Tatort aus Weimar: Der neunte Fall für Lessing und Dorn

Neunter „Tatort“ aus Weimar : Dieser Fall ist mehr als bloß unrealistisch

Im ihrem neunten Fall stehen die Ermittler selbst unter Mordverdacht. „Die harte Kern“ könnte auch in Münster spielen: Himmelschreiend unlogisch, aber flott und witzig.

Der Boss steht unter Schock. „Es gibt’n überraschendes Laborergebnis“, zischt Stich (Thorsten Merten). „Betrifft die Waffe, mit der Harald Knopp erschossen wurde.“ Dann übernimmt eine kühle Blonde (toll: Nina Proll), die Dorn duzt und Lessing fragt: „Wo ist eigentlich Ihre Dienstwaffe?“ Man ahnt Böses – für die Ermittler und in Hinblick auf die Qualität der nächsten 85 Minuten. Die beginnen nämlich tatsächlich mit einer Rückblende in eine unbeschwertere Zeit, als sich Dorn (Nora Tschirner) über den Fahrstil ihres Mannes mokiert: „Lessing, sind wir auf der Flucht?“ Weil die beiden im Verlauf des Films vor den eigenen Leuten werden fliehen müssen, Sie verstehen?

Vier Wochen zuvor hatten Lessing und Dorn einen schratigen Schrotthändler festgenommen, doch im schnellsten Mordprozess aller Zeiten wird Harald Knopp (Heiko Pinkowski) sensationell freigesprochen. Lessing (Christian Ulmen) ist außer sich; er war sich sicher, Knopp einen 15 Jahre zurückliegenden Mord nachweisen zu können. Aber Lessings Urteilskraft darf man suboptimal nennen – hält er es doch für klug, Knopp nach einem mysteriösen Anruf auf dessen Schrottplatz zu besuchen. Mitten in der Nacht. Völlig allein. Ohne seine Dienstwaffe.

Wer nach diesen zehn Minuten den Drang zum Ausschalten verspürt, ist entschuldigt. Das ist mehr als bloß unrealistisch, es ist grober Unfug. Kurzer Exkurs: „Grober Unfug“ war bis 1975 eine Straftat, bei der Tätern bis zu sechs Wochen Gefängnis drohten. Seitdem sind die diversen Schnapsideen, die darunter fallen, zur Ordnungswidrigkeit herabgestuft. Gemeint ist per Definition jede „grob ungehörige Handlung, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen“. Dass unterirdisch schlechte „Tatort“-Passagen diese Definition erfüllen, darf man getrost unterstellen.

Unterirdisch geht es nämlich weiter, denn in diesem Film tun die Protagonisten selten, was folgerichtig oder zu ihrem Besten wäre. Stattdessen richtet sich das komplette Geschehen an seinem Gag-Potenzial aus. Man ist versucht, Wetten darauf abzuschließen, wer es ist, der eher früher als später auf einer Banane ausrutscht – Lessing, Dorn, Kern oder Schupo Lupo?

Der Fairness halber sei aber auch gesagt: Wer sich von alledem einen vernüglichen Fernsehabend nicht verderben lässt, bekommt eine flotte Krimi-Komödie geboten, stark besetzt (siehe Infobox) und mit schnippisch-schnoddrigen Sprüchen noch und nöcher.

Weimar war mal Dada, beinahe Punk. Heute ist es eine Außenstelle der Wache Münster samt Rechtsmedizin von Thiel und Boerne.

„Tatort: Die harte Kern“, Das Erste, So., 20.15 Uhr

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