Tatort“-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) steckt im neuen Fall aus Wiesbaden in einer Zeitschleife fest. Bei diesem Krimi ist ganz klar der Weg das Ziel.

Dass jeder Tag ein Geschenk sei, stimmt ja durchaus, bloß ist das nur die halbe Wahrheit. Fairerweise muss man schon dazu sagen, dass diese Geschenke allzu oft mies verpackt sind, verhunzt bis zur Unkenntlichkeit. Zu dieser Erkenntnis der melancholischen Liedermacher Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch gelangt diesmal auch Murot. Das ist ihm hoch anzurechnen, denn in „Murot und das Murmeltier“ muss er einen besonders unschönen Tag wieder und wieder durchleben. Der theoretisch wunderbare Sommertag nämlich beginnt schlimm, mit einer Geiselnahme, und endet noch schlimmer, mit Murots Tod. Wieder und wieder und wieder schreckt der LKA-Mann morgens aus einem vermeintlichen Alptraum hoch, der sich sodann im echten Leben fortsetzt.

Das Ergebnis ist eine prächtig gelungene Hommage an den Comedy-Klassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murray von 1993. Jeder sollte diesen Film sehen – und sei es, damit sich Deutschland am Montag ausnahmsweise mal über etwas anderes streitet als über Ausländer oder Kriminalität oder Ausländerkriminalität. Denn zu diesem 1084. „Tatort“ kann man nicht neutral stehen, das Urteil muss lauten: Durchgeknallt, aber genial! Oder eben: Eine Frechheit, ein Affront, Gaga mit Gebührengeldern!

Nun ist nicht wegzudiskutieren, dass das Konzept „Mensch ist in einer Zeitschleife gefangen“ grober Unfug ist, und entsprechend wohltuend ist es, dass sich hier niemand bemüht, das allen Naturgesetzen widersprechende Geschehen irgendwie erklären zu wollen. Es ist eben einfach so, diese Prämisse muss man schlucken. Der Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann – zu Recht gefeiert für seinen „Tatort“-Erstling „Stau“ (2017) – setzt Murot diesem Experiment aus wie ein Versuchstier. Der fürchtet schnell um seine geistige Gesundheit – ähnlich wie in seinem fünftem Fall „Wer bin ich?“, als man die Figur Murot gegen ihren eigenen Darsteller Tukur ermitteln ließ. Bloß potenziert.

Ulrich Tukur zeigt einen Parforceritt. Mal sammelt sein vom Job besessener Ermittler Murot methodisch Informationen, um die Geiselnehmer im nächsten oder wenigstens übernächsten Anlauf verstehen und so zur Aufgabe zwingen zu können.

Mal verweigert er seine Mithilfe komplett, erscheint überhaupt nicht am Tatort, sondern tritt quasi in den Streik, indem er sich auf amüsanteste Art anderswo verlustiert. Mal geht er diesen verfluchten Tag in Todesangst an, mal mit dem Grundgefühl der Unsterblichkeit. Mal arrogant-aggressiv, mal aufreizend lässig.

Furios lebt der schwer geprüfte Murot seinen psychisch-emotionalen Overkill aus, richtet seine Dienstpistole und auch andere Waffen gefrustet gegen mehr oder weniger unschuldige Menschen und unbestreitbar unschuldige Gegenstände. Dieser „Tatort“ ist ein Episodenfilm, der alle Genres und Gefühle durch den Fleischwolf dreht, Slapstick und Moralismus, Klamauk und Drama, Krimi und Krimi-Satire – sprunghaft und unperfekt, aber kurzweilig und ohne das geringste Schuldbewusstsein.

Brüggemann sieht sich als Rächer der vom allgemeinen Krimi-Overkill ermüdeten und genervten Zuschauer: „Es ist immer dasselbe, und es ist niederschmetternd.“ Die Idee, denselben Fall x-mal zu zeigen, lag für ihn deshalb „sehr nahe“. Das Stilmittel „Zeitschleife“ betrachtet er dabei als nur minimale Zuspitzung des grauen Arbeitsalltags: „Man steht jeden Morgen auf, fährt um dieselbe Zeit an denselben Ort, trinkt mit denselben Kollegen denselben Kaffee und führt dieselben Gespräche. Von diesem Zustand und von der Frage, ob man aus dieser Schleife aussteigen oder gar den Sinn darin finden kann, handelt der Film.“

Ein gut gemeinter Tipp:  Hier ist der Weg das Ziel. Fiebern Sie bloß nicht auf die Auflösung hin, genießen Sie lieber diesen irren Trip. Und fragen Sie sich: Was würde ich eigentlich machen, wenn ich aus meiner Routine ausbräche, aller Trägheit und Angst zum Trotz? Und solange es gewaltfrei bleibt, tun Sie es doch einfach mal. Einen Versuch ist es wert.

„Tatort: Murot und das Murmeltier“, Das Erste, So., 20.15 Uhr

Mehr von RP ONLINE