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Umbrella Academy: Netflix zeigt Serie nach Comicbuch von Gerard Way

„Umbrella Academy“ : Diese neuen Superhelden bei Netflix sind düster, witzig und abgedreht

Ab dem 15. Februar zeigt Netflix mit „The Umbrella Academy“ eine Comic-Verfilmung, die nichts mit den großen Marvel-Reihen verbindet. Es ist eine der besten Superhelden-Serien der vergangenen Jahre.

Probleme in der Familie sind nichts Seltenes. Vor allem nicht in Großfamilien. Doch in „Umbrella Academy“ ist alles noch etwas komplizierter: Es beginnt 1989, als weltweit 43 Frauen binnen Minuten aus dem Nichts heraus schwanger werden und Kinder zur Welt bringen. Sieben dieser Babys werden adoptiert. Von dem exzentrischen Milliardär, Erfinder, olympischen Goldmedaillengewinner und Nobelpreisträger Sir Reginald Hargreeves (Colm Feore).

Und zumindest sechs der sieben Kinder haben übernatürliche Fähigkeiten: Luther (Tom Hopper) beispielsweise ist außerordentlich stark. Diego (David Castaneda) hat unglaubliche Reflexe. Allison (Emmy Raver-Lampman) dagegen kann jeden Menschen mit ihrer Stimme beeinflussen - wenn sie sagt, dass sie „ein Gerücht gehört hat ...“. Das ist der Stoff aus dem Superhelden sind. Nur leider wachsen die Kinder in einer mehr als dysfunktionalen Familie auf: Ihr strenger Adoptivvater ruft sie nur mit Nummern - in der Reihenfolge ihrer Entdeckung. Luther ist für ihn darum nur „Eins“, Diego die „Zwei“.

Herzenswärme oder Zuneigung zeigt er dagegen nie. Dafür ist „Mutter“ Grace (Jordan Claire Robbins) zuständig: ein liebevoller Roboter, der wie eine menschliche Frau gebaut ist und den Kindern echte Namen gibt. Auch der Butler Pogo (Adam Godley) kümmert sich um die Sieben. Der ist ein hochintelligenter Schimpanse und zugleich sehr mitfühlend. So gleicht er ein wenig das aus, was Hargreeves seinen Zöglingen antut: Er trainiert sie streng, um ihre besonderen Fähigkeiten auszubilden. Dann setzt er die Jugendlichen als Superhelden-Team, die Umbrella Academy, ein, um weltweit Gefahren zu bannen. Wie Popstars dominieren sie so die Schlagzeilen. Die kalte, distanzierte Art von Reginald Hargreeves aber hinterlässt tiefe emotionale Narben in der Psyche der Kinder.

Die Serie beginnt mit dem Tod des verhassten Adoptivvaters, der alle Kinder nach vielen Jahren wieder zusammenbringt. Die sind indes längst erwachsen geworden, leben ihre eigenen, oft verkorksten Leben und haben sich in den meisten Fällen von ihrer „Familie“ losgesagt. Zumal einer der Sieben bei einem Einsatz gestorben und ein anderer auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Nur „Nummer Eins“, Luther, ist seinem Vater treu geblieben - auch wenn er dafür einen hohen Preis bezahlt hat.

Natürlich endet diese erste Familienzusammenkunft nach vielen Jahren in einem Desaster. Dafür gibt es zu viele unbewältigte Konflikte und tief sitzende Wunden. Und es wird nicht besser, als der verschollen geglaubte „Nummer Fünf“ (Aidan Gallagher) plötzlich zurückkehrt - aus der Zukunft. Er sieht immer noch aus wie der 14-Jährige, der er zum Zeitpunkt seines Verschwindens war. Tatsächlich aber ist er bereits über 50 Jahre alt und zu einem Auftragsmörder geworden. Allerdings hat er auch die Apokalypse gesehen, die in wenigen Tagen über die Welt hereinbrechen wird. Natürlich will der arrogante, herablassende Fünf, der durch Zeit und Raum springen kann, das Ende aufhalten. Nur leider vertraut er seinen Adoptivgeschwistern zunächst nicht, die er für zu dumm und unfähig hält. Es dauert, bis aus der dysfunktionalen Familie tatsächlich eine Art Team wird.

