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Tatort: Lass den Mond am Himmel stehen - Eiskalt, fesselnd und ein sehr guter Film

So wird der neue „Tatort“ aus München : Im Schatten der Eidechse

Im Münchner „Tatort“ verändert der gewaltsame Tod eines kleinen Jungen das biedere Leben zweier reicher Familien. Der Film ist entsetzlich, aber sehenswert. Und die Münchner Ermittler zeigen, warum sie zu den besten der Reihe gehören.

Besäße der Mensch die Eigenschaften einer Eidechse, so müsste er sich kein Laufband in den Garten stellen. Aber der Mensch ist, Biologen mögen bitte zum nächsten Absatz springen, so ziemlich das Gegenteil der Eidechse. Neben doppelt so vielen Beinen wie der Mensch verfügt die echte Eidechse (falls die Biologen doch mitlesen: Lacertidae) über die beeindruckende Eigenschaft, von Zeit zu Zeit die alte Haut abzuwerfen. Das würde auch das Leben der Protagonisten im neuen Münchner „Tatort“ erleichtern.

Der beeindruckende Film „Lass den Mond am Himmel stehen“ erzählt von dem Wunsch, die Katas­trophen des Lebens mögen bitteschön am Gartenzaun stoppen. Die vermeintlich heile, biedere Welt in der Villa dahinter darf nicht zusammenbrechen, so wie der Mond nicht vom Himmel fallen soll.

Emil Kovacic (Ben Lehmann) ist in seiner Klasse ein eher unbeliebtes Kind. Als die beiden Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) in der Sporthalle vor den Klassenkameraden stehen, ruft eine Schülerin unwirsch: „Den Emil mag doch eh keiner.“ Da hat sie gerade von Emils Tod erfahren.

Emil ist am Abend nicht mehr nach Hause gekommen. Er war bei Basti Schellenberg (Tim Offerhaus), einem Jungen aus seiner Klasse, den Emil für einen Freund hielt – was offensichtlich nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Zwei Kajakfahrer finden Emils Leiche in Goldfolie eingewickelt in einem Fluss. Fahrrad und Handy finden Polizisten später an einem etwas sonderbaren Ort in einem Waldstück: einem Treffpunkt für Sex in der Öffentlichkeit.

Emils Tod verändert alles. Oder, besser gesagt: Emils Tod legt offen, was sich längst verändert hat, aber niemand wahrhaben wollte. Die Freundschaft der beiden wohlhabenden Münchner Familien Kovacic und Schellenberg etwa würde sogar das besungene Freundschaftsverständnis von Franz Beckenbauer beleidigen. Sie leben nebeneinander her und zelebrieren einen Zusammenhalt, den es gar nicht gibt. Als Emils Mutter Judith Kovacic (Laura Tonke) nach dem Tod im Haus der Schellenbergs auftaucht, wird dort gerade der 18. Geburtstag von Tochter Hannah (Lea Zoe Voss) gefeiert. Antonia Schellenberg (Victoria Mayer), Bastis und Hannahs Mutter, versucht Judith Kovacic abzuwimmeln. „Ich hab einen Haufen Gäste unten“, sagt sie. Aber Mutter Kovacic entgegnet: „Einen Gin Tonic würde ich auch nehmen.“

In diesem „Tatort“ sind es vor allem die Dinge, die nicht gesagt werden, die quälen. Die Kinder, die nicht reden, sondern zocken. Die Mütter, die schweigen, statt für einander da zu sein. Die Väter, die vorgeben, sich in ihren jeweiligen Berufen zu verschanzen. Es ist ein durch und durch tragischer Film, den die Autoren Stefan Hafner und Thomas Weingartner geschrieben haben. Man möchte schreien, so leise ist es. Man möchte das Licht anschalten, so dunkel ist es. Die Ausdruckslosigkeit, die die Familienmitglieder spazieren tragen, ist entsetzlich.

Der Mond fällt vom Himmel, so viel lässt sich mit Gewissheit sagen, jedenfalls für die Familien Kovacic und Schellenberg. Nur weil man sich lange genug einredet, dass alles normal ist, wird es nicht normaler. Auf dem Laufband, das im Garten der Schellenbergs steht, lässt es sich nicht vor der Wahrheit davonlaufen.

Dieser Film ist sehenswert, und er ist bis zum Schluss fesselnd. Die Kommissare zeigen mal wieder, dass sie zu den besten der Reihe zählen. Etwa in diesem reichlich bizarren Dialog im Hause Schellenberg:

Ivo Batic: „Da ist eine Eidechse.“

Antonia Schellenberg: „Ja, wir haben ein Eidechsenproblem.“