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Tatort "Borowski und der Fluch der weißen Möwe": Nachlese zum Fall aus Kiel

„Tatort“-Nachlese : Gut gebrüllt, Möwe!

„Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ mit Axel Milberg ist einmal mehr emotional eindrückliche Krimi-Kost aus Kiel. Ärgerlich ist nur, dass es dem Täter allzu leicht gemacht wird.

Worum ging es? Muster-Polizeischülerin Nasrin Erkmen (Soma Pysall) ersticht in einer Übung wie im Wahn ihren Kumpel Sandro. Bald wird klar, dass Nasrin schwer traumatisiert ist. Der Suizid ihrer ehemals besten Freundin Jule hat eine unterdrückte Erinnerung geweckt: Jahre zuvor hatte Nasrin einer Gruppenvergewaltigung nur auf eine perfide Art entkommen können: Indem sie Jule in die Fänge der Täter lockte.

Worum ging es wirklich? Um die verheerenden Folgen sexualisierter Gewalt einerseits – und ein Übermaß an jugendlicher Unbeschwertheit und Geltungsdrang andererseits. Sandro, Jahrgang 1997, ist ein Einzelkind aus gutem Haus; Vater Ingenieur, Mutter Lehrerin. Nach dem freiwilligen sozialen Jahr geht er zur Polizei. Offenbar aus Nervenkitzel dealt er dort mit Drogen. Als Nasrin sich ihren Freunden anvertraut, unterschätzen die eigentlich aufgeweckten drei Jungs das Geschehene kolossal. Sandro gefällt sich sogar so sehr in seiner Rolle als Tabubrecher, dass er im Rollenspiel bewusst eine Beleidigung der Täter von damals wiederholt.

Was war stark? Die Entwicklung von Nasrins Freund Tobias (Enno Trebs), dem sanften Riesen, der zum unwahrscheinlichen Rächer der einst vergewaltigten Jule wird. Und die Figur Leroy. Der junge Mann will ein loyaler Freund sein und für Gerechtigkeit sorgen – lädt aber darüber Mitschuld an zwei Morden auf sich. Dass Leroys Darsteller Stefan Hegli eigentlich Rapper ist (auch der Titelsong stammt von „Sero“), fällt nicht unangenehm auf – im Gegenteil.

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Was war schwach? An der Fleisch (und Feder) gewordenen Möwen-Metapher werden sich die Geister scheiden. Wirklich ärgerlich ist die Blauäugigkeit, mit der die Polizei im Film mit ihrem Azubi-Quartett umgeht. Weder nach dem schockierenden Suizid noch nach der Bluttat im Rollenspiel kümmert sich irgendjemand um Tobias und Leroy. Selbst an den Schießstand dürfen die beiden noch. Dort blickt Tobias dann tief in den Lauf seiner Waffe, bevor er sie (locker-flockig) klaut, um sich in Selbstjustiz zu üben. Ein bisschen schwerer hätte man ihm das um des Realismus willen schon machen müssen – aber sei’s drum.