Das alles klingt so verrückt, wie es ist - und ist bei Weitem nicht so abgedreht wie die Comicvorlage von Gabriel Bá (Illustration) und Gerard Way, der die Story geschrieben hat. Bekannter ist der als Sänger und Mitbegründer der Punkrock-Band „My Chemcial Romance“, die 2006 mit dem Konzept-Album „The Black Parade“ ihren größten Erfolg feierte. Way wollte indes schon als Teenager vor allem Comicbücher verfassen und lebt nun seine Leidenschaft aus - auch mit „Umbrella Academy“. In der gezeichneten Vorlage folgt einem intensiven, prägnanten Bild das nächste. Seine Geschichte erzählt das Buch dafür etwas sprunghaft, es nimmt sich viel Zeit für Nebenhandlungen und charakterisiert die Figuren vor allem zwischen den Zeilen oder Bildern.

Die Serie dagegen geht einen anderen Weg. Man verzichtet auf die vielen zu fantastischen Elemente und Erzählungen. Die Netflix-Umsetzung folgt dafür nur einem roten Storyfaden, der mit seinen Windungen spannend inszeniert wird. Vor allem aber hat die Netflix-Umsetzung aus den Figuren mehrschichtige Charaktere gemacht. Und die wachsen einem mit der Zeit tatsächlich ans Herz - selbst Figuren wie der drogensüchtige Klaus oder Nummer Vier (Robert Sheehan), der anfangs nicht sehr sympathisch wirkt. Mit der Zeit versteht man aber, wie sehr er unter seiner Fähigkeit leidet, mit Toten reden und sie sehen zu können. Zumal sein Adoptivvater ihn als Jungen mitleidlos über mehrere Tage in eine Gruft sperrte, um seine Begabung zu entwickeln.

Selbst das eine Kind, das keine Begabung hat, litt unter der Erziehung: Vanya oder Nummer Sieben war immer eine Ausgestoßene in der Familie, weil sie eben anders als ihre Adoptivgeschwister „nur gewöhnlich“ ist. Ellen Page spielt sie als unscheinbare Erwachsene, als Mauerblümchen, das ständig Pillen schluckt. Die depressive Grundstimmung und der Glaube daran, für alle eine Enttäuschung zu sein, steht ihr ins Gesicht geschrieben. Nur dezent deutet sie an, dass mehr in ihr schlummert. Wenig überraschend entwickelt sie sich dann im Lauf der Geschichte. Im Gegensatz zum Rest der Story ist das zwar sehr vorhersehbar, aber es ist dennoch bewegend inszeniert.

Die Serie wird von der Liebe zu jedem der Charaktere getragen, die alle ihre Momente haben. Selbst Nebenfiguren wie das Killer-Duo Cha-Cha (Mary J. Blige) und Hazel (Cameron Britton) wirken eher wie gestresste Angestellte, die ihre eigenen Probleme haben. Untermalt wird das von stets passenden Rock- und Poptiteln. Am Ende mündet es in eine mitreißende Version des „Simon & Garfunkel“-Klassikers „A hazy Shade of Winter“, die Gerard Way mit einer eindringlichen Stimme gleich selbst singt.

Nach erfolgreichen, aber eingestellten Serien wie „Daredevil“ scheint Netflix etwas erkannt zu haben: Das Comicbuch-Universum besteht nicht nur aus Marvel oder DC. Abseits der bekannten Pfade gibt es noch andere großartige Geschichten und Serien. „Umbrella Academy“ ist ein Beispiel für die gelungene Adaption einer komplexen Comicbuch-Vorlage – ohne sie mit Füßen zu treten oder zu verdrehen. Vielmehr wird sie dadurch bereichert. „Umbrella Academy“ ist so eine der besten Superhelden-Serien bislang geworden.

Die Comicbände zu „Umbrella Academy“ sind in Deutschland als Hardcover beim Label „Cross Cult“ erschienen.