"Stranger Things" Staffel 3 auf Netflix: Die Kindheit ist endgültig vorbei

Serienkritik zur dritten Staffel „Stranger Things“ : Die Kindheit ist endgültig vorbei

Seit den ersten Folgen begeistert „Stranger Things“ mit dem Charme der 80-er und diverser Mysteryserien. Die dritte Staffel geht neue Wege. Die Serie wird wie ihre Helden langsam erwachsen. Achtung Spoilergefahr.

Als „Stranger Things“ von Matt und Ross Duffer vor drei Jahren ein Überraschungserfolg für Netflix war, ging es um vier Freunde auf Fahrrädern. Es erinnerte an die Werke von Steven Spielberg, ein wenig an den Film „Alien“ und an die Romane von Stephen King. Die zweite Staffel war immer noch spannend, sie trat aber inhaltlich auf der Stelle. Und in der dritten? Da bewegen sich die Duffer-Brüder weit weg vom Spielberg-Charme. Und das tut der Serie gut.

Vieles hat sich in Hawkins verändert: Ein Einkaufszentrum hat die Kleinstadt-Idylle zerstört und ließ verwaiste Läden zurück. Steve Harrington (Joe Keery) ist nicht mehr der heiß begehrte Teenie-Schwarm von der Highschool, sondern arbeitet in einer Eisdiele. Sein Charme ist dahingeschmolzen und er muss sich die bösen Spitzen seiner Kollegin Robin (Maya Hawke) gefallen lassen.

Die einst verschworene Gruppe der Hauptdarsteller ist zudem auseinandergebrochen. Die ersten Risse deuteten sich schon in der zweiten Staffel an. Nun aber kehrt Dustin (Gaten Matarazzo) von einem Wissenschaftscamp alleine zurück, auf dem er ohne seine Freunde war. Eleven (Millie Bobby Brown) und Mike (Finn Wolfhard) sind ein Paar, lassen sich in bester Manier einer Teenager-Romanze nicht mehr los und ignorieren alle anderen. Sehr zum Leidwesen von „Elvies“ Adoptivvater Sheriff Hopper (David Harbour). Und auch Lucas (Caleb McLaughlin) und Max (Sadie Sink) haben zueinandergefunden, streiten sich, trennen sich und finden wieder zusammen.

War früher die Gruppe der Anker- und Schwerpunkt ihrer Leben, driften die Freunde nun auseinander. Nur Will (Noah Schnapp) versucht verzweifelt, an der Vergangenheit festzuhalten und alle zu dem Rollenspiel „Dungeons & Dragons“ zu überreden – so wie einst und wie in den ersten beiden Staffeln. Die anderen haben indes weder Zeit noch Lust dazu. Will steht da stellvertretend für die Fans, die den Zauber der ersten Staffel vermissen. Aber er ist auch ein traumatisierter Junge, der nach den Ereignissen verzweifelt an dem festhalten möchte, was für ihn Normalität bedeutet.

Netflix: So gut ist die Serie "Stranger Things"

Erst recht, als Will erneut das Ziehen in seinem Hinterkopf spürt: Das Böse von der anderen Seite kehrt zurück nach Hawkins. Magnete verlieren ihre Wirkung, der Strom fällt aus, Ratten spielen verrückt. Der Schrecken wird aber nicht mehr langsam aufgebaut. Die Inspirationen sind nun die Horror-Klassiker von George Romero und John Carpenter oder die Neuverfilmung von „Der Blob“ aus dem Jahr 1988. Und den Filmen folgen die Duffer-Brüder auch bei der Darstellung des Schreckens, die drastischer ausfällt als in den Staffeln zuvor. Was immer in unserer Welt noch übrig ist vom „Mind Flayer“: Es beginnt von Menschen und Tieren Besitz zu ergreifen, sie zu verändern, um sie am Ende zu vereinnahmen. Buchstäblich.

Der wahre Grund indes, warum der „Mind Flayer“ zurückkehrt, liegt unter dem Einkaufszentrum: Dort bauen sowjetische Spione die Versuchsanlage nach, die bereits zuvor das Tor zur anderen Seite aufgestoßen hatte. Es ist eine skurrile Idee der Duffer-Brüder, dass Kommunisten in den USA ein urkapitalistisches Konsumzentrum hochziehen, um ihre wahre Absichten zu verschleiern. Aber es funktioniert im Rahmen der Serie.

