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"Tatort"-Kritik: Abschied von der Kiez-Romantik mit Falke und Grosz

„Tatort“ mit Falke und Grosz : Abschied von der Kiez-Romantik

Im Nord-„Tatort“ ermitteln Falke und Grosz nach einem Auftragsmord auf St.Pauli. Dabei gibt es zwar nicht viele Überraschungen, aber umso mehr Gefühl.

„Weg mit der!“, blökt Ex-Zuhälter Egon Pohl. „Viel zu schade für’n Puff. Die gehört ins Escort.“ Er redet über die Bundespolizistin Julia Grosz (Franziska Weisz), die vor ihm steht und ihre geplante Befragung schnell abbricht. Pohl ist dement; das Alter, der Alkohol, die Drogen. Zudem ist er in einer emotionalen Ausnahmesituation, sein Sohn und Nachfolger im Rotlicht-Familienunternehmen ist tot. Abgestochen von Matei (Bogdan Iancu), einem mit Drogen vollgepumpten nützlichen Idioten im Teenageralter aus Rumänien.

Die Jagd auf diesen Jungen steht im Mittelpunkt von „Goldene Zeit“, dem 13. Fall von Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring). Denn nicht nur Falke und Grosz haben ihn im Visier, sondern auch die Auftraggeber des Jungen, die ihn als Zeugen eliminieren wollen. Hinzu kommt schnell auch der bauernschlaue „Eisen-Lübke“, langjähriger Bodyguard der Pohls. Seinem Seniorchef will er einen letzten großen Dienst erweisen und dessen Sohn rächen.

Michael Thomas spielt dieses Reeperbahn-Relikt nicht nur mit der Erfahrung aus einigen Tagen „Method Acting“ in den schäbigsten Kneipen des Rotlichtviertels. Mit 15 war er aus seinem Wiener Elternhaus ausgerissen und hatte sich an seinem Sehnsuchtsort Hamburg durchgeschlagen – als Hafenarbeiter, Schwergewichtsboxer, Kleinganove. „Auf dem Kiez habe ich vieles getan, was Gott so verboten hat“, sagt er. „Ich teilte aus und bekam auf die Fresse“; manchmal habe er sich gefühlt wie Hans Albers oder „der König von St. Pauli“. Im Rückblick, sinniert er, hätte es „leicht passieren können, dass ich auf dem Kiez hängenbleibe und so ende wie Lübke.“

Daran ist auch Falke nur knapp vorbeigeschrammt, dem einst Lübke persönlich die ersten Türsteher-Jobs vermittelte. Die zentralen Themen dieses Films sind deshalb Falkes Beinahe-Befangenheit im Umgang mit seinen Quellen (toll: Jessica Kosmalla als Barfrau) sowie, natürlich, der Generationenwechsel auf dem Kiez. So etwas wie „Luden mit dem Herz am rechten Fleck“ mag es einmal gegeben haben; vieles spricht aber dafür, dass Grosz, die all das für verklärende Folklore hält, Recht hat. Fakt ist, dass schon 1981 eine Gewaltwelle im Milieu begann, die nie abgeebbt ist. Drogenhandel, extreme Aggressivität bis hin zum Schusswaffengebrauch und Zwangsprostitution sind längst traurige Realität. St. Pauli ist geworden wie der Ballermann, bloß mit sehr viel mehr Organisierter Kriminalität. Eindrucksvoll zeigen das Drehbuchautor Georg Lippert und die junge Regisseurin Mia Spengler in einem Film mit wenigen Überraschungen, aber umso mehr Gefühl.

„Tatort: Die goldene Zeit“, Das Erste, So., 20.15 Uhr