Talk von Sandra Maischberger zur WM 2018: “Was hängen bleibt, dass wir von Mesüt Özil keine Antworten bekommen“

Maischberger-Talk zur Fußball-WM: „Es bleibt hängen, dass wir von Özil keine Antworten bekommen“

Die Fußball-WM beginnt, aber bisher kommt noch keine Euphorie auf. Stattdessen wird über das Erdogan-Foto von Özil und Gündogan diskutiert. Auch bei Maischberger. Offenbar ist die Debatte noch nicht beendet, auch wenn der DFB das gerne hätte.

Darum ging’s Am Donnerstagabend beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. 32 Mannschaften kämpfen um den Titel. Aber Gastgeber ist Russland, und das Land steht international in der Kritik - wegen der Annexion der Krim und der Unterstützung von Syriens Machthaber Assad. Schon lange sei eine WM politisch nicht mehr so aufgeladen gewesen wie diese, meint Sandra Maischberger und will von ihren Gästen wissen: „Kann die deutsche Mannschaft unter diesem Druck den Titel verteidigen?“

Darum ging’s wirklich Es war eine gemütliche Runde ohne Streit, weil sich Maischbergers Gäste in den meisten Punkten einig waren. Leider wollte die Moderatorin über zu viele Themen reden: über Russlands Auftreten in der Welt, das Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, den Videobeweis und auch den psychologischen Druck im Profi-Fußball. So blieb für die einzelnen Themen zu wenig Zeit, um in die Tiefe zu gehen. Es fehlten aber auch Gäste, die eine komplett andere Meinung zur Erdogan-Affäre oder dem Videobeweis vertreten hätten. Wahrscheinlich wollten alle einfach nur, dass die WM endlich losgeht

Die Mitspieler

  • Claudia Roth, B'90/Grüne, Bundestagsvizepräsidentin
  • Reinhold Beckmann, Sportmoderator
  • Toni Schumacher, ehem. Nationaltorwart, Vizepräsident des 1. FC Köln
  • Fritz Pleitgen, Journalist, ehemaliger WDR-Intendant
  • Marlene Lufen, Fernsehmoderatorin
  • Markus Merk, ehemaliger Schiedsrichter

Der Spielverlauf Maischberger will von ihren Gästen wissen, wie sie die Chancen der deutschen Mannschaft einschätzen. Dem ehemaligen Nationalspieler Toni Schumacher haben die Spanier und die Franzosen in den Vorbereitungsspielen am besten gefallen. Aber das Halbfinale sei für die deutsche Mannschaft Pflicht - und dann komme es auf die Tagesform an. „Das eigentliche Geheimnis ist, Männer sechs Wochen zusammenzuhalten, dass es friedlich bleibt“, sagt Beckmann. In Brasilien sei das gelungen, dank Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und auch Per Mertesacker, „die Mami der Kompanie“. Dieses Mal sieht er dagegen einen „Schatten“ über der Mannschaft, auch der ehemalige Schiedsrichter Markus Merk spricht von „Störfaktoren“ - sie meinen die Debatte um Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Damit wird es ernst in der Runde.

In Deutschland sind viele Menschen empört über die Fotos von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. „Ist die Wut der Fans nachvollziehbar?“, fragt Maischberger. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth spricht von einem „bescheuerten Foto“. Dennoch meint sie zur Kritik an Özil und Gündogan, „dass es jetzt mal reicht“. „Das sind tolle Spieler, die sollen sich in Ruhe vorbereiten können.“ Schumacher stimmt ihr grundsätzlich zu. „Aber es bleibt hängen, dass wir von Mesut Özil keine Antworten bekommen.“ Während sich Gündogan der Kritik stellt, schweigt Özil. „Das ist das, was die Leute zum Pfeifen bringt.“ Auch Pleitgen bedauert, dass „Özil nicht die Kraft aufgebracht hat, erklärende Sätze zu sagen“.