Zumal Dustin dahinter kommt, als er zufällig eine sowjetische Nachricht mit seinem selbst gebastelten „Über-Funkgerät“ empfängt. Damit wollte er eigentlich nur seine Liebschaft aus dem Wissenschaftscamp kontaktieren. Ja, auch er wird erwachsen. Und zusammen mit Steve, Robin und Erica (Priah Ferguson), der selbstbewussten Schwester von Lucas, erlebt Dustin sein eigenes Abenteuer im Kampf gegen die Sowjets in den USA, das ein wenig an dem Film „Die rote Flut“ (1984) erinnert. Der russische Agent Grigori (Andrey Ivchenko) dagegen ähnelt nicht nur Arnold Schwarzenegger, er wirkt auch in seiner Erbarmungslosigkeit wie der T-800 aus „Terminator“ (1984): Er verfolgt Sheriff Hopper und Wills Mutter Joyce (Winona Ryder), die zufällig auf einen sowjetischen Wissenschaftler gestoßen sind und ihn entführt haben.

Es ist die große Kunst der Duffer-Brüder die drei Erzählstränge im Griff zu haben, am Ende zusammenzuführen und ihre Geschichte sehr dicht zu erzählen: Die acht Episoden decken einen Zeitraum von nur zwei Tagen ab. Aber gerade dadurch gewinnt alles an Tempo und Intensität. Zumal die Duffer-Brüder dennoch nicht auf die großartigen witzigen Momente und verbalen Schlagabtausche verzichten, die den Charme der Serie ausmachen. Oder auf verrückte Ideen: In einer dramatischen Szene spielt plötzlich das Lied „Neverending Story“ aus dem Film „Die unendliche Gesichte“ (1984) eine wichtige Rolle. Da leben die Duffer-Brüder ihr Nerd-Dasein aus. Ebenso mit dem egoistischen, selbstsüchtigen Bürgermeister von Hawkins, der von Cary Elwes gespielt wird: Der stellte in dem Nerd-Kult-Klassiker „Die Braut des Prinzen“ (1987) das genaue Gegenteil dar.

Neben diesen Details behalten die Duffer-Brüder aber ihr Gesamtkonstrukt immer im Blick: In jeder der drei Teilgeschichten entwickeln sich die Charaktere weiter. Und sie entdecken ein Stück des Puzzles, das am Ende ein Bild ergibt. Dann, wenn sich alle im Einkaufszentrum treffen und den Kampf aufnehmen gegen den „Mind Flayer“. Und gegen die Sowjets. Deren Experiment ist der Schlüssel zum Sieg über die Kreatur, die ein Ziel hat: Sie will in unserer Welt Fuß fassen, nachdem „Elvie“ in der ersten Staffel das Tor zum ersten Mal geöffnet hatte. Er hat zudem das Mädchen mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten als Hauptbedrohung identifiziert, die er töten möchte – nebst ihren Freunden. Danach erst wäre die ganze Menschheit dran.

Wir reden nicht mehr über Monster wie in den ersten Staffeln, sondern über etwas sehr Intelligentes mit einem düsteren Plan. Und im Kampf gegen ihn finden die Freunde wieder zusammen. Die Serie baut in der dritten Staffel geschickt auf ihren Wurzeln auf, aber sie lässt die Vergangenheit dafür hinter sich: In einer Szene fährt Wills Schwester Nancy (Natalia Dyer) voller Hektik die Fahrräder der Jungen kaputt. Die Kindheit ist endgültig vorbei. Der Kampf wird intensiver, und es steht von Staffel zu Staffel immer mehr auf dem Spiel.

Achtung Spoilergefahr

Tatsächlich verlangt der Sieg dieses Mal Opfer. Sheriff Hopper verschwindet, als Joyce im letzten Moment das Tor schließt. Vieles deutet darauf hin, dass er tot ist. Aber am Ende scheint in einem sowjetischen Labor ein Amerikaner gefangen zu sein, der indes nicht gezeigt wird. Dafür sehen wir, dass die Russen die Experimente fortsetzen.

Sams Bruder Billy (Dacre Montgomery) indes geht den Weg von „Darth Vader“ in „Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983): Der sadistische und brutale Schläger wird vom „Mind Flayer“ früh übernommen und verfällt der dunklen Seite. Am Ende aber beschützt er „Elvie“ und opfert sich für sie. Denn sie erinnert ihn an seine glücklicheren Kindheitstage mit seiner Mutter – als er noch voller Hoffnung und nicht verdorben war.

Elvie selbst scheint dagegen ihre Kräfte verloren zu haben. Ob es an dem Parasiten lag, den der „Mind Flayer“ ihr eingesetzt hatte oder ob sie traumatisiert ist, wissen wir nicht. Aber nach dem Tod ihres Adoptivvaters lebt sie jetzt bei Joyce und Will. Und erneut wird die Gruppe auseinandergerissen, weil Joyce mit ihren Kindern aus Hawkins wegzieht. Zu viele schlechte und düstere Erinnerungen sind mit der Stadt verbunden. Die dritte Staffel endet mit traurigen, tränenrührenden Abschieden und einem Versprechen des Wiedersehens.

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