"Tatort" aus Berlin: Sorge um Ermittler Rubin und Karow

Nachlese zum Berlin-Tatort : „Tiere der Großstadt“ - Gut anzusehen, schön anzuhören

In Berlin scheint es schwer, glücklich zu werden. Zumindest leiden im „Tatort“ Ermittler und Täter. „Tiere in der Großstadt“ war poetisch, abgründig und ein wenig schroff.

Wer war’s Ein Mann liegt an der Berliner Gedächtniskirche tot in einem vollautomatischen Kaffee-Kiosk, in dem ein Roboter Cappuccino schäumt und anreicht. Der „Robista“ gerät kurz unter Mordverdacht. Dann gibt es eine zweite Leiche: Eine getötete Joggerin wird im Wald gefunden, ein Wildschwein war im Berliner Forst gewesen. Im Fall „Tiere der Großstadt“ diskutieren die Ermittler Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), wie Künstliche Intelligenz unsere Welt zum Guten und Schlechten verändert, und müssen am Ende feststellen, dass auch diesmal die Verbrechen aus Leidenschaft geschahen. Es war weder Tier noch Maschine: Die Partner der Getöteten waren verantwortlich – einmal direkt durch eine Roboterprogrammierung und einmal indirekt durch unterlassene Hilfeleistung. Und beide Täter müssen feststellen: Rache hilft nicht, heilt nicht, lindert nicht. „Man bekommt nicht das zurück, was man verloren hat“, stellt die Besitzerin des Kaffeeroboters und Mörderin fest.

Wie war’s? „Tiere der Großstadt“ war gut anzusehen, schön anzuhören, poetisch, abgründig und ein wenig schroff – det is Berlin. Dazu zwei Kommissare im emotionalen Ausnahmezustand. Ein Team sieht anders aus. Also gibt es noch genug interne Querelen für den neunten Fall.

Wer hat die Musik gemacht? Für den Soundtrack war Nils Frahm verantwortlich. Der Hamburger lebt mittlerweile in Berlin und gewann 2016 den Deutschen Filmpreis. Ausgezeichnet wurde seine Komposition für „Victoria“ mit dem Preis für die beste Filmmusik.

Die beste Szene Als Nina Rubin am Anfang von ihrem Sohn und Fahranfänger Tolja durch Berlin chauffiert wird, zeigt Meret Becker ihr komisches Talent. Wie sie ihn ständig ermahnt und auf Radfahrer, Autofahrer und Vorfahrtsregeln hinweist, ist schon witzig.

Der beste Dialog Karow zur Witwe des Mordopfers: „Sie haben sich um den Roboter gekümmert wie Eltern, dieser Roboter war wie ein Baby für Sie." Sie antwortet: „Baby, na ja. Auf jeden Fall muss man ihm alles nur einmal zeigen. Ich habe gehört, bei Kindern ist das nicht so. Die lernen langsamer." Karow: „Kinder kochen einem auch keinen Kaffee – habe ich gehört."

Was ist bloß los mit Karow? Der Berliner Ermittler ist in diesem Fall so ätzend wie lange nicht. Er mobbt Kommissarsanwärterin Anna Feil (Carolyn Genzkow) und zeigt sich besonders sensibel, als die Witwe des Opfers am Tatort eintrifft. Nach dem Blick auf die Leiche sagt sie: „Ja, das ist mein Mann.“ Darauf er: „Robista ist wie Barista – nur mit Roboter.“ Sensibel ist anders, und der Zuschauer hat das Wortspiel bis dahin auch sicher selbst verstanden. Nur zu einem alten Zeugen ist er sehr nett, hängt wahrscheinlich mit der Todeanzeige zusammen, die er bekommen hat.

Was ist bloß los mit Rubin? Um die Kommissarin muss man sich fast Sorgen machen: Sie ist verletzlich wie lange nicht. Sie vermisst ihre Familie und leidet unter ihrer Einsamkeit. Als sie einem Angehörigen die Todesnachricht überbringen muss, fängt sie an zu weinen. „Früher war es schlimm, heute es ist schlimmer. Meine Familie war wie eine schusssichere Weste.“ Sie geht ausnahmsweise sogar früh ins Bett. Und dann stürzt sie sich wieder ins Clubleben. Es scheint sehr schwer, in Berlin glücklich zu sein.

Wie wild ist Berlin eigentlich? Laut Zahlen der Umweltverwaltung aus dem Jahr 2017 ist zum Beispiel die Wildschwein-Population zurückgegangen – auf geschätzte 3000 bis 4000 Tiere. Vor zehn Jahren lag die Zahl in den Hochzeiten bei 8000 bis 10.000 Schweinen. Zu tödlichen Attacken kommt es bundesweit nicht so selten, häufig erleiden die Opfer schwere Verletzungen am Oberschenkel – so wie im Krimi auch gezeigt.

(mso)
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