1. Panorama
  2. Fernsehen
  3. Streaming

Serienkritik: Die Netflix-Serie "King Of Stonks" spielt in Düsseldorf

„King Of Stonks“ bei Netflix : Diese Serie ist das deutsche „Dallas“

Die Hochstapler-Serie „King Of Stonks“, die in Düsseldorf spielt, ist eine bittere und hochkomische Abrechnung mit der Finanzwelt. Die Macher von „How To Sell Drugs Online (Fast)“ orientierten sich am Wirecard-Skandal. In der Hauptrolle ist Matthias Brandt eine Wucht.

In einer der besten deutschen Serien aller Zeiten, „Kir Royal“ von Helmut Dietl aus dem Jahr 1986, wirbt ein nur kurz zu sehendes Banner in den Straßen Münchens für eine neue TV-Produktion. „Düsseldorf – das deutsche Dallas. Geld, Sex, Macht“ heißt sie. Und man dachte damals schon, dass so etwas unheimlich toll sein könnte, das stellte man sich süffig vor, Champagner, Chi-Chi und Chanel. Nun, 36 Jahre später, geht der Wunsch in Erfüllung. Es ist zwar nicht klar, ob Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann „Kir Royal“ gesehen haben. Man sollte es aber annehmen. Ihre Netflix-Serie „King Of Stonks“ darf jedenfalls als deutsches „Dallas“ gelten.

Die sechs Folgen der ersten Staffel spielen also in Düsseldorf, und sie erzählen eine Geschichte, in der man Aufstieg und Fall der Firma Wirecard erkennt, wobei das Unternehmen, um das es dabei geht, Cable Cash heißt und „Ähnlichkeiten mit anderen Finanzskandalen rein zufällig seien“. Im Mittelpunkt stehen zwei Typen, die zwar kriminell sind, aber nicht uncharmant. Und das eigentliche Wunder dieser Serie ist denn auch, dass die breitbeinigen Testosteron-Jungs Magnus A. Cramer und Felix Armand zunächst sogar irgendwie liebenswert wirken, wenn sie ihre Anleger und den deutschen Staat mit entwaffnender Unverschämtheit und viel Schmäh betrügen, indem sie „cloudbasiertes Digitalpayment“ anbieten.

Das Tempo der Produktion ist hoch, man kann sie sich als Mischung aus dem Börsenfilm „Wolf Of Wall Street“ und 90er-Jahre-Hip-Hop-Videos vorstellen, angereichert um kurze Erklärgrafiken mit Lehrerstimme aus dem Off wie in den Kindernachrichten sowie über den Bildschirm zuckende SMS und Chatverläufe. Es ist ein Korrespondentenbericht aus dem Fegefeuer der Eitelkeiten, die Hauptfiguren tragen Hoodie zur Anzughose von Boss.

Die desillusionierte Grundannahme dieser von Folge zu Folge bitterer werdenden Gegenwartssatire besteht darin, dass Idioten die Welt regieren und nur die Allgierigsten es nach ganz oben schaffen. „Der Elon“ schwebt denn auch wie ein Schutzheiliger über allen Aktivitäten, gemeint ist natürlich Elon Musk, er liefert das Role Model des wahnsinnigen CEO, dessen kurzer Entwicklungsroman mit dem Satz „Die Aktie ist unser Produkt“ beginnt und mit „Die Aktie bin ich“ endet.

Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann haben jahrelang mit Jan Böhmermann gearbeitet, als Studenten produzierten sie Einspieler für die Harald-Schmidt-Show, und Netflix bescherten sie den Hit „How To Sell Drugs Online (Fast)“. Sie haben ein Händchen für Themen der unmittelbaren Gegenwart. Sie schaffen es, Figuren anhand ihrer Sprache zu entlarven: Wenn sich CEO und COO Sätze wie „Wenn man’s lösen kann, ohne jemanden umzubringen, ist es kein Problem“ im Großraum-Büro zuwerfen, weiß man schon Bescheid. Und: Die Macher können Casting. Matthias Brandt ist als zähnefletschender Magnus A. Cramer eine Wucht. Seine gemeinsten Scherze garniert er mit einem schnarrenden Geräusch, für das er das Zäpfchen in der Kehle flattern lässt – man will sich immerzu schütteln. Er ist auf eine darstellerisch so edle Art widerlich und in der offensichtlichen Überzeichnung so realistisch, dass sich andere Schauspieler wahrscheinlich zumindest unterbewusst bei der Anlage ähnlicher Figuren auf Jahre hinweg daran orientieren werden. Sein Kompagnon Felix Armand ist mit Thomas Schubert als nagelkauender Stoiker ebenfalls großartig besetzt.

