RTL-Castingshow: Supertalent zum Knicken

RTL-Castingshow : Supertalent zum Knicken

Düsseldorf (RPO). So viel Schrecken wie in der jüngsten Ausgabe des Supertalents war bislang selten. Ein Entfesslungskünstler ließ das Publikum die Hände vors Gesicht schlagen, die stärkste Frau der Welt stemmte Bohlen in die Luft und ließ die Frauen kreischen. Schade, dass das Format nicht davon lassen will, auch weiterhin Menschen bloßzustellen. Dabei war am Samstag sogar Erhabenes zu sehen.

Die Ausgabe am Samstag begann mit einem optischen Kracher. Auf den türkischen Hüpf-Papa Hasan Baba folgt der ungarische Entfesslungskünstler David Merlini, der dem deutschen Publikum eine monumentale Show vorstellt. Das war weniger hoffnungsfrohes Talent als ein Möchtegern-Showspektakel Marke Las Vegas. Der gute Mann ließ sich als Eisblock auf die Bühne bringen, angeblich seit 20 Stunden eingefroren, angeblich bei minus 30 Grad.

Feuer und Eis Ein paar freundliche Handwerker holten den Ungarn mit Hilfe von Motorsäge und Feuerwerk aus dem Gefrierschrank. Erschöpft und ein bisschen blöd guckte der in die Kamera und die Augen der Juroren. Offene Münder (Motsi!) in der Jury, Kreischen und Staunen im Publikum. So viel Angst und Schreck weidet die Regie genüsslich mit dramatischer Musik, Schwarz-Weiß-Bildern und Zeitlupen aus. Und trotzdem: Den abgezockt dauerkritischen Profi Dieter Bohlen ließ das Ganze kalt. "Hat mich nicht überzeugt", sein kühle Resummée. Irgendwie habe er immer Zweifel bei solchen Nummern.

Optisch hatte das Supertalent damit dennoch einen gelungenen Auftakt. Das Format hat sich routiniert auf einem gelungenen Mix eingeschaukelt aus Spektakel, Gefühl und Überraschung. Dabei weiß freilich jeder: Eine Chance auf einen Sieg hat am Ende nur ein sympathischer Typ mit Außenseiterbonus, der bitteschön als "Normalo" durchgehen können muss. Dass für einen Abend auch Profis mitmachen dürfen, stört nicht und macht die Show am Ende nur unterhaltsamer.

Eine gelungene, runde Mischung Entsprechend nett geriet auch an diesem Samstag wieder einmal der Mix. Dass sich nach fünf Staffeln die Dinge wiederholen - geschenkt. Schade bleibt nur, dass RTL wohl in seinem Mix nicht darauf verzichten will, Menschen immer wieder nach demselben Muster bloßzustellen. Das Muster bleibt dabei gleich: Bedauernswerter Möchtegernkünstler hält sich für den Größten, ist dabei aber für jeden sichtbar einer groben fehleinschätzung aufgesessen. Hach, peinlich.

Selbst für die, die sich daran ergötzen, wird das irgendwann langweilig. Nur noch die Namen ändern sich. An diesem Samstag war es halt eine Frau namens Annika, die mit Bumm-Bumm-Schlager-Techno zur Meldodie von den blauen Bergen um die Ecke kommt und dann auch noch mit verkorkstem Lächeln Bohlen "Du bist schon ein geiler Hamster" zuruft. Die Jury feiert, das Publikum feixt. Später gab es das mit dem strippenden Bauarbeiter Lothar aus Hannover noch einmal als männliche Ausgabe.

Die Sache mit der Stange Flotter und fröhlicher kam da schon die Polin Aneta Florczyk — die nach eigenem Bekunden stärkste Frau der Welt. Zum Einstieg stemmte sie mal eben die beiden Jurorinnen auf einem Gestell und drehte sich mit ihnen durch die Gegend. Sylvie und Motsi nahmen das zum Anlass, verschreckt zu gucken und leise zu kieksen. Später untermauerte sie ihren Titel als Weltmeisterin im Männerstemmen. Bohlen - ein Leichtgewicht.

