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"Tatort: In der Familie" So war Teil 1 aus Dortmund und München

Mafia, Tod und Abschied von einer Kommissarin : Mamma mia, was für ein „Tatort“-Fall

Zum 50. Geburtstag des „Tatorts“ gibt es eine Doppelfolge mit den Teams aus Dortmund und München. Der erste Teil von „In der Familie“ geht unter die Haut und zeigt, warum die deutsche Krimireihe trotz Streaming-Sendern nicht totzukriegen ist.

Worum es ging Das Restaurant von Luca und Juliane Modica in Dortmund liegt verkehrsgünstig, aber nicht weil so möglichst viele Gäste kommen, sondern weil mehrere Autobahnen in der Nähe liegen. Nach Belgien, nach Berlin, nach Bayern – die Schnellstraßen dorthin liegen nur eine Auffahrt entfernt. Deshalb nutzt die Mafia das Restaurant der Familie als Umschlagplatz für Kokain, das in Tomatendosen versteckt ist. Eines Tages klettert auch ein Mann aus dem Transporter – er muss untertauchen, weil er in München einen Mord begangen hat: Pippo Mauro (Emiliano de Martino) bringt das Gleichgewicht in der Familie durcheinander. Denn Juliane weiß zwar, dass die Mafia ihrem Mann das Geld für das Restaurant gegeben hat und was jede Woche auf dem Hof hinter dem Haus umgeladen wird. Doch mit Pippo zieht das Böse in ihr Haus, sie kann die Augen nicht länger davor verschließen, in welche Geschäfte ihre Familie verwickelt ist. Als sich dann noch ihr Mann verändert und mit Pippo noch schmutzigere Geschäfte beginnt, ist sie ein leichtes Opfer für die Dortmunder Polizei. Kommissar Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt) ermitteln schon länger wegen des Drogenhandels, als Juliane Modica signalisiert, sich verkabeln zu lassen, damit die Polizisten belastende Informationen bekommen. Die Ermittler wähnen sich am Ziel, müssen aber ihren Tatverdächtigen vor den Kollegen der Münchner Polizei verteidigen. Denn Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sind nach Dortmund gekommen, um Pippo als Mörder eines Drogendealers festzunehmen.

Worum ging es wirklich? Um die Macht der Krake Mafia und um die Auswegslosigkeit ihrer Mitglieder. Der Verlockung des schnell verdienten Geldes erliegen viele, das Leben, das Luca mit seiner Familie führt, gestattet die Mafia ihm nur, so lange es ihr nützt. Mit vielem will Luca als „normaler Mann“ nichts zu tun haben. Pippo sagt zu Luca: „Weißt du, wie in Kalabrien ein normaler Mann genannt wird? Niemand gemischt mit nichts.“ Luca kann nicht mehr autonom agieren, Entscheidungen treffen andere für ihn – auch die schlimmste, die sein bisheriges Leben komplett zerstören wird. Der Film zeigt in schonungsloser Brutalität, wie groß der Einfluss der „Famiglia“ im Leben ihrer Mitglieder ist. Gehorsam ist alles, es gibt kein Entrinnen. Befehle kommen aus San Carlo, das im Abendrot getaucht als Fototapete im Restaurant hängt. Die Parallele zum realen San Luca, das als Hochburg der kalabrischen 'Ndrangheta gilt, ist offensichtlich: Eine Fehde in dem Bergdorf an Italiens Stiefelspitze war auch der Grund für die Mafiamorde von Duisburg, bei der sechs Italiener vor dem Restaurant „Da Bruno“ 2007 erschossen wurden.

Was war gut? Dominik Graf inszenzierte den ersten Teil von „In der Familie“ und mehrt damit seinen Ruf, den er in der „Tatort“-Szene genießt. Mit solch einer Spannung und menschlicher Nähe wird der „Tatort“ seine Bedeutung so schnell nicht verlieren –  Netflix und Amazon zum Trotz. Der Krimi blickt in eine fremde Welt, in der Normalität, Bürgerlichkeit und Grausamkeit so nah beieinander liegen. Klar ist auch, wie schwer sich der Staat tut, Einblicke in diese Welt zu bekommen, und wie wenig er Aussteigern – oder je nach Sichtweise Verrätern – bieten kann. Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) bringt es auf den Punkt: „Zeugenschutz ist doch Scheiße.“ Es ist ein neues Leben ohne Verbindungen, Beziehungen, Familie, immer in Todesangst. „Man kann nicht raus“, sagt Juliane. Und sie wird am Ende Recht behalten.

Der beste Satz „Das ganze Land besteht aus Autobahnen“, sagt Franz Leitmayr, als die Kollegenn Pippo bei einer Verfolgungsjagd verlieren. Und dabei stand der Münchner Kommissar noch nicht mal im berüchtigten NRW-Stau.

Wie stark ist die Mafia wirklich? Im Film fällt die Zahl von 44 Milliarden Jahresumsatz. Eine Recherche des süditalienischen Instituts Demoskopika, über die italienische Medien 2014 berichteten, ergab, dass die kalabrische Mafia damals etwa 53 Milliarden Euro im Jahr umsetzt und in etwa 30 Ländern aktiv ist. Die 'Ndrangheta sei damit wirtschaftlich so stark wie Deutsche Bank und McDonald's zusammen.  

Ein Abschied  Für Aylin Tezel, die 16 Mal die Dortmunder Kommissarin Nora Dalay spielte, ist nach acht Jahren mit dem ersten Teil der Doppelfolge „In der Familie“ Schluss. Die Schauspielerin steigt auf eigenen Wunsch aus der Reihe aus. Dalays letzter Satz richtet sich an Faber: Was machen Sie das nächste Mal, wenn Ihnen jemand bedingungslos vertraut?“, fragt sie. Ihr macht zu schaffen, dass der Staat der Familie keine Garantie für eine Zukunft ohne die Mafia geben kann. Für Tezel folgt die Österreicherin Stefanie Reinsperger. Ihr erster Fall mit neuem Team heißt „Heile Welt“.