"Tatort: Ein Tag wie jeder andere" - ein Wettlauf gegen die Zeit

Spannender „Tatort“ aus Franken : Wettlauf gegen die Zeit

In Bayreuth erschießt ein Rechtsanwalt jede volle Stunde einen Menschen – ein spannender und gelungener „Tatort“ aus Franken.

Ein gewöhnlicher Gerichtssaal – außergewöhnlich gut gefüllt vielleicht – im oberfränkischen Bayreuth. Es ist nicht kurz vor zwölf, das war den Autoren dann wohl doch zu platt, sondern kurz vor 14 Uhr. Während die Gegenseite vorträgt, steht der Rechtsanwalt Thomas Peters (Thorsten Merten), 51, Familienvater, auf, und richtet die Waffe gegen den Vorsitzenden Richter. Er zwingt ihn erst aufzustehen, dann, in Sichtweite des Fensters, sich hinzuknien. Peters schaut auf die Uhr, wartet darauf, dass es 14 schlägt, dann erschießt er den Richter. Beim Verlassen des Gerichts verabschieden sich die Justizangestellten namentlich bei ihm. Tschüss, Herr Peters.

Bei diesem „Tatort“ aus Franken, Titel: „Ein Tag wie jeder andere“, der fünfte mit den Kommissaren Paula Ringelhahn (Dagmar Menzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs), geht es folglich nicht um die Frage nach dem Täter. Der Zuschauer sieht bei der Tat zu, viele andere – der Gerichtssaal ist schließlich voll – tun dies auch. Es stellt sich die Frage nach dem Warum, und diese ist besonders drängend, weil Peters nämlich erneut zuschlägt. Diesmal um Punkt 15 Uhr, in einem Labor, es trifft eine Frau.

Die Kommissare Voss und Ringelhahn werden unruhig und hektisch, sie fragen sich, nicht zu unrecht, ob wohl um 16 Uhr der nächste Mord folgt. Man sieht die Kommissare mit ihren Assistenten an einem Kaffeetisch in der Kantine sitzen, und verfolgt eine obskure Debatte über frische Milch und eine noch obskurere Meta-Debatte über frische Milch als Smalltalk-Thema. Das ist ganz nett, ein bisschen irre vielleicht, weil „Tatort“-Kommissare im Allgemeinen und Kommissar Voss im Besonderen einen Hang zum Irrsinn haben. Aber lassen wir das.

Aus dem (leider bislang nicht verfassten) „Tatort“-Lexikon, vorderer Abschnitt, ergibt sich das Vorgehen der Ermittler. Ein Abgleich der Mordopfer, mögliche Zusammenhänge klären und dadurch auf potenzielle weitere Opfer schließen – der erfahrene Zuschauer kennt das. Das funktioniert in Bayreuth erfreulich unkompliziert, was vielleicht daran liegt, dass der Vorgesetzte sich aufs Schwadronieren beschränkt.

Herauskommt also, dass beide Opfer an einem Gerichtsverfahren beteiligt waren. Eine schwangere Frau hat wegen vergifteter Milch – kein gutes Smalltalk-Thema – ihr ungeborenes Kind verloren. Der Prozess sollte einen Landwirt dafür in die Verantwortung nehmen, doch dieser konnte dank einer Entlastungsregel im Gesetz den Kopf aus der juristischen Schlinge ziehen und wurde freigesprochen. Schlussendlich soll daher auch der Landwirt dran glauben, und zwar um Punkt 16 Uhr, während einer Wagner-Oper bei den Bayreuther Festspielen.

Nachdem der Rechtsanwalt vom ersten zum zweiten Mord mit dem Omnibus gereist war, wählt er zum dritten Tatort das Taxi. Er kann es nicht bezahlen, weshalb der Fahrer die Polizei ruft, und die Kommissare Ringelhahn und Voss wissentlich herbeieilen können. Der Mord am giftmischenden Landwirt kann noch verhindert werden. Das darf man gut und gerne verraten, weil bis hierhin erst 45 Minuten der Episode vorüber sind.

Nach der durchaus spannenden ersten Hälfte gelingt es den Autoren tatsächlich, den Bogen wieder neu zu spannen. Es entwickelt sich ein noch tieferes, größeres Drama um den völlig verzweifelten Drahtzieher der Mordserie (überragend gespielt von Stephan Grossmann), der auch und ganz wesentlich an dem Verfahren um vergiftete Milch beteiligt war. Dieser Mann hat nichts mehr zu verlieren, er ist ein Gebrochener, dessen Perfidie allerdings kaum beizukommen ist.

Ein Sonntagabendkrimi, der sich lohnt.

(her)
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