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„Es ist Wahlkampfzeit, da macht man dieses Foto nicht“

Merk fordert mehr Nachsicht mit den Spielern. Aus ihrem Umfeld sei womöglich Druck auf sie ausgeübt worden, den Termin mit Erdogan wahrzunehmen, türkischen Familien sei Heimat sehr wichtig. Beckmann ist dagegen enttäuscht, dass gerade Gündogan, den er anders kennengelernt habe, die Sache „so unreflektiert“ mitgemacht habe. „Es ist Wahlkampfzeit, da macht man dieses Foto nicht.“ Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) habe es dann aber nur noch schlimmer gemacht, als er die Diskussion für beendet erklärt habe. „Das mögen die Leute nicht.“ In Beckmann stecke aber auch ein Fußballfan, und dieser wünsche sich, „dass sich die Situation beruhigt“. „Ich bin sehr dafür, dass die beiden mitspielen.“ Pleitgen mahnt: „Wir sollten es nicht übertreiben. Wenn wir so weitermachen, kommen wir in eine nationalistische Haltung, dass wir von denen verlangen, die müssten singen.“

Damit geht es zum nächsten Punkt: Vor einem Länderspiel wird die Nationalhymne gespielt. Müssen Nationalspieler dann mitsingen? Jahrelang habe das niemanden interessiert, meint Maischberger und zeigt den Ausschnitt eines früheren Länderspiels: Während die Hymne läuft, steht der damalige Nationaltorhüter Toni Schumacher stumm da. „Ich habe die Zeit genutzt, um mich aufs Spiel vorzubereiten“, antwortet der heutige Vizepräsident des 1. FC Köln. Erst später in den 80er Jahren habe sich der DFB von den Spielern gewünscht, dass sie die Hymne mitsingen, das hätten sich die Deutschen damals von den Italienern abgeguckt. Seitdem singe er mit, auch heute noch. „Es ist ein schönes Gefühl.“ Auch Pleitgen findet es eine „schöne Geste“. Roth meint dagegen, dass auch Oliver Kahn nie mitgesungen habe, und Lufen wundert sich, „warum der Sport immer so mit politischen Forderungen überladen wird“. Die Fernsehmoderatorin vermisst die Leichtigkeit der WM 2006. „Wir haben wieder ein schwieriges Verhältnis zu unserem Land.“

„Ich bin dagegen, Sport als politische Waffe einzusetzen“

Die Runde wechselt zur nächsten politischen Debatte: Europa wirft Russland vor, dass es 2014 die Krim besetzt und damit Völkerrecht gebrochen hat. Außerdem unterstützt Putins Regierung Syriens Machthaber Assad. Sollte Deutschland deshalb der WM fernbleiben? Maischberger erinnert an die Olympischen Spiele 1980, die von westlichen Staaten boykottiert wurden, weil die damalige Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert war. „Ich bin dagegen, Sport als politische Waffe einzusetzen“, sagt Pleitgen. Er halte es für legitim, dass Putin mit der WM das Image seines Landes aufbessern wolle. Das habe Deutschland mit der WM 2006 auch getan. Er wirft dem Westen vor, dass dieser Russland kritisiere, aber dem Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht genug geholfen habe. Stattdessen habe die Nato osteuropäische Länder aufgenommen und sei näher an Russlands Grenzen herangerückt.

Pleitgen glaubt, dass durch den Sport eine Annäherung möglich sei. Der frühere WDR-Intendant erinnert daran, dass etwa nordkoreanische Sportler an den Olympischen Spielen teilgenommen haben - er sieht auch darin einen Grund für die Annäherung zwischen Nord und Süd. Beckmann dagegen meint, dass zwischen der russischen Regierung und der russischen Bevölkerung unterschieden werden müsse. Die Menschen freuten sich auf das Turnier. „Es ist ihre WM.“ Ihnen will niemand aus Maischbergers Runde das Turnier wegnehmen - und sich selbst wohl auch nicht. Schließlich freuen sich auch in Deutschland viele Menschen auf die WM.

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