Dass Aneta nicht weiterkam, mag an dieser seltsamen Sache mit der Stange gelegen haben. Denn auch Motsi schaffte es locker, das metallen Rohr mit beiden Händen über den Kopf zu knicken und umzubiegen. "Hierher kommt die Kraft", sagt die stolze Jurorin und zeigt auf ihren Busen.

Der gemeinste Spruch Den gemeinsten Bohlenspruch musst sich wohl Schlagersänger Mario Hammer anhören. Mario Solo nennt sich der gedrungene 36-Jährige mit der Halbglatze. Er versuche mit seinen Liedern das ein oder andere Herz der Damenwelt zu erobern, erklärt er. Und schmettert zum Ballermann-Beat "Man kann nicht immer nur siegen", manchmal mehr, manchmal weniger nah am Zielton. "Für mich kommst du wie die Reste von Mike Krüger", haut ihm Bohlen dann um die Ohren. Der Titel spreche doch für sich. "Das heißt doch schon 'Ich bin ne Pfeife'. Mario zahlte bitteres Lehrgeld.

Glücksgefühle aus Wien Eine wunderbar freudige Stimmung zimmert hingegen der Wiener Beatboxer Michael Krappel in den Saal. Der 26-Jährige baute in seiner Show mit selbst im Mund produzierten Geräuschen einen ganzen Song mit einer Loopstation auf, einem Gerät das alles, was Michael einsingt, sofort ausspielt. So baut sich Element um Element ein ganzer Song auf. Die Stimmung erinnerte in den besten Momenten an einen grundentspannten Bobby McFerrin. Noch während der Nummer gab es stehende Ovationen.

Der Tänzer auf Krücken Auf die Tränendrüse drückte die Regie bei Dergin Tokmak — einem Akrobat auf Krücken. Seine Beine kann er nicht mehr gebrauchen. Kinderlähmung. Anfangs erzählte der Kandidat aus seiner Kindheit in der Türkei, wo er nicht geheilt werden konnte. Das Bedienen von Emotionen wäre gar nicht nötig gewesen. Die Show auf der Bühne erwies sich als mitreißend: Dergin rotiert, tänzelt, schwebt und scheut auch vor einem Handstand auf Krücken nicht zurück.

Berührendes Schattentheater Einen bleibenden Eindruck hinterließ auch Harald Fuß mit seinem Kölner Schattentheater. Mehre Künstler formten hinter einer Leinwand Figuren und Szenen. Nur mit ihren Silouetten erzählten sie eine Liebesgeschichte, stellten in Sekundenschnelle mit ihren Körpern Tische Stühle, ganze Straßen und sogar lebendige Landschaftsszenen nach. Einer der seltenen erhabenen Momente im Supertalent. schönen Motsi stellt fest: Das hat alle berührt. Und für Künstler ist das etwas sehr sehr schönes.

Zwei süße, smarte Sänger Um den guten Mix abzuschließen gaben sich im Supertalent auch wieder einmal hoffnungsvolle Gesangstalente die Ehre. Den stärksten Eindruck hinterließ dabei Altenpfleger Sascha mit einer einfühlsamen Version eines Hits von "30 Seconds to Mars" am Klavier. Dass Bohlen ihn als "profi-mäßig" beurteilte, ist dabei im Hinblick aufs Finale nicht unbedingt ein Vorteil.

Die deutsche Miley Cyrus Ob es denn die süße Fabienne (15) aus Dormagen weiterbringt? Die 15-Jährige erschien als kleiner Mädchentraum in pink und blond. Schon im vergangenen Jahr war sie dabei, flog aber vor dem Finale raus. Nun unternahm sie einen weiteren Anlauf. Mit Erfolg. Die Jury belohnte ihren Fleiß mit einen dreifachen "ja".

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