  • Auf Netflix : Südkoreanische Serie „Squid Game“ wird zur Reality-Show
  • Die Queen ist für ihre Liebe
    Auch dank Netflix-Serie : Queens liebste Hunderasse wieder auf dem Vormarsch
  • Kurzer Teaser veröffentlicht : Netflix kündigt zweite Staffel von „Squid Game“ an

Regie führt der in Düsseldorf geborene und aufgewachsene Jan Bonny, der mit Brandt schon mehrfach zusammenarbeitete, unter anderem im „Polizeiruf“. Seine Inszenierung hat etwas von einem Computerspiel: Den Aufstieg der Firma stören immer wieder Leute wie ein findiger Wirtschaftsjournalist, eine Aktivistin, die an Luisa Neubauer erinnert, und eine Shortsellerin, die auf fallende Kurse wettet und zeigt, dass Klugheit vielleicht doch noch ein bisschen gefährlicher ist als Dreistigkeit. Alle müssen umrundet, verdrängt oder aus dem Weg geschafft werden.

Die Wirecard AG mit Sitz war ein börsennotierter Zahlungsabwickler und Finanzdienstleister. Wirecard bot Lösungen für elektronischen Geldverkehr, Risikomanagement und die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten an. Im Juni 2020 meldete Wirecard Insolvenz an, es hieß, es „fehlten“ 1,9 Milliarden Euro. Der Vorstandsvorsitzende Markus Braun trat zurück und wurde später verhaftet. Der frühere COO Jan Marsalek tauchte unter und wird von der deutschen Polizei mit einem internationalen Haftbefehl wegen Betrugs gesucht. Die Insolvenz löste einen politischen Skandal aus. Dieser Fall bildete die Vorlage für „King of Stonks“, aber es weht auch das Aroma ähnlich gelagerter Skandale wie die österreichische Ibiza-Affäre hinein. Im Grunde geht es um toxische Männlichkeit und Selbstverliebtheit, um eine Gesellschaft, in der erst fast zwei Milliarden „fehlen“ müssen, bis mal jemand nachfragt. Man begreift diesen pessimistischen Grundbass spätestens in Folge drei, und dann wundert man sich, wie es sein konnte, dass man Sympathien hegen konnte für diese Betrüger-Figuren.

Vielleicht liegt es daran, dass „King of Stonks“ (der Titel zitiert übrigens ein anderes Helmut-Dietl-Werk, die Hochstapler-Komödie „Schtonk!“) so lustig ist, wie man es von deutschen Produktionen nicht kennt. Eva Löbau als Digitalministerin, die sich zu Sätzen wie „Deutschland kann mehr als Datenschutz“ hinreißen lässt, ist ein Hammer. Schön ist auch die melancholische sizilische Mafiafamilie, die ihr Geld in Müllsäcken hortet und darunter leidet, nicht längst schon auf digitalen Finanzverkehr umgestellt zu haben. Und besonders wunderbar sind jene Momente, in denen Teambuilding-Maßnahmen schiefgehen. Einmal werden die Mitarbeiter mit Fragen angestachelt, die sie schnell beantworten sollen. Nur als die Frage „Was sind sie Werte von Cable Cash?“ kommt, bleibt es still. Etwas müde klischierte Figuren wie die Pornounternehmer „Die Hermänner“ sind die Ausnahme.

Das deutsche „Dallas“ also. Endlich eine Serie, die Flow hat und Timing. Endlich eine Satire, die das Versprechen dieses Genres einlöst, nämlich das Bittere heiter wirken zu lassen. Der beste und vielsagendste Satz fällt schon ziemlich früh, er fasst das Elend gut zusammen. Die Cable Cash AG feiert eine Party, und man hofft die ganze Zeit auf die Ankunft des großen Helden. Es wäre der Ritterschlag, aber es bleibt Warten auf Godot. Schließlich überbringt jemand eine Nachricht. Sie lautet: „Der Elon kommt nicht mehr, der muss morgen früh raus.“